Endlich weitergeträumt – Dreamfall: Chapters steht in den Startlöchern

Erstellt am 14. September 2014 von Michael Fuchs @lpgeilde

Artikelinhalt

  • 1 Endlich geht die Reise weiter!
  • 2 Die zwei ersten Teile und der böse Cliffhanger
    • 2.1 The Longest Journey
      • 2.1.1 Was war das hier doch gleich nochmal?…
      • 2.1.2 Erzähl uns eine Geschichte, nur noch eine, bitte bitte!
      • 2.1.3 Die Technik
    • 2.2 Dreamfall
      • 2.2.1 6 Jahre später…
      • 2.2.2 Ei, wer bist du denn?
      • 2.2.3 Die Technik – oh mein Gott, VOLLPLASTISCH?! Und hier gibt’s noch mehr?
      • 2.2.4 …wie war das doch gleich…?…Ach ja, das Ende…
  • 3 Weitergeträumt – Dreamfall: Chapters
    • 3.1 Entwicklung
    • 3.2 Die Story
    • 3.3 Die Technik
    • 3.4 “Chapters” – wortwörtlich.

Endlich geht die Reise weiter!

Acht verdammt lange Jahre. Das muss jetzt einfach gut werden. So lange mussten sich die Fans der norwegischen Spielereihe gedulden, bis der Release des nächstens Teils der Serie nun endlich zum Greifen nah ist. Am 30. Oktober 2014 wird das Adventure Dreamfall: Chapters in den deutschen Regalen erscheinen und wird auf Amazon bisher mit einem Preis von 29,99 € gelistet – das ist durchaus anständig und auf Grund der durchaus Eindruck-schürenden Ankündigungen sogar ein recht geringer Preis. Doch man wird sehen, ob Red Thread Games den Erwartungen gerecht wird.

Doch von vorne.

[Dieser Artikel ist bis zu den News zu Dreamfall: Chapters spoilerfrei und wird dort dementsprechend gekennzeichnet]

Die zwei ersten Teile und der böse Cliffhanger

The Longest Journey
Was war das hier doch gleich nochmal?…

1999 begann bei Funcom in Norwegen die Reise – und ein Jahr später bei uns. Der erste Teil der Reihe, The Longest Journey, aus der Feder von Ragnar Tornquist, gilt in der Adventure Community als einer der großartigen Klassiker. Das heute natürlich durchaus pixelige Point&Click Adventure entführt uns gleich in zwei atemberaubende Welten, die auch heute noch in Zeiten von HD nichts von ihrem Charme eingebüßt haben.

Erzähl uns eine Geschichte, nur noch eine, bitte bitte!

Gemeinsam mit der jungen Kunststudentin April Ryan erkunden wir in der Welt des Jahres 2209 ihre Heimatstadt Newport, eine fiktive Großstadt Nordamerikas, die von Technik und Utopie geprägt ist. An dieser Stelle sei nicht zu viel verraten (spielt es am besten selbst,wenn ihr es noch nicht getan habt), doch die von seltsamen Träumen heimgesuchte April wird nicht lange in Newport verweilen, denn ein Unheil steuert auf ihre Heimat zu, welches nicht nur ihre Welt bedroht…und die junge Frau soll hierbei unfreiwilliger Weise eine ganz besondere Rolle spielen, doch welche, ist ihr noch nicht bewusst. Gezwungen, in einer Geschichte mitzuwirken, die viel größer und bedeutsamer ist, als sie ahnt, muss sie schließlich ihr Zuhause und ihre Freunde zurücklassen – und erkennen, dass es noch eine andere Welt, als die ihr bekannte gibt.

Stark, die technisierte Utopie (und Aprils Zuhause) und Arcadia, ein magisches Reich, liegen seit je her im Gleichgewicht miteinander, bewacht vom Hüter. Doch der Hüter hat seinen Platz verlassen – und so droht das Gleichgewicht zusammenzubrechen und immer wieder kommt es zu Einbrüchen der wilden und fantastischen Welt von Arcadia in das logische und kühle Reich von Stark, wovon dessen Bewohner jedoch kaum etwas ahnen.

Auf einer tatsächlich “langen Reise” begleitet der Spieler April, die sich in ihrer neuen Rolle jedoch gar nicht so wohl fühlt. Und genau das macht dieses Spiel symphatisch, das nicht mit Humor, offener (und durchaus erwachsener) Sprache und vielen fantastischen Geschichten geizt. Selten hat man so gut geschriebene Charaktere gesehen, welche einem direkt mit all ihren Marotten und ihrer Art ans Herz wachsen und das ein oder andere Mal ist auch mir ein Tränchen über die Wange gerollt – aus Trauer, vor Lachen oder einfach aus Rührung. Die Landschaften und Szenerien wirken unglaublich stimmig und schaffen gemeinsam mit der Musik, der vorbildlichen Lokalisation (Synchronisation) und der extrem mitreißenden und guten Geschichte eine sehr dichte Atmosphäre, welchen einen nicht mehr so schnell loslässt. Also Pflichtprogramm für Alle: Unbedingt spielen!

