Erich und Du (II)

Von Erichkimmich @Erich_Kimmich

Das Schicksal meines Onkels

Im Herbst 1942 geht es offenbar kurzzeitig nach Dänemark und bereits Anfang Januar 1943 ist Erich unterwegs nach Frankreich, nach Paris. In einem ausführlichen Brief erklärt er, warum es nicht mehr so einfach ist, Präsente nach Hause zu schicken: erstens gibt es längst nicht mehr alles zu kaufen und zweitens seien die Preise zu hoch.

Erich schrieb am 30. Januar 1943, damals vermutlich bereits in Südfrankreich angekommen:  … „Paris ist, überhaupt,  eine solche Weltstadt, eine bleibende Erinnerung. Glaube kaum, dass ich allzuleicht nochmals Gelegenheit habe, Paris so günstig zu sehen, wie beim Kummis.“

Paris, die Weltstadt

„Da entfalten sich Bilder, die einem neu sind und an der Seele haften bleiben. Menschen, Bauten, Leben und Treiben in Straßen und Lokalen usw. Schade, daß ich da nicht französisch kann. Doppelt soviel hätte man an Unterhaltungen, man könnte sich einfach viel besser verständigen. (…)  Sitze heute auf Wache und es ist ausnahmsweise Regenwetter. So im allgemeinen ist der Dienst immer derselbe, mitunter einmal etwas Unterschied vom Geländedienst…“

Irgendwann im Jahr 1943 kommt er ein paar Tage auf Urlaub nach Schramberg in seine Schwarzwälder Heimat:

Am 27. April – über Ostern – berichtet er von einem Besuch in Paris. „Wir machten einen Besuch in der Madeleine-Kirche. Ganz großartig, die Kunst, überhaupt die ganze Innenausstattung. Gegessen haben wir am Nachmittag, Ragout, Ei mit Blumenkohl und Kartoffeln. Am Abend Beefsteak, Kartoffel, Spargel.“ (…)

In einem Brief zuvor scheint er Befürchtungen wegen der Kriegsereignisse ausgelöst zu haben, die er nun wieder abschwächt: „Nur hoffe ich soviel, dass meine Aufklärung darüber genügt, weil ich das weitere selbst erst auch abwarten muß. Also, ich hege absolut keine großen Befürchtungen. Mir selber ist es auch recht, wenn ich einmal weiß, wie es für mich ausfällt. Angst habe ich nicht, was kann schon viel passieren, wegen einem Brief schreiben…“

Am 2. Juli 1943 bedankt er sich aus Südfrankreich für eine Karte, die er zu seinem 20. Geburtstag erhalten hat und schreibt: „… Da bin ich ja höchst erstaunt, daß der Franz schon zur Musterung mußte. Bestimmt ziehen Sie den Jahrgang 1926 bis zum Winter hin ein. Mit der Zeit wird eben noch jung und alt eingezogen. Je länger der Krieg dauert um so mehr Leute gebraucht man.“
„Wir liegen nicht mehr allzu lange hier u. hoffentlich gehts bald wieder weg von hier. Zur Zeit haben wir Wind und Sandstürme hier, das ist eine ekelhafte Schweinerei. Da reißt’s einem gar bald um, da hat man alles übervoll mit Sand…“

Im Februar 1944 berichtet er in einem Brief von seiner Beziehung mit „Georgette“: „Glauben und Konfessionsangehörigkeit ist wohl wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Die Hauptsache ist die Liebe, die Sympathie.“

Mit viel Zweckoptimismus schreibt er über die allgemeine Lage: „Komme, was immer kommen mag, alles ist Bestimmung. Und wenn die ganze Welt verwirrt u. durcheinander ist, einmal kommt doch Ruhe und Ordnung. Die Hoffnung darf man nie verlieren u. dann kann selbst der Teufel durch die Welt gehen.“

Mit dem Fahrrad lernte er im April 44 erstmals in Südfrankreich das sogenannte Hochgebirge kennen. „Im Hintergrund dieses Gebirges erscheinen wiederum die Pyrenäen.“

Ende Juli 1944 sorgt er sich, dass er über kurz oder lang einmal zum Einsatz kommen wird. Doch er weiß nur Ungefähres und nichts Genaues über einen Einsatz. Seine Kompanie wird dann in Partisanenkämpfe verwickelt. Die Partisanen halten sich in den Bergen versteckt und überfallen die Deutschen aus dem Hinterhalt heraus.


Schon ist der Aufenthalt in Frankreich zu Ende: Am 6. November ist er bereits in Neumünster und erlebt einen Fliegerangriff.  Schon wenige Tage später ist er nach einer langwierigen Eisenbahnfahrt in Stendal angekommen. Über Northeim gelangt er im Dezember 1944 über Duisburg nach Krefeld und erwartet, bald gegen die Engländer und Amerikaner kämpfen zu müssen.

