Ein Menschenexperiment mit unbekanntem Ausgang

Von European-Cultural-News

Stücke unbekannter Autoren und Autorinnen werden nicht gerne auf den Spielplan von Theatern gesetzt, da sie von vornherein keine vollen Häuser garantieren. Umso bemerkenswerter ist es, wenn kleine Bühnen, wie das Theater Spielraum in der Kaiserstraße in Wien, genau das tun. So ist derzeit dort das Stück „Der Streit“ des französischen Autors Pierre Carlet de Marivaux zu sehen. Marivaux, 1688 in dieselbe Generation wie Watteau, Bach und Voltaire geboren, war auf Komödien spezialisiert, deren ProtagonistInnen er psychologisch genau unter die Lupe nahm. Er widmete sich, wie die meisten Dramatiker seiner Zeit, der Liebe, ohne jedoch wie diese seinen Stücken ein dezidiertes Happy-End zu vergönnen. Das Ende seiner Komödien ist meist der tatsächliche Anfang der Liebesbeziehungen, deren Ausgang jedoch ungewiss bleibt.

Diese dramaturgische Herangehensweise wurde von ihm auch in seinem Werk „Der Streit“ verfolgt, in welchem er sein Brennglas auf die Entstehung von Liebesgefühlen und deren ersten Verirrungen ansetzt. Der Ausgangspunkt der Handlung basiert auf einer Wette zwischen Prinz und Prinzessin, die sich nicht einigen können, welches Geschlecht denn für die Treulosigkeit die Verantwortung trage. Um dies herauszufinden, trennen sie zwei Mädchen und zwei Buben nach der Geburt von ihren Eltern und lassen jedes Kind völlig abgeschirmt von der Außenwelt, nur von einem Dienerpaar betreut, aufwachsen. Erst als sie 18 Jahre alt geworden sind, werden die Türen geöffnet und die jungen Menschen nacheinander mit den anderen konfrontiert. Daraus ergeben sich auf Anhieb zwei Liebespaarkonstellationen.

Die Regie von Peter Pausz unternimmt einige heftige Einschnitte in den Handlungsverlauf, die – im Sinne einer zeitgenössischen Aufführung – durchaus legitim sind, aber doch unterschiedlich diskutiert werden können. Ein Eingriff besteht darin, dass er die Beziehungsanbahnungen zwischen den beiden Paaren beinahe zeitgleich auf der Bühne darstellt – was tatsächlich gut funktioniert und den Einakter um einiges verkürzt. Gleichzeitig streicht Pausz die Rollen des Dienerpaares und überlässt das Fädenziehen und Zusammenführen der jungen Menschen direkt dem Prinzen und seiner Frau. Bei ihm sind sie ein altes Ehepaar, ständig auf der Lauer vor dem anderen und darauf bedacht, mit der jeweils eigenen Idee des geschlechterdeterminierten Treuebruchs Recht zu behalten. Max Mayerhofer und Anja Waldherr sind mit Gehstöcken ausgestattet, die in ihrem heftigen und lauten Einsatz die grausame Autorität der beiden veranschaulichen. Bis zum Schluss wähnt sich das Ehepaar in einer Rolle, in der sie Herr und Frau über das Geschehen sind.

Marivaux lässt im weiteren Verlauf des Geschehens die beiden Mädchen Eglé und Adine als Egomaninnen miteinander heftig konkurrieren. Hier kommt nun der zweite, heftige Eingriff des Regisseurs. Pausz verkehrt zwei der Marivaux`schen Charaktere in ihr geschlechtliches Gegenteil, um dem Vorwurf des Sexismus auszukommen. Das bewirkt, dass es bei ihm nicht zum Zickenkrieg kommt, sondern sich die beiden jungen Frauen ineinander verlieben. Was sich hier etwas verwirrend anhören mag, ist in der Inszenierung jedoch bis dahin ganz plausibel. Eglé, eine narzisstische Persönlichkeit, humorigst durch Yvonne Laussermayer wiedergegeben, verliebt sich zuerst in Azor. David Czifer mimt glaubwürdig diesen jungen Mann, der sich auf Anhieb mit Haut und Haaren Eglé hingibt, um zum Schluss doch wegen einer neuen Liebe sitzen gelassen zu werden. Fast zeitgleich ereignet sich das Liebeswunder auch zwischen Adin und Mesrine. Christian Kohlhofer spielt Adins narzisstische Veranlagung mit Verve bis zur eisigen Abkehr von Mesrine, dargestellt durch Rina Juniku, die liebenswürdigst ein sehr kindliches Gemüt überschwänglich zur Schau stellen kann. Nach den ersten heterosexuellen Verliebtheiten begegnen sich bei Pausz die beiden Mädchen und lassen prompt ihre Geliebten im Handumdrehen fallen. Das Interessante bei dem Geschlechtertausch, den der Regisseur vornahm, ist, dass sich die Befindlichkeiten der einzelnen Charaktere nicht ändern. Egal ob Mann oder Frau – die Liebe bringt alle in unvorhergesehene Situationen. Die beiden narzisstisch Veranlagten – Eglé und Adin – bleiben narzisstisch veranlagt und schreiben die Folgen ihre Selbstverliebtheit lieber äußeren Umständen zu, als ihren Charaktermangel zu erkennen. Azor und Mesrine hingegen ertragen das Egomanentum ihrer Geliebten in ihrer ersten Verliebtheit, ja sind davon sogar entzückt und geblendet und lassen sich sogar ein zweites Mal von Menschen mit demselben Charakterzug verführen.