Die Technik

Durch die im heutigen Vergleich sehr umfangreiche Spielzeit führt uns in bekannter Point&Click Manier der Mauszeiger, mit welchem wir an Schauplätzen, Gegenständen und Personen aus einem Päckchen aus “Betrachten”, “Reden” und “Benutzen” wählen dürfen – und das genügt hier auch vollkommen.

Nicht ganz so einfach nimmt es die grafische Gestaltung, denn im Gegensatz zu den meisten Adventures der 90er Jahre blickt man hier nicht auf gezeichnete Comicfiguren, sondern auf gerenderte Charaktere mit naturalistischer Ausgestaltung – dennoch setzt man hier auf die Maussteuerung und nicht etwa, wie in zeitgleichen Klassikern (Grim Fandango beispielsweise) auf das reine Verwenden von Tastatur oder Joypad. Optisch heute also nicht mehr ganz so einfach für den verwöhnte Sehnerv (früher war doch eh alles besser!), aber die Cutscenes und die detailliert ausgestaltete Spielwelt entlohnen für das Eingewöhnen der Augen.

Dreamfall
6 Jahre später…

Ja, auch hier musste man lange warten, bis Funcom uns 2006 die Reise fortsetzen ließ – doch es lohnte sich, wenn auch auf eine unerwartete, aber der Zeit entsprechenden Art und Weise! Mit Dreamfall setzt Schreiberling Ragnar Tornquist die mitreißende Geschichte fort – doch sofort zu Beginn des Spiels fragt man sich: Wo ist April? Wo ist meine sympatische freche Heldin? Und wo bin ich hier überhaupt?

Ei, wer bist du denn?

In Dreamfall schlüpfen wir in die Haut einer anderen, Zoe Castillo, die im Casablanca des Jahres 2219 lebt – also satte 10 Jahre nach den Geschehenissen des ersten Teils! Da möchte man natürlich umso mehr wissen, was mit April Ryan passiert ist. Doch zunächst konzentriert sich die Handlung auf die Welt von Stark, in der wir eigentlich nur nach einem verschwundenen Freund suchen – und dabei unangenehmer Weise auf eine viel größere Verschwörung stoßen, die uns noch gefährlich werden soll. Dreamfall zeigt sich ganz anders, als wir es von seinem Vorgänger gewohnt sind. Wieder soll nicht zu viel verraten sein – nur ein kleiner Appetithappen…

Ein Vergleich. Links Dreamfall, rechts The Longest Journey

Die Technik – oh mein Gott, VOLLPLASTISCH?! Und hier gibt’s noch mehr?

Dreamfall spielt sich wesentlich dynamischer und auch die Handlung erscheint einen Ticken intensiver, aufregender und wacher, als das durchaus erwachsene, aber auch verträumte The Longest Journey. Die Grafik hat natürlich eine Überholung erfahren, das erwartet man im Jahre 2006, aber trotz des gleichgebliebenen Adventurecharakters finden wir uns nun in einer dreidimensionalen, frei begehbaren Welt wieder und schauen nicht etwa von der Seite auf die Szenerie, wie noch im Vorgänger. Und so erscheint es umso spannender, alt bekannte Orte wiederzuentdecken und zu erforschen, was uns bisher nur in pixeliger Seitenansicht in Erinnerung liegt. Und auch die Steuerung mutet neu an – mit WASD und Maus (oder empfehlenswerter Weise mit Gamepad) erkunden wir in Third-Person Ansicht die beiden Welten.

Denn natürlich kehren wir nach Arcadia zurück – und finden uns bei alten Freunden und neuen Feinden wieder. Doch unser erster Besuch in der magischen Welt findet nicht mit der symphatischen Zoe statt – wir werden direkt in ein Kampfgetümmel geworfen, nachdem uns eine Cutscene die anwesenden Charaktere und einen Einblick in die aktuelle Situation Arcadias gegeben hat. Und ja, da steht “Kampfgetümmel” – denn hier darf man an der ein oder anderen Stelle auch mal die Waffen schwingen; auch, wenn dies auf bestimmte Situationen begrenzt ist und sich einem Beat-‘em-up System unterwirft. Hier haben wir neben der Steuerung und der Grafik ein weiteres Element, welches Dreamfall auf technischer und spielerischer Seite durchaus interessant und im Adventuregenre auch “neu” macht. Doch wer ist nun die schwarzhaarige junge Frau, die alle als ihre Anführerin nur Raven rufen und die so verbittert und kühl erscheint?…Es bleibt spannend.

