Einer hat geplaudert: Brüsseler Europa-Korrespondent Detlef Drewes verliert die Nerven.

Für mich war es wie eine Sensation, als die Allgäuer Zeitung (d. h. eigentlich die Augsburger Allgemeine, von der die AZ ihren "Mantel", also jene Seiten bezieht, die nicht lokalspezifisch aus dem Allgäu berichten) am heutigen Donnerstag auf S. 1 mit der Schlagzeile erschien: "Euro-Rettung kostet Deutschland mehr als erwartet" (Untertitel: "Hilfsfonds. Italien und Spanien können ihren Verpflichtungen wohl nicht nachkommen").
Ich ging also heute gegen Mittag an den PC um diese Meldung zu suchen; auf der Webseite war sie jedoch nicht unmittelbar zu sehen. Verschwunden war sie nicht; mit der Suchfunktion konnte man sie problemlos aufrufen. Auch wenn die Zeitung natürlich bereits gestern gedruckt wurde und die Meldung mithin für Internet-Verhältnisse 'schon älter' war hätte ich doch erwartet, sie sofort beim Aufrufen der Poltik-Seite der AA aufzufinden. Es mag aber sein, dass auf der Webseite der Augsburger Allgemeinen die neueren Nachrichten automatisch die älteren verdrängen; daher will ich den Umstand, dass diese Meldung schon ins Archiv gerutscht war, nicht verschwörungstheoretisch ausdeuten.
Indes fällt auf, dass in den "großen" Medien keine derartige Meldung gebracht wurde.
Ich schaute dann etwas genauer hin und stellte fest, dass dieser Aufmacher nicht aus der Meldung einer Presseagentur stammt, sondern von dem Brüsseler Korrespondenten (und früherem Ressortleiter Politik und Wirtschaft der Augsburger Allgemeinen) Detlef Drewes (hier seine Homepage) verfasst wurde (unter Mithilfe des Augsburger AA-Redakteurs Michael Stifter, der aber allenfalls nebensächliche Informationen beigesteuert hat). Da Drewes für eine ganze Reihe von deutschen Regionalzeitungen tätig ist, sind ähnliche Artikel in vielen Blättern erschienen; aber eben nur von Drewes, nicht von anderen Journalisten und insbesondere nicht von Presseagenturen.
Worum geht es? O-Ton Drewes aus dem AA-Artikel: 
"Im September müssen die Euro-Länder die nächste Rate in den Rettungsfonds für Griechenland einzahlen. Auf Deutschland kommen dann wohl deutlich höhere Kosten zu als bislang erwartet. Grund ist die dramatische finanzielle Lage in Italien und Spanien. Nachdem beide Länder angekündigt haben, sich kaum an den Hilfen für Athen beteiligen zu können, müssen die übrigen Euro-Länder deren Anteil übernehmen. Wie hoch die Mehrbelastung für Deutschland ausfällt, ist noch unklar. Fest steht nur, dass Spanien und Italien nach bisheriger Planung zusammen rund 30 Prozent der nächsten Tranche schultern sollen. Derzeit sieht es aber nicht danach aus, als könnten sie die Mittel dafür aufbringen. Die Schuldenkrise in den beiden Ländern hat sich in den vergangenen Tagen weiter zugespitzt. Das Vertrauen in die wirtschaftliche Stabilität Italiens und Spaniens schwindet rasant. Um sich Geld an den Finanzmärkten leihen zu können, müssen sie mittlerweile Risikoaufschläge von mehr als sechs Prozent bezahlen."
Was nicht völlig klar rauskommt bei ihm ist die Tatsache, dass nach den einschlägigen Vereinbarungen Länder dann die Teilnahme an den Rettungsaktionen verweigern können, wenn sie selbst höhere Zinsen für die Anleihen bezahlen müssten, als sie von den Empfängerländern (also Griechenland, Irland und Portugal) bekommen.
Der reguläre deutsche Anteil beträgt  27,1, wenn alle Länder sich beteiligen. Beteiligt sich aber nur ein Teil der Länder, und bringt dieser nur 70% der regulären Gesamtsumme auf, würde (wenn ich richtig gerechnet habe) Deutschlands Anteil auf ca. 39% steigen (25 v. H. bezogen auf total nur 70%). Die Steigerung der deutschen Bürgschaftssumme, und damit der potentiellen (bzw. in meinen Augen: wahrscheinlichen!) Belastung würde sich also durch den Ausfall dieser beiden Länder auf ca. 44% belaufen, oder, anschaulicher gesagt: sie würde um beinahe 50% anwachsen!