Erst beim Liebesverrat werden die unterschiedlichen Verletzungen jedoch deutlich. Eglé, die Azor verlässt, fühlt sich dennoch zutiefst getroffen, als dieser sich tatsächlich von ihr abwendet und Adin überfällt keine Trauer, sondern eiskalte Wut über sein Verlassenwerden. Zwar sind es bei Pausz auch die weibliche Eglé und der männliche Adin, die als Verführer in ihren zweiten Beziehungen auftreten. Die szenische Abfolge jedoch, in der zuerst die beiden Frauen zueinanderfinden und die Männer sich vor vollendete Tatsachen gestellt sehen, lässt den Schluss zu, dass die Treuebrecher die beiden Frauen und nicht wie bei Marivaux eine Frau und ein Mann sind. Das würde aber bedeuten, dass der Regisseur dem ursprünglich intendierten Ende, nachdem der Treuebruch geschlechterunabhängig ist, widerspräche. Dieser – ich gehe hier von einem falsch verstandenen Rückschluss aus – macht zugleich aber auch den Rollentausch, durch welchen die explizite Vermeidung des Zickenkrieges und die weibliche Zuschreibung von Narzissmus stattfinden sollte, obsolet. Hier wäre eine Zeitgleichheit in den Verführungsszenen vielleicht das Mittel der Wahl gewesen, um die ursprüngliche Intention der geschlechterunabhängigen Verhaltensweisen auch als solche vermittelt zu bekommen. So bleibt das Gefühl, Adin hätte Azor nur aus gekränkter Eitelkeit verführt, die erst durch die Abkehr Mesrines von ihm ausgelöst wurde.

Nach dem Bruch der ersten Beziehungen und dem Bekenntnis Eglés und Mesrines zueinander greift der Regisseur ein letztes Mal vehement in die Dramaturgie von Marivaux ein, indem er den Schluss völlig verändert. Im Original wird dabei ein neues Paar vorgeführt, welches sich, wie schon ihre Vorgänger, ewige Liebe schwört. Dass auch ihr Bekenntnis zueinander durch einen abermaligen Untergriff ihrer adeligen Prinzipale zumindest heftig ins Wanken geraten wird, kann das Publikum aufgrund des bisherigen Geschehens mit den bereits liebesgebeutelten menschlichen Versuchskaninchen leicht erraten. Pausz hingegen verzichtet auf die Einführung der beiden und lässt seine jungen Menschen revoltieren. Nachdem ihnen ihr gelenktes Schicksal bewusst geworden war, werden sie tätlich und vergreifen sich an ihren „Lehrern“, dem Prinzen und der Prinzessin, die sie als solche nicht mehr anerkennen. Nun ist solch eine Umschreibung im Sinne von – einen gänzlich anderen Schluss erzählen – durchaus legitim. Allerdings fehlte in der Aufführung die schlüssige psychologische Erklärung, warum sich alle vier Jungen spontan zu dieser Tat hinreißen ließen. Der Wille, sich gegen ein autoritäres System aufzulehnen, entwickelt sich nur in einem geringen Prozentsatz der Menschen und wenn verletzte Eitelkeit und Liebesleid Mann und Frau allgemein zu RebellInnen machte, sähe unsere Welt anders aus. Psychologisch gesehen ist das eine ziemlich unwahrscheinliche Konstellation, außer Pausz hätte die Entwicklung dahin noch besser aufzeigen können. Das Stück selbst hätte dafür noch Platz geboten und noch gute 10 Minuten mehr vertragen was für die Inszenierung spricht, die keinerlei Längen aufwies, sondern sich ganz im Gegenteil sehr kurzweilig zeigte. Dass ein Schluss wie dieser zu Zeiten von Marivaux gänzlich unmöglich gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Eine Neuinszenierung muss dieser Vorgabe, wie schon erwähnt, aber tatsächlich nicht folgen und macht gerade bei einer Verpflanzung ins Heute Sinn.

Ein Wermutstropfen der Inszenierung ist die doch sehr spartanische Ausstattung von Jenny Schleif. Zwar wird der Ort der Handlung auch bei Marivaux selbst nur als wild und einsam bezeichnet, ohne eine weitere Konkretisierung zu erfahren. So kommt das Bühnenbild auch nur mit mehreren Matratzen, einer mittig positionierten, mehrteiligen Kugellampe und zwei Stühlen aus. Dabei können sich die AkteurInnen mit den Bettauflagen einen zusätzlichen Bewegungsraum schaffen, indem sie sich häufig darauf fallen lassen. Andererseits jedoch nutzt sich dieses Surrounding optisch rasch ab und hält für die SchauspielerInnen zusätzlich ein nicht unbeträchtliches Gefahrenpotenzial bereit. Matratzen verrutschen leicht und bringen dabei schon einmal die eine oder den anderen in eine missliche Situation, wie man am Premierenabend miterlebte. Die Kostüme bestanden unserem Zeitgeist geschuldet zwar grundsätzlich richtig gedacht aus Jogginghosen, Sweatern, T-Shirts und Jacken. Allerdings fiel es nicht ganz leicht, Eglés und Adins Selbstverliebtheit in diesem Outfit gespiegelt zu sehen. Nur die Herrschaft hob sich davon sichtbar ab, wobei diese Kostüme mit einem gewissen Retro-Touch ausgestattet waren, was auch tatsächlich gut passte.

Fazit: Ein interessanter Abend, der mit hohem Risiko gefahren wird und gerade deswegen viel Diskussionspotential in sich trägt. Sehens- und vor allem diskussionswürdig.

Das Stück ist vom 22.2.(Premiere) bis 22.3., täglich außer So, Mo zu sehen.

Links:

Theater Spielraum
Marivaux bei den European Cultural News