Ein sehr gefährlicher Keim

Von Denkbonus

Vereinzelte Infektionen mit EHEC gab es immer schon. Nie zuvor jedoch hat sich das Enterobakterium so explosiv verbreitet wie dieses mal. Wir haben es mit einer lupenreinen Epidemie zu tun, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit deutschlandweit zu einer Reihe von Todesfällen führen wird.

Das Enterohämorhagische Eschericia Coli (EHEC) hat in unsren Eingeweiden eigentlich gar nichts zu suchen. Es lebt für gewöhnlich im Verdauungstrakt von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen, Ziegen oder Wild. Dort richtet es keinen Schaden an, man kennt sich und kommt miteinander aus. Anders hingegen sieht die Situation beim Menschen aus, der in diesem Zusammenhang die Rolle eines klassischen Fehlwirtes einnimmt. Einmal aufgenommen wandert der winzige Erreger durch unsere Darmschleimhaut hindurch in unsere Blutbahn und richtet dort verheerenden Schaden an. Wie jedes andere Lebewesen nimmt EHEC nicht nur Nahrung auf, sondern scheidet deren Reste wieder aus. Da es unterschiedliche Stämme von EHEC gibt, gibt es auch unterschiedliche Ausscheidungsgifte. Am häufigsten sind Shigatoxin und Verotoxin-bildende Keime. Diese als Exotoxine bezeichneten Ausscheidungen haben es in sich.

EHEC - Quelle: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Sie zerstören die Membranstruktur von Darmschleimhautzellen und roten Blutkörperchen. Während ersteres ausgesprochen schmerzhaft ist, ist letzteres lebensgefährlich, da die Proteintrümmer der zerstörten Blutzellen mit dem Blutstrom in die Nieren gelangen, wo sie die feinen Nierenkanälchen (Tubuli) verstopfen. Die Folge ist ein beidseitiges Nierenversagen, ein hämolytisch urämisches Syndrom (HUS), welches unbehandelt in der Regel zum Tod führt.

Unverkennbare Symptomatik

Wenn Darmschleimhautzellen zerstört werden, führt dies zu massiven Bauchkrämpfen, zu Erbrechen und Durchfall. Werden hingegen rote Blutkörperchen zerstört, so führt dies zum sogenannten hämorhagischen Fieber. Dieses Fieber ist uns von Viren wie Ebola, Marburg- oder Lassavirus bekannt. Wenngleich EHEC bei weitem nicht so gefährlich ist, so hat es dennoch seit Ausbruch der Epidemie Anfang Mai mindestens drei Todesfälle gegeben, von denen einer nachweislich durch das EHEC- Bakterium verursacht worden sind. Es handelt sich um eine 83 jährige Patientin. Zwei weitere Todesfälle stehen im Zusammenhang mit massiven Durchfällen. Noch ist das kein Grund zur Panik. Im Verlauf der alljährlich üblichen saisonalen Grippeepidemie sterben durchschnittlich 10 000 bis 15 000 Patienten.

Explosive Ausbreitung

Dennoch ist dieses mal etwas anders als sonst. Für gewöhnlich beschränkt sich die Erkrankung auf kleine, lokale Regionen zumeist in Süddeutschland. Diesmal jedoch breitet sich die Krankheit mit zunehmender Geschwindigkeit in alle Richtungen aus. Bislang gibt es bereits mehr als 460 bestätigte Erkrankungen und hunderte teils unbestätigte Verdachtsfälle in Niedersachsen, Bremen, Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg und Sachsen.

Werner Solbach, Mikrobiologe am Uniklinikum Schleswig-Holstein, ist äußerst besorgt. In seinem Bundesland könnten etwa 100 Menschen infiziert sein, weitere hundert Proben müssen noch geprüft werden. „Diese Entwicklung übersteigt jedes historische Maß,“ so der Wissenschaftler. Auch die Mitarbeiter des Robert Koch Instituts (RKI) sind in großer Sorge. Dort sind mittlerweile mehr als 80 schwere HUS- Fälle bekannt. Laut dem RKI sind so viele Fälle in solch kurzer Zeit bisher einmalig.

Verbreitungswege

Um an EHEC- Erregern zu erkranken, muss man diese zuvor in den Mund stecken, anders funktioniert es nicht. Offenbar zu Unrecht verdächtigt worden sind zahlreiche Landwirte, da man bisher davon ausging, dass der Erreger über infizierte Gülle auf nachweislich kontaminiertes Gemüse gelangt sein könnte. Einem der Sprecher der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen/Münster zufolge sei dies jedoch abwegig. “Gülle,“ so der Sprecher, “wird nur auf Getreide-, Mais- oder Rapsäckern versprüht, aber noch bevor ausgesät wird.“ Bleiben vor allen Dingen Rohmilchprodukte und rohes Fleisch als Infektionsquellen- und vor allem, nicht zu unterschätzen, der infizierte Mensch selbst. Genauer gesagt all das, was er mit ungewaschenen Händen berührt. Also Tür- und Fenstergriffe, insbesonders in Toilettenräumen, aber auch in öffentlichen Gebäuden wie Banken, wo die Tastatur der Geldautomaten eine Infektionsquelle darstellen kann. Ein weiterer sehr verbreiteter Übertragungsweg ist Geld. Auf Münzen und Scheinen haften die Erreger mühelos und wandern so fröhlich von Hand zu Hand. Dann all die unzähligen Haltegriffe in Bus und Bahn, wo ebenfalls unzählige Menschen ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Kurzum, wer gerne mithilfe des gefährlichen Keimes erkranken möchte, der hat recht gute Chancen, wenn er in der Stadt möglichst viele öffentlich zugängliche Oberflächen berührt, besonders in öffentlichen Toilettenräumen, und sich dann mit ungewaschenen Händen einen Fingersnack gönnt. Das müsste eigentlich todsicher sein.