Das ist ein Hammer, und es wundert mich, dass anscheinend kein anderes Presseorgan, und nicht einmal die äußerst rettungskritische FAZ, über diesen Sachverhalt berichtet. Überhaupt kommt mir das Ganze wie ein "Außer-Takt-geraten" der Medien vor, die zwar (wohl zum weit überwiegenden Teil, aber doch:) nicht alle den Rettungsschirm unterstützten, die aber im redaktionellen Teil doch einen gewissen Gleichklang haben, u. a. weil sie sich großenteils auf Agenturmeldungen beziehen. Der Vorgang hat für mich etwas Merkwürdiges; wäre ich nicht selbst ein heftiger Bailout-Gegner, würde ich ihn sogar als beunruhigend ansehen.
Die Politik wird wahrscheinlich nur deshalb nicht allzu beunruhigt sein, weil eben diese Meldungen nur in (wenn auch sehr vielen!) Lokalzeitungen erschienen sind. Ansonsten würde in Berlin bei unserer Regierung wahrscheinlich die helle Panik um sich greifen, weil man eine derartige Meldung gerade zum jetzigen Zeitpunkt, wo kurzfristig die Zustimmung des Parlaments zu weiteren Hilfen erwirkt werden soll, am allerwenigsten gebrauchen kann. Wäre die Meldung "Deutsches Bürgschaftsrisiko steigt um 50%" auf den Titelseiten der großen Zeitungen erschienen, würden sich die Bundestagsabgeordneten mit einer flammenden Protestwelle der Wähler konfrontiert sehen.
Trotzdem würde es mich nicht wundern, wenn man irgendwie versuchen würde, den Herrn Drewes als Korrespondenten vorsichtshalber abzusägen; der Mann hat sich als unverlässlich erwiesen, er stellt sozusagen ein Sicherheitsrisiko für die Finanzmärkte und ihre politischen Bundesgenossen dar. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, seine berufliche Entwicklung weiterzuverfolgen, soweit das via Internet möglich ist.
Ich bin, wie gesagt, dem Detlef Drewes für seinen Artikel dankbar. Trotzdem rätsele ich einigermaßen darüber, was ihn dazu bewogen hat, jetzt konkret wieder darauf aufmerksam zu machen.
Grundsätzlich ist der Sachverhalt bekannt; schon vor längerer Zeit hatte ich in irgendeinem Medienbericht gelesen, dass Deutschland ein solches Risiko droht. Die Frage ist aber, aus welchem Grund Drewes das jetzt aufgegriffen hat. Soweit ich das im Internet verfolgen konnte, hat er sich nämlich bislang eher nicht als Eurozonen-Gegner, oder als Bailout-Gegner, hervorgetan. Beispielsweise spielt er in seinem Artikel "Zahlt Deutschland für Europa die Zeche?" vom 17.12.2010 für die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) die Risiken eher ein wenig herunter; auf jeden Fall ist er dort weit davon entfernt, sie zu dramatisieren (wie ich das schon seit langem tue). Berichte sollten, anders als Kommentare, ohnehin neutral sein; weitgehend hält sich Drewes auch an dieses journalistische Ideal. Aber an der einen oder anderen Bemerkungen lässt sich dann doch seine eigene Position festmachen, so etwa wenn er in  "Euro-Krise spaltet Europa immer tiefer" (NOZ 03.12.10) die Rettungsmaßnahmen quasi verteidigt, indem er Deutschland als Euro-Profiteur darstellt:
"Die Zukunft mag mit dem Euro schwierig sein. Deutschland hat bisher von der gemeinsamen Währung aber kräftig profitiert." Diese Behauptung wird, mit einigen ausgewählten und dadurch scheinbar beweiskräftigen Zahlen, den Korrespondenten wahrscheinlich von den Presseämtern souffliert; in Wirklichkeit ist sie nämlich unzutreffend. Aber darum geht es hier nicht; wesentlich ist, dass Drewes sich nie als Bailout-Gegner hervorgetan hat.