Und spannend ist ein weiterer Neuerungsaspekt, der eigentlich schon genannt wurde. Der Handlungsstrang um Zoe bildet zwar die Hauptgeschichte, doch wir dürfen an Wendepunkten des Spiels immer mal wieder zu den beiden anderen Handlungen, die natürlich ebenso bedeutsam sind, zurückkehren. De Fakto spielen wir also abwechseln drei Personen, deren Leben und Geschichten sich immer mehr mit dem Schicksal von Stark und Arcadia verknüpfen, während sich mit Zoe ein neuer Aspekt der Verbindung von magischer und technisierter Welt aufdeckt, denn auch sie scheint wie April eine besondere Verbindung zu Träumen zu haben, die sich jedoch in ganz anderer, neuer Form äußert.

Im Übrigen dürfen wir hier nicht nur durch die Gegend rennen, sondern auch schleichen: ähnlich, wie in Schleich-Shootern (nur leider ohne die Waffe…) muss man durchaus knackige Levelabschnitte meistern, ohne dabei entdeckt zu werden – und ach ja: Gerätselt werden darf natürlich in diesem Adventure auch. Auf übliche Art mit Inventarobjekten, als auch durch Minispiele (beispielsweise Hacken) und auch mal in Kombination aus Schleichen und Puzzlespiel (und wer jetzt weiß, welche Stelle ich meine, der fluche mit mir…).

Dreamfall ist mit seinen Rätseln und besonderen Gameplayeinlagen kein leichtes Spiel, hat jedoch eine kürzere Dauer als sein Vorgänger. Die Story wirkt um einiges düsterer und erwachsener, auch, wenn sie noch so sonnig in Casablanca beginnt. Orte, die uns in schöner harmonischer Erinnerung liegen, finden wir verwahrlost und abgeranzt wieder, Freunde aus dem ersten Teil haben unser April-Alter Ego schon beinahe vergessen und das lässt einen doch schon das ein oder andere Mal sehnsüchtig zurückdenken und seufzen. Ein deutlicher Pluspunkt in Sachen Story, denn Dreamfall zieht uns noch tiefer in die Materie der Welten, die Ragnar Tornquist hier erschaffen hat und lässt uns mitfiebern, rätseln, lachen und die Luft anhalten, aufatmen und die Hand vor die Stirn schlagen, wenn wir endlich den ein oder anderen Zusammenhang erkennen und es uns wie Schuppen von den Augen fällt.

Erzähltechnisch eine der ganz großen Serien. Doch Moment…da war doch was…ach ja!

…wie war das doch gleich…?…Ach ja, das Ende…

Das Ende…ich erinnere mich noch, wie ich The Longest Journey und Dreamfall direkt hintereinander spielte und am Ende von Dreamfall mit offenem Mund da saß und sofot Tante Google befragte, ob es einen nächsten Teil gibt – ich wollte schließlich sofort weiterspielen.Und wer Dreamfall erfolgreich beendet hat, weiß auch warum. Das Spiel endet (kein Spoiler) mit einem RIESIGEN Cliffhanger und lässt Spieler der ersten Stunde tatsächlich 8 Jahre im freien Fall (beinahe wortwörtlich…argh, fast wäre es doch ein kleiner Spoiler geworden).

Kommen wir also endlich zu Dreamfall: Chapters.

Weitergeträumt – Dreamfall: Chapters

Entwicklung

Als Studioname prangt hier nun nicht mehr Funcom. Doch keine Bange, der Autor der Reihe, Ragnar Tornquist, bleibt uns erhalten. Und mit ihm sein Team von Dreamfall. Denn zum Zweck der Finanzierung via Kickstarter.de schloss sich die Gruppe zu einem unabhängigen Entwickler-Team unter dem Namen Red Thread Games zusammen und eröffnete im Frühjahr 2013 die Möglichkeit, sich finanziell an der Entwicklung zu beteiligen. Wobei, nebenbei gesagt, einige ziemlich coole Arten eines Dankeschöns der Entwickler winkten. Wer richtig viel Geld abdrückte, soll nicht nur diverse Ingame und Echtitems erhalten, sondern auch die Möglichkeit, in begrenzter Weise einen eigenen Charakter im Spiel mitzugestalten, als auch den eigenen Namen durch einen NPC ausrufen zu lassen – na da sind wir ja mal gespannt und freuen uns auf diese nette Geste!

