Eine Zeitreise: Open House Flohmarkt

Manchmal passieren im realen Leben Dinge, die so richtig einem Klischee entsprechen. So etwas erlebte ich heuer am Karfreitag und Ostersamstag bei einem Open House Flohmarkt in Wels. Eine mehr als 90 Jahre alte Frau war ohne Erben gestorben, und die Käufer ihres Hauses öffneten an diesen beiden Tagen für alle Interessierten das Haus zum großen Ausverkauf.

Mein Mann und ich waren neugierig und schauten am späten Freitagnachmittag vorbei – und waren fasziniert. Der Rundgang durch das Haus war wie eine Zeitreise, ein Eintauchen in eine vergangene Welt. Im Großteil des Hauses sah es aus, als sei die Zeit irgendwann Mitte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben. Hohe Räume, Stuck an der Decke, große Fenster, alte Kästen und Möbel, zum Teil mit ehemals weißem Lack gestrichen, Steinfußboden, abgenutzte Treppen. Kristallluster, bodenlange Vorhänge, Teppiche, Bilder in schweren hölzernen Rahmen, alte Stehlampen. Eine Schlafzimmereinrichtung, die  mich an die Wiener Wohnung meiner Großmutter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnerte. Ein modernes, offenbar renoviertes Bad. Dazwischen Kleidung, Souvenirs aus aller Welt, Gebrauchsgegenstände – die Überbleibsel eines ganzen Lebens standen zum Verkauf. Ein faszinierendes Sammelsurium.

Mein Mann und ich gingen staunend von Raum zu Raum und sahen uns um. Ich war überwältigt – und überfordert. Ich hatte keine Ahnung, ob ich etwas kaufen wollte und wenn, was.

Ich entschied mich schließlich dafür, einige Sachen für den Blog zu erstehen, um nicht mit leeren Händen heimzukommen. In der Küche suchte ich mir drei Gewichte einer alten Küchenwaage aus, eine Keramikschale, eine dunkelblaue Kaffeetasse samt Untersetzer und weitere Kleinigkeiten.

Open House Lindner Porzellan 1

Open House Lindner Porzellan 3

Abschließend wollte ich mir noch kurz den Dachboden anschauen. Dort oben war es schon recht dunkel, viel sehen konnte ich nicht mehr. In einer Schublade in einem alten Werktisch machte ich dann eine erste Entdeckung, die mein Herz höher schlagen ließ: Alte Keksausstecher und Spritztüllen! Einige der Ausstecher hatten ungewöhnliche Formen, die es heute nicht mehr zu kaufen gibt. Außerdem waren sie richtig stabil und gelötet, ohne scharfe Kante.

Open House Flohmarkt 1

Ich griff im Halbdunkel in der Schublade nach allem, das sich halbwegs nach Keksausstechern anfühlte, und freute mich total über meinen Fund. Besonders dann, als die Verkäuferin und eine weitere Besucherin des Hauses neidisch auf meine Beute blickten und sich fragten, warum sie selbst die Ausstecher nicht entdeckt hätten!

Am nächsten Tag kehrten mein Mann und ich zurück. Diesmal hatte ich einen Plan: Ich wollte gezielt Geschirr für den Blog suchen. Ich hatte mich sogar extra im Internet schlau gemacht und mir einen groben Überblick über Porzellan verschafft. Und dabei herausgefunden, dass die hübsche dunkelblaue Kaffeetasse, die ich mitgenommen hatte, von Lindner Porzellan stammt und gar nicht sooo gewöhnlich ist, wie ich gedacht hatte!

Ich ging also in die Küche und in den Salon im ersten Stock und sah mir das Geschirr an. Ich nahm alle Stücke, die mir gefielen und die nicht angeschlagen waren. Hier seht ihr einen Teil meiner Ausbeute:

Open House Hutschenreuter Kahla Porzellan

Open House Romanov Porzellan

Mein nächstes Ziel war der Dachboden. Am Vortag war es so dunkel geworden, dass ich nur wenig hatte sehen können. Ich wollte wissen, ob es dort noch mehr Backzubehör gab.

Auf der Treppe zum Dachboden entdeckte ich dann dieses in Kurrentschrift handgeschriebene Kochbuch:

Open House Kochbuch 1

Open House Kochbuch 2

Nach einem kurzen Blick hinein nahm ich es mit. Das wollte ich mir daheim in Ruhe anschauen.

Auf dem Dachboden war es diesmal hell genug, um deutlich zu sehen. Ich ging gleich dorthin, wo ich am Vortag die Keksausstecher gefunden hatte, zur Werkbank.

Dort stand am Boden ein halb zerrissener Pappkarton, gefüllt mit losen Zetteln und einigen Broschüren und Papieren. Ich kniete mich hin und sah alles durch. Paketaufgabescheine in alter Schrift, Zettel und Karteikarten, ein halb zerfallenes Büchlein mit handschriftlichen Eintragungen in Kurrentschrift. Und diese Broschüre:

Open House Dr. Oetker Rezepte 1

Das „Dr. Oetker“ auf der Titelseite konnte ich entziffern. Anscheinend war ich tatsächlich auf ausgemusterte Sachen aus der Küche gestoßen!