Eine EHEC- Infektion vermeiden

heißt vor allem Hände waschen. Ebenso gilt es, in ungeklärten Fällen Lippenkontakt zu vermeiden. Besonders häufig werden Ansteckungen bei Säuglingen und Kleinkindern verzeichnet, die ständig von ihren Eltern geküsst werden oder deren Breichen von infizierten Eltern mit dem selben Löffel vorgekostet wird, der anschließend in den kleinen Mund wandert. Auch bei Pärchen wird der Erreger zumeist über Küsse übertragen. Ansonsten gilt das, was auch für Weltenbummler als Essensvorgabe gilt: “Boil it, peal it or forget it!“ Also Kochen, schälen oder wegwerfen. Der Keim stirbt ab, wenn das Essen mehrere Minuten lang auf mindestens 70° C erhitzt wird. Allerdings dauert es einige Zeit, bis die Hitze bis zum Zentrum der erhitzten Nahrung gewandert ist. Laut dem Bundesamt für Risikobewertung (BfR) sind die Hauptansteckungsquellen:

  • Rohmilch
  • Rohmilchprodukte wie Rohmilchkäse
  • Rohes, nicht ausreichend gegartes Fleisch von Wiederkäuern. Besonders gefährlich ist Hackfleisch, da dieses eine besonders große Oberfläche aufweist
  • Streichwürste aus Rohfleisch wie Zwiebelmettwurst, Teewurst oder ‘Braunschweiger Wurst
  • Rohkost, auch Salate, die zuvor mit kontaminierter Gülle gedüngt wurden
  • Kontaminiertes Wasser
  • Direkter Kontakt mit Fäkalien

Darüber hinaus kann es bei der Zubereitung der Speisen zu Kreuzinfektionen kommen, bei denen der Erreger durch ungewaschene Hände auf die Lebensmittel wandert.

Wichtige Maßnahmen zur Vermeidung von Ansteckungen sind laut RKI und BfR:

  • Rohmilch vor dem Verzehr abkochen; pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch ist hingegen sicher
  • Die Hände sind vor der Zubereitung von Speisen als auch nach dem Kontakt mit rohem Fleisch gründlich mit Wasser und Seife zu waschen und zudem sorgfältig abzutrocknen
  • Rohes Fleisch sollte stets getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert- und zubereitet werden. Vor allem auch beim Grillen (dabei möglichst verschiedene Bretter, Teller, Zangen etc. verwenden)
  • Flächen und Gegenstände müssen nach dem Kontakt mit rohem Fleisch, Verpackungen oder Tauwasser sofort gründlich gereinigt und abgetrocknet werden.
  • Lappen und Handtücher sollte man nach der Zubereitung von rohem Fleisch möglichst auswechseln und bei einer Temperatur von mindestens 60 °C mit Wasser reinigen
  • Rohes Gemüse, Salat und Obst sollten vor dem Konsum unbedingt geschält- oder zumindest gründlich gewaschen werden. (Besser gar keine Rohkost, bis die Epidemie vorüber ist – Anm. d. Red.)

Da es sich bei dieser Infektion um eine sogenannte Zoonose handelt, also um eine von Tieren auf Menschen übertragene Krankheit, sollte darüber hinaus dem Umgang mit Tieren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

  • Kleine Kinder sollten beim Umgang mit wiederkäuenden Tieren beaufsichtigt werden
  • Nach dem Kontakt zu Tieren oder Erde sowie vor dem Konsum von Speisen und Getränken müssen die Hände gründlich mit Wasser und Seife gewaschen und sorgsam abgetrocknet werden
  • Speisen und Getränke sollten zudem nur außerhalb von Tierställen und Gehegen verzehrt werden

Sollte es dennoch zu einer Ansteckung kommen, so ist es wichtig, diese rechtzeitig zu erkennen und sich umgehend in ärztliche Behandlung zu begeben. Die typischen Anfangssymptome sind:

  • wässrige Durchfälle
  • blutige Durchfälle
  • Bauchkrämpfe
  • erhöhte Temperatur und Fieber

Homöopathische Globuli sind an dieser Stelle genauso kontraindiziert wie Bachblüten oder Hand auflegen. Allerdings kann hier auch die Schulmedizin nur sehr eingeschränkte Hilfe leisten. Antibiotika würden die Situation sogar noch verschlimmern, da die Keime nicht nur Exotoxine bilden und ausscheiden, sondern in ihrem Inneren weitere Giftstoffe, als Endotoxine bilden. Wenn diese durch ein massenhaftes Bakteriensterben alle gleichzeitig freigesetzt werden, verschlimmert dies die Situation erheblich. Das einzige, wovon derzeit angenommen wird, dass es hilft, ist eine Blutwäsche in der Hoffnung, auf diesem Wege wenigstens die schädlichen Proteintrümmer der zerstörten roten Blutkörperchen und Blutplättchen aus dem Blut entfernen zu können. Valide Daten, die diese Annahme untermauern, lassen jedoch bislang auf sich warten. Somit gilt, was für alle gesundheitlichen Gefährdungen gilt: Bestes Mittel gegen Krankheit – Gesund bleiben.