Erwacht in Rio de Janeiro

Von Kola813

Sun is for everyone, beach for a few. (Buscapé: City of God)

Wir befinden uns in der Stadt Gottes. In der Stadt, welche man nur aus dem Fernsehen kennt und welche mir seit dem ich den Film City of God gesehen habe nicht mehr aus dem Kopf geht.

Ein Film, der die Realität Rios aus Sicht eines Fotografen in den frühen 70er Jahren erzählt.

Ein ausgebüchstes Hühnchen, heruntergekommene Häuser, dreckige Straßen, Menschen mit Maschinenpistolen – strahlender Sonnenschein, ein Fotograf und bewaffnete Polizeibeamte. Rio in den 70er Jahren. Und wir mitten drin, fast 50 Jahre später – am Fuß einer der legendären Favelas in denen schon Locke der Boss sein Unwesen trieb.

Willkommen in Rio – Vidigal.

Vidigalhouse ist unser Ziel. Es ist kurz vor Mitternacht und unser mulmiges Gefühl überschattet die Müdigkeit. Das Hostel liegt mitten in einer der vielen Favelas Rios. Wir brauchen ein Bett und sichere vier Wände. Entschlossen und in großen Schritten betreten wir die Unterwelt, das Viertel der Armen, Kriminellen und Obdachlosen – so glaubt man! Vorbei an kleinen Läden, lauten Lokalen, ernst schauenden Einheimischen, tausenden auf der Straße liegenden Wahlzetteln auf schnellstem Wege zur rettenden Klingel des Hosteleingangs. Geschafft. Wir leben noch. Wo leben wir? In der Favela. Dort wo früher Drogenverkauf, Waffenbesitz und Mord selbst die Polizisten davon abgehalten hat auch nur einen Fuß hineinzusetzen. Wir müssen wahnsinnig sein, lebensmüde, verrückt. Wir liegen nicht tot auf der Straße sondern tot müde im Bett, genießen das Gefühl angekommen zu sein und freuen uns auf die nächsten Tage.

  • Uns ist bewusst, dass sich die Zeiten geändert haben. Durch Gespräche mit einer Einheimischen, welche ich in Vietnam kennenlernte erfuhr ich, dass die meisten Favelas der Stadt nicht mehr von Drogenbossen regiert werden und die Polizei stets ein wachendes Auge auf die Abläufe und Entwicklungen hat.
  • Hike auf die Two Brothers (Dois Irmãos)

    Ausgeschlafen und vom Frühstück gestärkt ging es mit Uli und Carsten einmal quer durch “unsere” Favela, vorbei an einem kleinen Sportplatz hinein in den Regenwald. Die nächsten anderthalb Stunden ging es auf der Westseite der Two Brothers vorbei an der größten Favela Rios (Rocinha) immer weiter Richtung Spitze.

    Vidigal


    Blick auf die Westseite Rios

    Wir sind angekommen. Angekommen auf dem Gipfel. Angekommen in Rio. Es ist windig, der kalte Schweiß kühlt unsere aufgeheizten Körper und wir genießen den wohl besten Blick auf die Stadt den man kriegen kann – wir sind überwältigt.

    Welt der Wunder

    Oben auf dem Corcovado erwartet er uns. Der Erlöser. Die über Rio wachende Erscheinung die den Namen Christo Redentor trägt und nichts geringeres ist als eines der sieben neuen Weltwunder. Mit der Zahnradbahn ging es durch die Tijuca-Wälder nach oben.

    Dort ist er also. Diese Legende die man sonst nur auf Bildern zu sehen bekommt und die eine Ausstrahlung hat wie Gandhi und Obama zusammen.

    Von der Aussichtsplattform auf der sich tagtäglich tausende Touristen befinden hat man einen wahnsinns Blick über Rio, 360° wohlgemerkt. Copacabana, Zuckerhut, Two Brothers und Christo in einem. So surreal der Punkt der Welt ist an dem wir uns gerade befinden so surreal erscheint diese Stadt von oben. Legendär. Ein anderes Wort fällt mir gerade nicht ein.

    Es heißt Abschied nehmen, Abschied nehmen mit dem Wissen, dass er weiter über uns und “sein” Rio wachen wird. Zurück auf die belebten Straßen der Stadt, rein ins Getümmel, vorbei an Essensständen, Kokosnussverkäufern und mit Graffitis überzogenen Fassaden. Wir landen in Lapa, bei den wohl berühmtesten Treppen der Welt. Auf einmal ist alles anders. Es ist als befände sich von jetzt auf gleich mitten auf einem indischen Markt, in Byron Bay oder beim Angkor Watt. Nur kleiner, mindestens genau so athmosphärisch. Sänger und Gitarrenspieler begrüßen uns auf dem Weg zu einem Museum auf offener Straße: Bunte Fließen, gelbe Treppenstufen, Alternative und ein Fotoapparat.


    Altstadtwanderung und Copacabanaflair

    Santa Teresa ist ein malerischer, auf dem Hügel gelegener Stadtteil der sich deutlich von anderen Stadtteilen unterscheidet. So oder so ähnlich wird Santa Teresa zumindest auf Wikipedia beschrieben. Wir wollten uns selbst ein Bild machen, setzten uns in einen der vielen Stadtbusse und landeten letztendlich in der wohl schönsten Altstadt in der ich bisher gewesen bin. Ein Straßenbahngleis führt durch die Gassen Santa Teresas. Der Betrieb der Straßenbahn, welche übrigens zu den ältesten Straßenbahnlinien der Welt gehört wurde 2011 eingestellt als bei einem Unfall 6 Personen zu Tode kamen. Bunte Häuser, athmosphärische Lokale, ein atemberaubender Blick auf Rio, entspannte Menschen und die Ruhe abseits von Rios lauten Straßen lässt einen den Stress des Reisenden für ein paar Stunden vergessen.



    Unsere letzten Stunden in Rio verbrachten wir an einem der berühmtesten Strände der Welt – der Copacabana. Braungebrannte Schönheiten, Hochhäuser, Meeresrauschen und Sportfreaks. Aber letztendlich ist es doch nur ein Strand. Nichts außergewöhnliches. Nichts was einem vom Stuhl haut – außer vielleicht die tatsächlich besser schmeckenden Caipirinhas, der Sonnenuntergang am Ipanema Beach mit Blick auf die Two Brothers und einer Mondfinsternis die den Mond blutrot färbt.