Erziehungsberechtigt

Von Beautifulvenditti

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Geschwister einander nicht erziehen sollen. Klar, hin und wieder kommt es vor, dass die Grossen mal zehn Minuten auf die Kleinen aufpassen müssen, weil ich Luise schnell zur Ballettstunde fahren muss, oder weil mir die Abfallsäcke ausgegangen sind und es draussen schon zu dunkel ist, um ein Kind in den Laden zu schicken. Aber die Erziehung ist Aufgabe der Eltern, finde ich. Darum haben “Meiner” und ich neulich auch freundlich abgewinkt, als Karlsson vorschlug, er würde schon “die Kinder” hüten, damit wir ins Kaffee gehen könnten. Er hatte uns falsch verstanden, als wir erwähnt hatten, wir würden gerne nach dem Essen ungestört einen Kaffee trinken. Wir erklärten Karlsson, dass das wirklich sehr nett wäre von ihm, dass wir ihn aber gerne noch etwas länger Kind sein lassen möchten.

Während man dies Karlsson schon ganz gut weis machen kann, schert sich das Prinzchen einen Dreck darum, wer in diesem Hause die Erziehungsberechtigten sind. Er hat die Macht einfach an so sich gerissen. Und seither zetert er, kaum hat er fertig gegessen, seine grossen Geschwister aber noch nicht: “Chöme sofot, ei, twei, vie, düü!”, womit er sagen will, dass seine Geschwister jetzt gleich kommen sollen, er zähle jetzt noch bis drei und dann sei seine Geduld am Ende. Oder aber er liegt im Bett, bereit für den Mittagsschlaf und dann, wenn er die Grossen streiten hört, brüllt er: “Luise, Karlsson, höre fofot uuff!” Wenn dann doch die Tränen fliessen, macht er mich darauf aufmerksam dass “Zoowärter büelet” und dass ich jetzt gefälligst rennen soll, um dem armen Kleinen beizustehen.

Ist ja wirklich rührend, wie er sich seiner Geschwister annimmt. Was mich daran aber stört ist, dass “Meiner” und ich erklären, zetern, gut zureden, schimpfen und ermahnen können, so viel wir wollen und die Kinder tanzen uns weiter auf der Nase rum. Wenn aber das Prinzchen sein Machtwort spricht, sind sie plötzlich alle lammfromm und kuschen. So langsam beginnt mein Selbstbewusstsein darunter zu leiden. Da kommt so ein kleiner süsser Zwerg daher und bringt mit viel Charme und Hundeblick das zustande, was “Meiner” und ich oft vergeblich zu erreichen suchen. Vielleicht kläre ich mal ab, ob es legal ist, die Erziehungsberechtigung an das Prinzchen abzutreten. Er ist zwar noch sehr minderjährig, aber Autorität hat er momentan eindeutig mehr als “Meiner” und ich zusammen.