Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?


Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:

"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."

Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2. Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:

"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...]
Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."

Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aud der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?

"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören."
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content" wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "

7. Der Autor schreibt:

"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."

Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen. Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

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