Einblick in die nicaraguanische Sprache - Lektion I: Gestik, Mimik und verbale Ausdrucksmöglichkeiten

Woraus setzt sich eigentlich eine Sprache zusammen? Was macht eine Sprache aus und wodurch unterscheidet sich eine Sprache von einer anderen?
Natürlich, eine Sprache besteht aus Wörtern, sie besteht aus zahlreichen Vokabeln, einer Grammatik und aus einer Aussprache, die sich häufig von der eigentlichen Schreibweise unterscheidet.
Eine Sprache besteht also aus Regeln, Regeln die festgelegt sind und die man in Büchern nach schlagen kann.
Zu einer Sprache gehören aber auch Umgangsweisen, Angewohnheiten, die auf den ersten Blick weniger transparent sind, die man in keinem Sprachunterricht lernen würde und die auch in keinem Lexikon zu finden sind.
Damit meine ich zum Beispiel die Körpersprache; Mimik, Gestik, Verhaltensweisen, Ausdrücke oder Ausrufe, die von Sprache zu Sprache variieren und die man meistens nur im Umgang oder im Gebrauch mit ihr, erfährt.
Die nicraguanische Sprache, ist scheinbar voll von Ausdrucksweisen und Eigenarten, die die Theatralik der Sprache anheben und in den verschiedensten Situationen, unterschiedlich unterstreichen.
Hier ein paar typisch nicaraguanische Ausdrucksvorlieben, Gestiken und Angewohnheiten, die man täglich auf der Straße und in Gesprächen beobachten kann:
1.Den Erfolg des Verstehens eines Sachzusammenhangs, oder auch das Einleuchten einer Erklärung, betonen die Nicaraguaner gerne durch ein kräftiges und sehr lang gezogenes „Ahhhhh- ya“. Das ya, kann als Variation auch wie dscha ausgesprochen werden, ebenso kann man es mehrmals hintereinander wiederholen.
Beispiel: „Ahhhhh ya- (kurze Pause) ya, ya“.
2.Wenn man ausdrücken, beziehungsweise unterstreichen möchte, wie schlimm, wie tragisch oder auch wie absurd etwas ist, dann macht man diese Tragik zusätzlich durch eine Handbewegung deutlich.
Hierbei berühren sich Daumen und Mittelfinger jeweils mit den Fingerkuppen. Die Hand wird stark geschüttelt - der Arm bleibt jedoch ruhig, die Bewegung kommt lediglich aus dem Handgelenk - sodass der Zeigefinger auf den Mittelfinger schlägt und durch das Aufeinander schlagen und Schlackern der Finger, ein Geräusch erzeugt wird. Besonders effektiv wirkt diese Bewegung bei Ringträgern.
Zusätzlich zu dieser Bewegung, ruft man laut und sehr pathetisch „ayayayayayayay!“ , das Gesicht wird dabei gerne verzogen.
Vorsicht beim Nachmachen: Die Bewegung erscheint wenig gesund und kann schmerzhaft sein, wenn man krampfhaft versucht, Geräusche mit den Fingern zu erzeugen.
3.Ein höfliches „Wie Bitte?“ oder meinetwegen auch ein „Was?“, kennen die Nicaraguaner so gut wie nicht. Wenn sie etwas nicht verstehen, beziehungsweise die Person nicht verstehen, mit der sie reden, dann signalisieren sie ihr Unverständnis durch ein ziemlich lang gezogenes „Hääää?“, oder auch durch ein „Haaaa?“; meistens in einer schrillen und prägnanten Tonart.
(Kurze Anmerkung hierbei: Ich stelle geradezu mit Entsetzen fest, dass auch ich schon diese Angewohnheit aufgenommen habe und entschuldige mich hiermit schon einmal im Vorfeld für ihren Gebrauch.)
4.Im Restaurant oder in der Bar wird die Bedienung mit einem Zischen und einer Handbewegung gerufen, die allerdings genau das Gegenteil des Verlangens ausdrückt.
Dazu streckt man den Arm nach vorne aus und winkt mit der Hand, die auf dem Boden zeigt, mehrmals hin und her. Die Handbewegung, geht dabei allerdings weg von der winkenden Person - es ist also eher ein Wegwinken, als ein Heranwinken, was ich am Anfang sehr verwirrend fand. Verbal, macht man sich zu der Bewegung durch ein Zischeln „ksksksksks“, deutlich und unterstreicht sein Anliegen auch gerne mal durch einen Ausruf wie „Eh muchacho!“.
Wenn man jemanden auf der Straße trifft oder generell die Aufmerksamkeit einer anderen
Person erlangen möchte, benutzt man dieses Zischeln ebenfalls. Mit Vorliebe wird
es außerdem von Männern gebraucht, die den Frauen auf der Straße gerne mal
hinterher zischeln.
5.Das Tempo, in dem sich die meisten Nicaraguaner durch die Straßen bewegen, kann man noch nicht einmal mit deutschem „Schlendertempo“ vergleichen, vielleicht mit der Hälfte seiner Geschwindigkeit. Grundsätzlich weicht einem keiner aus und auch die Autos, Motorräder, Fahrräder oder Pferde, haben immer Vorfahrt. Straßenüberquerungen, sind bisweilen mit Risiken eng verbunden. Sein Stückchen Freiheit auf der Straße oder auf dem engen Bürgersteig, falls es einen gibt, muss man sich stets erkämpfen und den ganzen Weg über hartnäckig verteidigen..
6.Trifft man Bekanntschaft auf der Straße, grüßt man sich stets mit einem sehr tief und lang gesprochenen „Adiiioooós“, dabei liegt die Betonung auf dem letzten O. Als Antwort darauf, kann man ein zweites Adiooooós entgegnen, oder aber auch mit einem
„Que honda, prix“ kontern, auf deutsch, was geht Kumpel.
Männer benutzen diese Art Adios auch gerne, um Frauen auf der Straße anzusprechen und leider übersetzen sie dieses Wort (wörtlich) ins Englische, was da goodbye wäre., sodass einem häufig ein eigenartig ausgesprochenes „goodbye“ hinterher gerufen wird.
7.Möchte man seinem Gesprächspartner, das Gegenteil seines Statements klar machen und sein eigenes bestärken, würde man sich in der deutschen Sprache, wahrscheinlich auf ein „Oh doch“, oder „Aber ja“ beziehen. In Nicaragua verweist man in diesem Falle auf den Ausdruck „Uhhhh si!“. Das Uhhhhh wird dabei sehr hoch, sehr lang und furchtbar spitz ausgesprochen. Wichtig ist, dass man mit der Stimme deutlich eine oder auch mehrere Tonarten höher geht.