Er erscheint liebenswürdig, da er Franzose ist. Lebens-Lagen #37: 20. Mai

Von Vigoleis01

Als Kammerherr der Königin Elisabeth Christine (1715-1797) hatte Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff (1727-1811) intimste Einblicke in das Leben am preussischen Königshof.

Im Alter von nur 19 Jahren war er 1745 von Elisabeth Christines Gemahl Friedrich II. an den Hof berufen worden: sein respektloses Tagebuch mit fast täglichen Einträgen umfasst die Jahre 1750 bis 1775. Die Bedeutung des Dokuments liegt in der Regelmässigkeit und schamlosen Direktheit der Eintragungen, die ein quasi unzensiertes Bild des bisweilen opulenten, hemmungslosen preussischen Hoflebens zu vermitteln imstande sind.

Am 20. Mai 1754 notierte er:

“Ich spaziere vormittags im Tiergarten herum. Die Einsamkeit hat für mich einen ganz besonderen Reiz, wie ihn mir kein anderes Vergnügen gewähren kann. Dann bleibe ich bis 6 Uhr zu Hause, um meinen Pusendorf zu lesen. Am Hof wohne ich der Vermählung der Dönhoff mit dem Grafen Solms bei. Die Vermählte sieht sehr gut aus, und es tut uns allen leid, sie vom Hof zu verlieren. Indem wir sie in ihr Heim begleiten, bin ich im Hinblick auf ihren kleinen Haushalt darüber erstaunt, wie man mit so wenig Vermögen sich zum Heiraten entschliessen kann. – Ich stelle der Königin Herrn Gisors, einen Sohn des Herzogs von Belle-Isle, vor. Er erscheint liebenswürdig, da er ein Franzose ist; wäre er ein Deutscher, so würde man ihn unfreundlich finden. Wir werden niemals von solchen Vorurteilen zurückkommen. – Der König gibt Frau v. Barleben eine Pension. Es ist die Witwe eines Mannes, der Gott lästerte, falsch gegen seinen Nächsten war, nur sich selbst liebte, endlich nur Religion besass, wenn er krank war.” 1


1. Aus: Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff. Die Tagebücher des Grafen Lehndorff. Hg.v. W. Giebel. Berlin Story 2012.

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