Die Story

Doch was erwartet uns? Nach dem Cliffhanger dürfen wir auf jeden Fall wieder mit Zoe Castillo rechnen, deren Geschichte am Ende von Dreamfall sozusagen gerade erst richtig begonnen hat. Hauptthema von Dreamfall:Chapters und auch sich während dem Vorgänger Dreamfall etablierendes Storyelement wird das Träumen sein, wie man ja auch schon dem Titel entnehmen kann.

[SPOILER zu Dreamfall]

Bei Zoe Castillo handelt es sich nicht wie bei April um eine Reisende, sondern um einen Träumer. Über das Träumen kann sie in die Welt von Arcadia gelangen, befindet sich jedoch mit ihrem eigentlich Körper noch in Stark. Schon während Dreamfall wurde eine weitere Welt, zusätzlich zu Stark und Arcadia eröffnet, in welcher man sich quasi zwischen den Welten befindet – ein Reich der Träume. Zoe wird sich hier zunächst frei bewegen können, trotz ihres körperlichen Zustandes, der aus Dreamfall resultiert. An einem späteren Punkt wird jedoch auch Stark wieder erkundbar sein.

[ENDE des Spoilers zu DREAMFALL]

Die Technik

Auch in Dreamfall:Chapters soll man an bestimmten Stellen der Story zwischen den Spielercharakteren wechseln können und somit auch in den vollen Genuss des neuen Dialog-und Handlungssystems kommen können. Denn hier dürfen erstmals in der Reihe Entscheidungen gefällt werden, die unter anderem über Leben und Tod von Charakteren entscheiden. Das klingt doch vielversprechend!

Der Nachfolger der beiden großartigen Spiele soll, ganz wie Vorgänger, sein größtes Augenmerk auf die Story gelegt haben und man darf hoffen, dass er die Reise ebenso grandios beenden wird, wie The Longest Journey sie begonnen hat. Denn Ragnar Tornquist kündigte bereits an, dass dieser Teil den letzten der Reihe bilden wird.

Allerdings wird das zeitlich wohl nicht ganz so schnell vonstattengehen…

“Chapters” – wortwörtlich.

Dreamfall: Chapters wird nämlich in Kapiteln oder auch Büchern erscheinen, worauf auch schon auf der Amazon Produktseite hingewiesen wird. Mit dem Kauf der Box erhalten wir somit, so die dortige Angabe, “Buch 1: Reborn” und erhalten die weiteren 4 Episoden in einem Abstand von etwa 10-12 Wochen – ohne weitere Kosten, automatisch durch Steam hinzugefügt und quasi “geupdatet”. Bei einem Releasepreis von “nur” knapp 30 € wollen wird das auch hoffen, auch, wenn die Ankündigungen Hoffnungen auf einen würdigen Nachfolger und ein richtig gutes Spiel wecken.

Erscheinen soll das Spiel zudem, neben der PC Version, auch für die Playstation 4; dieses Feature wurde Mitte August von Sony angekündigt. Eventuelle Downgrades für frühere Plattformen wurden nicht ausgeschlossen, doch seien die Playstation 4 und PC Varianten zunächst vorrangig.

Resultierend aus der Möglichkeit, eigene Entscheidungen treffen zu können und somit auch die Story zu beeinflussen, belobte man auf der Gamescom diesen Jahres auch das Steam-Feature, welches einem die Möglichkeit geben soll, die eigenen Entscheidungen mit denen der Freunde und anderen Spieler zu vergleichen. Ragnar Tornquist verspricht sogar, das Element des Storytellings im Allgemeinen in der Welt der Spiele durch Dreamfall: Chapters weiterzuentwickeln und zu erweitern.

Es empfiehlt sich auf Grund der immensen Storytiefe und der Verbundenheit zu alten Bekannten und Charakteren aus den vorherigen Teilen, auch die Vorgänger zu spielen, bevor man sich an Dreamfall:Chapters setzt. Auch, wenn bereits angekündigt wurde, der Titel solle auch einsteigerfreundlich für Neulinge sein. (Nix gibt’s, das wird jetzt vorher noch gespielt! So!)

Man darf also gespannt sein, was da Ende Oktober kommen wird und ob wir uns für ein weiteres großartiges Adventure aus der Feder von Ragnar Tornquist und seinem Team während dem herbstlichen Wetter einmummeln dürfen, um unsere “lange Reise” nach so vielen Jahren fortzusetzen und mit Dreamfall: Chapters unsere Geschichte selbst zum Ende zu bringen.