Eine Passion inmitten der Menschen

Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach wurde ungezählte Male seit ihrer Komposition und Erstaufführung am Karfreitagsgottesdienst am 7. April 1724 in der Nikolaikirche in Leipzig in die Osterliturgie eingebettet. Wahrscheinlich mindestens gleich oft, wenn nicht öfter, ist sie seit der Wiederentdeckung des Barockkomponisten im 19. Jahrhundert konzertant in einem Aufführungssaal zu hören gewesen. Auf diese bewährte Methode griff auch die Direktion des Muth unter der Leitung von Elke Hesse zurück, allerdings mit einer wunderbaren Ergänzung. Der Chor der Wiener Sängerknaben, leider durch einen Virus so dezimiert, so dass drei Damen ihre stimmliche Hilfe miteinbringen mussten und der Chorus Viennensis, der aus erwachsenen, ehemaligen Wiener Sängerknaben besteht, bestritten dabei den choralen Part. Die instrumentale Unterstützung kam von der Camerata Schulz und der Austrian Baroque Company unter dem Dirigat von Gerald Wirth, der auch die künstlerische Leitung der Wiener Sängerknaben innehat. Ihnen an die Seite gestellt waren Gernot Heinrich, der trotz leichter Indisponiertheit mit seinem geschmeidigen Tenor die Rezitative einbrachte, Sepp Strobl mit seinem klaren Bassbariton, in der Rolle von Jesus als auch Oliver Stech und Eduard Han, die den Pilatus bzw. Petrus stimmlich verkörperten.

Tanz die Toleranz (Foto: (c) Lukas Beck) Tanz die Toleranz (Foto: (c) Lukas Beck) Tanz die Toleranz (Foto: (c) Lukas Beck) Tanz die Toleranz (Foto: (c) Lukas Beck) Johannespassion J.S. Bach in Wien mit Tanz die Toleranz

Das Geschehen rund um die Passion Christi, von deren Beginn im Garten Gethsemane bis hin zu seiner Kreuzigung – eine, obwohl dem Gottessohn der Christen widerfahren, zutiefst menschliche, wurde durch eine sehr berührende Choreografie von Monica Delgadillo Aguilar und Sayed Labib unterstrichen. Das Ensemble, welches auf die Bühne kam, war aber nicht irgendeine Tanzcompany, sondern jenes der von der Caritas initiierten Tanzprojektes „Tanz die Toleranz“. Darin vermischen sich Profis mit Laien, Behinderte und Nicht-Behinderte, MigrantInnen und in Österreich Geborene. Vom Kindesalter an bis hin zu betagten Menschen werden alle aufgenommen, die Lust an der Bewegung und am Gemeinschaftserlebnis haben.

In vier unterschiedlichen Gruppen wurde die Choreografie ein Monat lang einstudiert. Die Kostüme, in Naturfarben wie Braun, Grau, Ocker, Orange und Rot gehalten – Hosen, Röcke, T-Shirts und Hemden, so wie sie auch überall im urbanen Raum getragen werden – machten klar: Hier handelt es sich um Menschen wie du und ich. Keine römischen Söldner, keine von Hass und Furcht erfüllten Hohepriester, kein Pöbel, der seiner Freude an Exekutionen frönt. Menschen, deren Lebenswege sich überschneiden. Menschen, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. Menschen, die in tiefem Leid in sich versinken und solche, die in der Gemeinschaft Kraft schöpfen können. Ganz dem zeitgenössischen Bewegungsrepertoire verpflichtet agierten die Tänzerinnen und Tänzer mit expressiven Gesten, aber auch mit Laufkaskaden oder Hebefiguren, in welchen das Leid der Mutter Jesu genauso zum Ausdruck kam wie die Kreuzabnahme selbst.

Ein mittelalterlicher, bestickter Osterreppich, gestickt von Nonen des Klosters Lüne (1504/1505), bot den Ausgangspunkt des farbenprächtigen Bühnenbildes. Dafür verwendete Moritz Luczynski über lange Strecken nur einzelne, ausgewählte Teile wie Monde, Sterne, allerlei Getier oder Pflanzen. Nur ganz zum Schluss, als sich die Tänzerinnen und Tänzer zum Schlusschoral aufstellten, der von ihnen mitgesungen wurde, leuchtete durch sie durch und hinter ihnen die Gesamtansicht dieses kunsthistorischen Kleinods.

Gerade die so unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich zusammen hier auf der Bühne einfanden – begonnen von den best ausgebildeten Musikern, über die Sängerknaben, die mit gebotenem Ernst bei der Sache waren, bis hin zu den ausgebildeten TänzerInnen und Laien von welchem vor allem jene eine immensen Respekt einflößten, die mit speziellen Handicaps dennoch minutiös genauest ihre Rollen absolvierten – sie waren allesamt die Stars des Abends. Und sie verkörperten jene tiefgründige Aussage, die hinter der Johannespassion jeden und jede angeht, egal ob christlichen Glaubens oder nicht: Der Verlust von Empathie und Menschlichkeit ist nur dadurch wettzumachen, dass alle Menschen, egal wie sie sind, von der Gesellschaft angenommen und integriert werden.
Eine beeindruckende und berührende Leistung.


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