So zeigt er auch in seinem Bericht "Der Rettungsschirm ist undicht. Griechenland und Irland finden keine Wege aus der Schuldenkrise" vom 10.05.11 für die Main Post sehr viel Mitgefühl für die Schuldnerländer (während andere Journalisten insbesondere Griechenland schon längst massiv kritisiert haben), und wollte ihnen sogar eine Marshallplan-Hilfe (aus EU-Mitteln) zukommen lassen.
Bereits am 03.04.2011 hatte er in seinem Kommentar "Immer weiter. Die Schuldenspirale dreht sich in der Euro-Zone unvermindert weiter" in der Augsburger Zeitung in das uns allen sattsam bekannte Politikerlied von der angeblichen Alternativlosigkeit der Rettungsschirme eingestimmt: "Der EU bleibt dennoch keine andere Wahl, als Athen, Dublin und Lissabon zu stützen, so lange es geht."
Im "Südkurier" berichtete Detlef Drewes am 19.07.2011 unter "Euro-Rettern steht harte Arbeit bevor" über die Vorbereitungen zu dem Krisengipfel der Eurozone vom 21.07.2011 und gebrauchte dabei sogar eine Lieblingsforderung der 'Bailoutisten' in zustimmender Form, nämlich ein "starkes Signal an die Finanzmärkte" zu senden (lies: einen mehr oder weniger unbegrenzten Haftungsschirm, und insbesondere eine weitestgehende Haftung Deutschlands) (meine Hervorhebung):
"Als realistisch gilt in Brüssel, dass die 17 Staats- und Regierungschefs am Ende doch nur eine prinzipielle Einigung auf einige Grundsätze erreichen, bei der alle Details bis Ende August von den Finanzexperten ausgearbeitet werden müssen. Das wäre allerdings dann wohl auch nur eine Einigung „auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner“, womit die Chance für ein starkes Signal Richtung Finanzmärkte wiederum vertan wäre."
 Am 22.07.11 lobte er die Gipfel-Ergebnisse ("Die Griechenland- und Euro-Krise: Ein guter Schritt", Bonner General-Anzeiger) und spielte die finanziellen Risiken herunter:
"Der Preis dafür ist hoch. Nicht für die Euro-Staaten. Sie bringen sich im Grunde weiter nur als Bürgen ein, räumen ihren Schuldnern aber mehr Zeit und geringere Zinsen für die Rückzahlung ein, um der Gefahr, auch für ausfallende Darlehen einstehen zu müssen, aus dem Weg zu gehen." Zugleich bekräftigte er noch einmal seine Forderung nach Aufbauhilfe für Griechenland und Co.:
"Die Euro-Zone hat alles in die Waagschale geworfen, um eine Trendwende zu erreichen. Der "Instrumenten-Kasten" der Finanzpolitik wurde weitgehend ausgeschöpft, damit bestehende Schulden verringert werden und künftige nicht mehr derart explodieren. Das ist gut - und nicht genug. Denn es fehlt nach wie vor der Plan, wie die Wirtschaft der betroffenen Staaten anzukurbeln ist. Der gleiche Ehrgeiz, mit dem die Nationalstaaten vor zwei, drei Jahren Programme auflegten, um ihre eigenen Banken und die von der Finanzkrise angeschlagenen Unternehmen zu retten, ist nun für die Euro-Partner nötig, die ihre Ökonomie wieder auf Vordermann bringen sollen. Konjunkturprogramme, Investitionsanreize, Subventionen aus den EU-Töpfen - all das fällt bisher zu spärlich, zu matt aus, um den Menschen in Griechenland, Portugal oder Irland den Glauben daran zurückzugeben, dass die Sparbemühungen und staatlichen Kürzungen irgendwann wirken."
Und unter den gegebenen Umständen kann man es nur als Forderung nach einer totalen europäischen Schulden-Haftungsgemeinschaft deuten wenn er seinen Artikel mit den Worten schließt:
"Die Euro-Zone funktioniert auf Dauer nur dann richtig, wenn sie sich von der Wirtschaftsgemeinschaft auch zur politischen Union weiterentwickelt."
Zum anderen ist Drewes nicht ein, sozusagen, "Etappenhengst", der in der Redaktionsstube hockt und dort (aus Sicht der Europhilen:) 'finstere' Verschwörungen gegen den Euro ausheckt, sondern als Korrespondent in Brüssel gewissermaßen ein 'Frontsoldat', der ständig im Strom der Informationen steht - und, vor allem, im Kontakt mit den Informanten.