Ich sah mir die losen Zettel und das Büchlein noch einmal an. Die Texte konnte ich nicht lesen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass das Rezepte waren. Ich war jetzt richtig aufgeregt und nahm alles mit. Fast alles – ein altes Büchlein über die Verwendung von Gaskochern ließ ich liegen. Im Nachhinein ärgere ich mich ein bisschen darüber!

Open House Karteikarte mit Rezept

Open House Kochbuch 4

Diesmal zog ich mit meinen Errungenschaften sehr glücklich heim, dem Geschirr, den Rezepten und einem alten Schneebesen, den ich in einer weiteren Schachtel auf dem Dachboden entdeckt hatte.

Als ich es daheim schaffte, das Datum auf dem Dr. Oetker-Büchlein zu entziffern, begriff ich erst, was ich da ergattert hatte, in der hintersten Ecke auf einem alten Dachboden in einem zerrissenen Pappkarton – so richtig klischeehaft halt! Das Büchlein ist über hundert Jahre alt. Es stammt aus dem Jahr 1895! Ich war wirklich sprachlos.

Aus dem Büchlein geht hervor, dass das Backpulver damals anscheinend gerade erst erfunden worden war. Apothekenbesitzer Dr. A. Oetker aus Bielefeld erklärt darin, dass sein Backpulver als Ersatz für Hefe, Hirschhornsalz und Pottasche dient. Die Hausfrau kann mit Hilfe von Backpulver jetzt endlich auch in kurzer Zeit etwas backen, wenn sich Besuch ankündigt. Außerdem spart sie Geld, weil sie zum Backen weniger Eier und Butter benötigt, und Zeit, weil der Teig nicht wie bei Germteig „einen längeren Gährungsprozess durchmachen“ muss.

2q!

Im Rezeptbüchlein sind viele Backpulver-Rezepte angeführt, die sicher funktionieren, aber auch ein Rezept für Buchteln – und die kenne ich wirklich nur mit Hefe. Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass Buchteln mit einem Backpulver-Teig funktionieren. Ich glaube, ich muss das mal ausprobieren!

Zu meinem zweiten Fund: Wann das handgeschriebene Rezeptbüchlein in Kurrentschrift verfasst wurde, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich vermute, dass die ersten Seiten in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts geschrieben wurde, vielleicht aber schon Ende des 19. Jahrhunderts. Die dort verwendete Gewichtsangabe „Loth“ wurde 1871 abgeschafft, aber trotzdem in Kochbüchern bis ins 20. Jahrhundert hinein verwendet. An der Schrift lässt sich erkennen, dass mindestens zwei Personen, eher drei Personen darin Rezepte festgehalten haben.

Open House Rezepte Kurrentschrift 3

Ich habe seither viel Zeit damit verbracht, die Rezepte zu entziffern und abzutippen. Das war richtig spannend. Immer wieder konnte ich einzelne Wörter nicht lesen, an anderen Stellen fehlen Teile der Seite. Das meiste konnte ich aber entziffern und abschreiben.

So sah damals also ein Rezept aus:

Kapuziner Torte
Gib in einen Weidling 14 Lth Zucker 12 Dötter 1 ganzes Ei treibe es sehr flaumig ab dan gibt man 10 Lth Schnee zu Mandl feingestoßen 4 Zeltl Schoklad von 12 Eier festen Schnee vermischen mit der Schoklad baken in 2 Blättern recht langsam dan wird es mit Obersschaum gfüllt mit Schokladglaß überzogen

Ich habe mich beim Abtippen der Rezepte in dem kleinen Büchlein sooo amüsiert! Wie ihr seht, hieß damals die Mehrzahl von Dotter „Dötter“. Schokolade gab es in „Zeltl“. Zuckerguss hieß „weißes Eis“. „Glaß“ ist Glasur. Die Tortenböden wurden in „Blattl“ gebacken.

Open House Rezepte Kurrentschrift 1

Die Bäckerinnen damals verwendeten wirklich viele Eier; 8 Eier und mehr für eine Torte waren ganz normal. Die Rührzeiten waren, falls sie angegeben wurden, unglaublich lang, zum Beispiel hier:

„…Nach ¼ Stunde gibt man 14 Deka Mandeln mit dem Schalen geschnitten dazu, nach ¾ Stunden die gestiftelten Mandeln…“

Backtemperatur wurde keine angegeben. Das ging wohl auch nicht. Ich vermute, sie feuerten die Öfen mit Holz an.

Ich hüte diese zerfallenen Seiten wie einen Schatz! Ich werde auch das eine oder andere Rezept daraus versuchen. Ich lass euch dann wissen, wie das geklappt hat!

Das Kochbuch, das ich auf der Treppe zum Dachboden gefunden habe, habe ich mir noch nicht näher angeschaut. Es ist in sauberer, leserlicher Kurrentschrift geschrieben und sicherlich jünger als das zerfallene Büchlein aus der Kiste. Wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich es mir ansehen. Das kommt aber noch!

Ich bin jetzt jedenfalls auf den Geschmack gekommen und werde in Zukunft öfter auf Flohmärkten nach alten Kochbüchern und Rezepten stöbern:-) ! Ein schönes Wochenende wünsche ich euch!



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