Bereits am Zweiten Weihnachtstag ist seine Kompanie in Holland, in der Nähe von Amsterdam stationiert. „Noch 50 km bis zur Nordsee,“ schreibt er.

„Holland ist topfeben. Ein saubres, armes, ausgebombtes Städtchen. Die Bevölkerung ist sehr freundlich… Das heißt: Die Holländer würden es lieber sehen, wenn an Stelle der Deutschen, der Amerikaner in ihrem Ländchen wäre. Wir Deutsche sind ja überall verhaßt und Holland macht ja hierinn keine Ausnahme. Mit großer Spannung sehen wir dem neuen Jahr ‚1945‘ entgegen.

Weihnachten war bei uns eine ziemlich traurige Angelegenheit…. Erstens waren wir im Viehwagen, auf dem Bahntransport und zweitens hatten wir nicht die geringste Weihnachtsgratifikation. Nichts, aber auch rein gar nichts. Gott sei Dank, hatte uns der Tommy in Ruhe gelassen auf unserer Fahrt. „

28. Dez. 1944:  „Kaufen kann man in Holland praktisch so gut wie gar nichts, wenigstens da wo wir uns befinden. Denn Holland ist vollständig verarmt u. zum Teil sind die Städte auch ganz gewaltig durch Bombenangriffe in Mitleidenschaft gezogen. (…) Schnee hat es in Holland nicht, aber dafür ist es entsetzlich kalt durch die Luft, durch die Winde der Nordsee.“



Am Ende fügt er prophetisch an: „Wenn es mir augenblicklich gerade nicht am besten geht, so seid nicht zu stark besorgt, denn es ist alles nach Gottes großem Wille. Die schlimmen und schlechten Tage, die rücken jetzt näher… wenn wir im Einsatze stehen.“

In Leerdam klopft er bei Privatleuten namens Iterson an die Tür und bittet um eine Kopfschmerz-Tablette. Am Tag darauf bedankt er sich mit einem kleinen Besuch, lässt sich zum Tee einladen und es entsteht eine kleine Freundschaft zu diesem jungen Soldaten aus dem Schwarzwald, der keine Lust hat, mit seinen Kameraden jeden Tag die Propagandafilme im Kino anschauen zu müssen.

In den ersten Wochen des Jahres 1945 werden die Soldaten an die Ostfront verlegt. Die Russen rücken näher und näher. Das letzte Lebenszeichen von Erich stammt aus Holland. Vermutlich kommt er in Schlesien bei den heftigen Kämpfen ums Leben. Itersons haben von ihm die elterliche Adresse bekommen und melden sich nach Ende des Krieges, um zu hören, wie es ihm ergangen ist. Seine Mutter – immer noch verzweifelt auf ein Lebenszeichen wartend – nimmt Kontakt auf zu den Menschen auf, die zuletzt mit Erich zu tun hatten.

So kommt es, dass die Itersons zusammen mit Freunden einen Besuch im Schwarzwald machen. Bei einem dieser Besuche lernt einer der begleitenden Söhne die Nichte von Erichs Mutter kennen, die er später heiratet. Der sechs Jahre jüngere Sohn hat den Krieg überlebt. Als er 1959 Nachwuchs bekommt, wird der kleine Junge auf den Vornamen seines gefallenen Bruders getauft.

Um die Begegnung mit Erich während der Kriegswirren in Leerdam dreht sich nun ein Schauspiel, das ein engagierter junger Regisseur namens Tjoerd Zweije Anfang Mai 2016 in Leerdam aufführen wird. Er hat das Stück „Erich und Du“ genannt.

  

Mai 1940. Plötzlich ist der Krieg, auch in Leerdam.
Wie war das? Was bemerkte man davon? Gab es Juden?
Gab es Widerstand? Was taten die Nazis?

Eine Suche nach Antworten führt zu besonderen Geschichten,
überraschenden Einsichten und manchmal einfach noch mehr Fragen.
Unsere Reise führte uns zu Gesprächen mit älteren Leerdammern,
führte uns nach Schramberg in Süddeutschland, gab vergessenen
Namen ein Gesicht und bestärkte uns darin, diese Aufführung zu machen.

Die Vorstellung wird Ihnen über einen Glockenraub erzählen, über
die Kirche, über die V1-Raketen, über umgekommene Leerdammer
und über diese wunderbare Geschichte der Freundschaft zwischen
einer Leerdammer Familie und einem deutschen Soldaten.

Erich und Du ist ein Dokument des Krieges in Leerdam.
Sie sind herzlich eingeladen.

Mein Vater und ich werden am Wochenende nach Leerdam fahren und die Aufführung miterleben können. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende…

Diesen Beitrag kommentieren
Reageer op dit bericht
Commentaire sur ce post