Mit anderen Worten: ich halte es für außerordentlich unwahrscheinlich, dass Detlef Drewes in seinem Gedächtnis (oder in seinen Datenbanken) nachgegraben und diesen Sachverhalt von sich aus thematisiert hat.
Aus der Summe dieser Umstände folgere ich, dass der Anstoß zu Drewes' Artikel vom 03.08.11, der aus Sicht der Beschwichtiger "alarmistisch" wirken muss (und genau das auch ist!) von außen gekommen sein muss.
Insoweit kann ich mir zwei alternative Szenarien vorstellen:
Entweder es hat ein sog. "Hintergrundgespräch" stattgefunden, an dem neben Drewes auch andere Journalisten teilgenommen haben. Denkbar wäre, dass die Eurokraten (oder bundesdeutsche Vertreter in Brüssel?) dafür eben jene Korrespondenten ausgewählt haben, von denen sie aufgrund ihrer bisherigen Berichterstattung eine positive Einstellung zum Bailout erwarten durften. Der oder die Gesprächspartner aus den Reihen der Brüsseler Politiker oder Beamten  haben dabei möglicher Weise außerordentlich offen gesprochen, weil es allgemein üblich ist, dass die Journalisten solche vertraulichen Hintergrund-Informationen nicht allzu unmittelbar in ihre Berichterstattung einbringen. Drewes wäre dann, aus welchen Gründen auch immer, von dieser Konvention abgewichen. Das ließe sich aus meiner Sicht eigentlich nur dadurch erklären, dass nunmehr auch ihn (wie vorher schon Leute wie mich und Millionen andere Deutsche, die sich über das Thema informieren und darüber im Internet debattieren) das blanke Entsetzen angesichts der Deutschland bedrohenden Finanzrisiken ergriffen haben und er sich entschlossen haben müsste, wider den journalistischen Brauch diesen ganz spezifischen Risiko-Aspekt nun 'groß rauszubringen'.
Eine andere Möglichkeit ist, dass irgend ein (aus Sicht der Bailoutisten:) 'Renegat' (bei richtiger Betrachtung freilich ein/e Patriot/in!) aus dem "Apparat" (der Eurokraten, der deutschen diplomatischen Vertreter in Brüssel oder ggf. ein gerade in Brüssel anwesender deutscher Politiker) die Schnauze gestrichen voll und deshalb das Gespräch mit Drewes (allein) gesucht hat. Die Wut dieses oder dieser Verantwortlichen über die Verschleuderung der von den deutschen Steuerzahlern erarbeiteten Werte könnte Drewes dermaßen sozusagen "mitgerissen" haben, dass er eben diesen Artikel daraus gemacht hat.
Am gleichen 04.08.11 (bzw. im Internet bereits am 03.08.11), an dem auf S. 1 der Augsburger Allgemeinen als Aufmacher der o. a. Artikel "Euro-Rettung kostet Deutschland mehr als erwartet" erschien, veröffentlichte das Blatt im Wirtschaftsteil einen weiteren Artikel mit ähnlichem, aber nicht identischen Inhalt: "Schuldenkrise und kein Ende". Auch dort berichtet er über eine konkrete Ankündigung von Italien und Spanien, dass sie am Bailout nicht teilnehmen können (meine Hervorhebung):
"Sowohl Italien wie auch Spanien haben angekündigt, dass sie keine Mittel für die nächsten Athen-Tranche im September zur Verfügung stellen können. Nach dem internen Verteilungsschlüssel der Euro-Retter müssten die Länder mit den höchsten Bonitätsnoten einspringen – Deutschland, Frankreich und die Niederlande. „Reine Spekulation“ hieß es dazu gestern aus dem Kreis der Euro-Finanzminister. Und auch die EU-Kommission bemühte sich nach Kräften, die aufkommende Unruhe zu dämpfen. Doch die Zahlen sprechen längst eine andere Sprache."
Eine solche Behauptung saugt sich kein Journalist aus den Fingern, sonst wäre er nämlich sehr schnell 'weg vom Fenster' - in diesem Falle freilich nicht nur aus politischen, sondern schon aus rein journalistischen Gründen. Wir dürften also davon ausgehen, dass solche Ankündigungen im Brüssel vorliegen, dass man sie aber zurückhält, bis der Bundestag abgestimmt hat. Hier wird nicht nur das deutsche Volk belogen und betrogen (das sind wir ja seit Beginn der Bailout-Verbrechens-Serie gewohnt): hier hält auch nicht nur Brüssel mit Informationen hinterm Berge. Mit absoluter Sicherheit sind diese Ankündigungen (die sich aber ohnehin schon aus den entsprechenden Vertragsklauseln ergeben dürften) auch der deutschen Bundesregierung bekannt. Da sie diese verschweigt, belügt unsere Regierung den deutschen Bundestag!
Was mich aber, um auf den "Fall Drewes" zurück zu kommen, wahrhaft 'vom Sockel haut' sind die Kommentare, die von ihm am 03. bzw. 04.08.2011 erschienen sind:

  • "Griechenland-Hilfe. Angesteckt", Mitteldeutsche Zeitung 3.8.11: "Der Flächenbrand scheint nicht mehr aufzuhalten. Die italienischen und spanischen Zahlen zeigen, wie die Finanzmärkte auf Sondergipfel-Beschlüsse reagieren, die man zwar gefasst, aber deren Ausarbeitung man erst einmal liegen gelassen hat. Wie die Bundesregierung den Menschen verkaufen will, dass man nun auch noch für den Ausfall Roms und Madrids bei der nächsten Griechenland-Rate geradestehen muss, ist ein Rätsel. Die ohnehin unpopuläre Rettungsaktion wird zu einem Ärgernis. Niemand kann es dem deutschen Steuerzahler verdenken, dass er nicht für die ökonomische Unbelehrbarkeit eines ignoranten römischen Regierungschefs in Verantwortung genommen werden will. Der Euro-Raum zerbricht zwar nicht, aber seine Unterstützung verdunstet, wenn ein Mann wie Berlusconi (und in Grenzen auch Spaniens Premier Zapatero) alle Mahnungen und Ratschläge in den Wind schlägt. Italien wie Spanien haben über Jahre hinweg Milliarden aus den europäischen Fördertöpfen erhalten und diese verschleudert. Die Frage nach dem Sinn neuer Hilfen zu stellen, ist angebracht. Und da soll uns niemand mit europäischer Solidarität kommen."
  • Der gleiche Text erscheint in der Saarbrücker Zeitung vom 04.08.11, wobei der Kommentar unter der Überschrift "Meinung. Der Flächenbrand naht. Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes" unmittelbar an einen Bericht Drewes u. d. T. "Schuldenkrise geht in neue Runde" anschließt.
  • Im Südkurier (d. h. auf dessen Webseite) erschien am 04.08.11 unter der Überschrift "Sparbemühungen nicht erkennbar" der gleiche Kommentar, aber im Anschluss verschärfte bzw. präzisierte er seine Kritik an den Schuldenstaaten noch ausführlich: "Die Euro-Region sollte dringend aufwachen. Alle Versprechen und Ankündigungen des Sondergipfels müssen schnellstmöglich in zahlenunterlegte, konkrete Leitlinien umgewandelt werden. Von den Märkten gibt es keine Schonfrist. Und Sparpakete, die, wie in Italien erkennbar, so datiert wurden, dass sie erst in der kommenden Legislaturperiode greifen, werden mit Recht gnadenlos als Mogelpackungen entlarvt. Von „ehrgeizigen Bemühungen um Stabilität“, die Brüssel in vorauseilendem Gehorsam den beiden Wackelkandidaten bescheinigt hat, ist nicht wirklich viel zu spüren. Das ist der Grund für die Explosion der Risikozuschläge. Und das ist auch der Grund für die schwindende Unterstützung der Europäerinnen und Europäer für die Bemühungen ihrer Regierungen, immer mehr Ländern unter dem Rettungsschirm Zuflucht zu gewähren. Die Krisenprävention mag vom Ansatz her in Ordnung sein. Aber ab und zu lohnt es sich, an das inzwischen gestrichene Gebot des Euro-Paktes zu erinnern: Jedes Land ist selbst für seine Situation verantwortlich. Es ist fatal, dieses Grundprinzip gekippt zu haben."

Natürlich freue ich mich über jede Stimme gegen den Bailoutwahn, und journalistische Stimmen zählen insoweit natürlich unendlich viel mehr als Ihre oder meine Meinungsäußerungen.
Beunruhigend ist jedoch die inhärente Widersprüchlichkeit seiner o. a. Kommentare. Denn wenn er einleitend schreibt (meine Hervorhebung):
"Die italienischen und spanischen Zahlen zeigen, wie die Finanzmärkte auf Sondergipfel-Beschlüsse reagieren, die man zwar gefasst, aber deren Ausarbeitung man erst einmal liegen gelassen hat"
dann kann man das nur als einen Appell (an Deutschland) lesen, nun die Bürgschaften für die Schuldnerländer im schnellstmöglichen administrativen-gesetzgeberischen Verfahren 'rauszuhauen'. Deshalb wirkt der unmittelbar anschließende Satz
 "Wie die Bundesregierung den Menschen verkaufen will, dass man nun auch noch für den Ausfall Roms und Madrids bei der nächsten Griechenland-Rate geradestehen muss, ist ein Rätsel"
wie ein kalter Guss. D. h. aus meiner Sicht wäre er ja eigentlich der Balsam, und der kalte Guss wäre für mich der erste Satz. So oder so bleibt es mir aber absolut schleierhaft, was sich Drewes bei der Formulierung eines im Ergebnis derart widersprüchlichen Textes gedacht hat.
Und auch die Schlussätze verwirren mich (obwohl ich ihnen inhaltlich absolut zustimme), wenn ich sie vor dem Hintergrund der bis Ende Juli noch erkennbaren Positionen von Detlef Drewes konfrontiere:
"Italien wie Spanien haben über Jahre hinweg Milliarden aus den europäischen Fördertöpfen erhalten und diese verschleudert. Die Frage nach dem Sinn neuer Hilfen zu stellen, ist angebracht. Und da soll uns niemand mit europäischer Solidarität kommen."
Warum kommt ihm diese Erkenntnis erst jetzt? Griechenland hat im Verhältnis noch mehr Hilfen erhalten, und diese noch unbekümmerter verschleudert, als Italien und Spanien. Ich kann diesen plötzlichen Meinungswechsel nur mit einer (begründeten!) Panikreaktion erklären, die den Europa-Korrespondenten jetzt angesichts der Aussicht erfasst hat, dass Deutschland zunächst für zwei andere große Länder mit einspringen muss, und dass es möglicher Weise dabei nicht bleibt, sondern Deutschland auch noch für Italien und Spanien mit bürgen muss.
Schon seit längerem fordern manche Politiker usw. eine Ausweitung des Haftungsfonds, der später ca. 700 Mrd. € beinhalten soll, auf das Doppelte, und in letzter Zeit wird zunehmend sogar eine Verdreifachung gefordert: es steht also eine Summe von über 2 Billionen Euro im Raum. Regulär würde sich der deutsche Haftungsanteil dann auf ca. 550 Mrd. € belaufen; das allein ist schon das Anderthalbfache des Bundeshaushalts. Fallen dann noch andere Länder als Bürgen aus, ist die Schuldenhaftung salopp gesagt 'nach oben offen'.
Die FAZ meldet heute (4.8.11): "Barroso regt Aufstockung des Krisenfonds an".
Das deutsche Finanzlügenministerium beschwichtigt natürlich wieder einmal:
"In Deutschland stieß der Vorstoß Barrosos auf Ablehnung. „Es ist nicht zu erkennen, inwieweit eine Neueröffnung der Debatte nur zwei Wochen nach dem Gipfel zu einer Beruhigung der Märkte beitragen soll“, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums. Das Wichtige sei jetzt, die Gipfelbeschlüsse zügig umzusetzen. „Darauf müssen sich alle konzentrieren und nicht wieder Fragen aufwerfen, die am 21. Juli bereits beantwortet wurden“, hieß es in dem Statement."
Rational kann ich mir jedoch die Verhaltensweise von Detlef Drewes nur so erklären, dass er schon sehr konkrete Hinweise darauf hat, dass eine weitere Aufstockung des Rettungsschirms schon in naher Zukunft realisiert wird, und dass ihn eben deshalb ein Schwindelgefühl angesichts solcher Summen erfasst, dass er Sätze wie die obigen niederschreibt.
Ein wenig ringen die beiden Seelen noch immer in seiner Brust, aber der deutsche Patriot ist dabei, den europäischen Idioten rauszuwerfen.
Wie immer man den Sachverhalt interpretiert: er ist außergewöhnlich, und er ist ein Warnsignal.
Wie schlecht muss es wirklich um die deutschen Staatsfinanzen stehen, wenn ein solcher (bislang) treuer Europäer nunmehr einen derartig abrupten Kurswechsel vollzieht?