Ein Kraut im Mund, wie Lucky Luke

Eigentlich wollte ich heute über die gestrige Wanderung berichten, ich lief von Jona nach Eschenbach und dann nach Rapperswil. Doch als ich aus dem St. Gallischen nach Hause kam, fand ich ein Mail vor. Freund Bruno gratulierte mir aus New York (!) zu meinem Porträt in der Baz. Aha! Ich hatte wirklich vergessen, dass das Porträt an diesem Montag kommen sollte, und freute mich umso mehr über die schmeichelhaften, lustigen, jugendlichen Zeilen Benedict Neffs.
Die Montagswanderung findet nun halt erst im Mittwochs-Blogeintrag statt, hier der Artikel.
© Basler Zeitung; 16.09.2013
Ein Buchhalter auf Wanderschaft
Der Journalist Thomas Widmer (51) ist der bekannteste Wanderer und einer der besten Schreiber der Schweiz
Von Benedict Neff, Frenkendorf


Thomas Widmer nennt sich selbst Wanderpapst. Das heisst, er nannte sich ein einziges Mal in seinem Leben Wanderpapst. Fatalerweise. Fortan schreiben Journalisten: «der selbst ernannte Wanderpapst». Sie schreiben es gerne. Das tönt ein bisschen lustig, das tönt ein bisschen doof. Sogar Kuschel-Kurt Aeschbacher konnte es nicht lassen: «Jede Woche und bei jedem Wetter ist der selbst ernannte Wanderpapst in der Schweiz unterwegs und schreibt darüber eine Kolumne.»
Ja, der Wanderpapst ist ein «Genusswanderer», lernt man in Interviews mit ihm, er lebt nach dem Prinzip «nach jedem Gipfel ein Mandelgipfel». Man denkt sich, dieser Mensch zieht von Heide zu Heide, mit einem Stöcklein in der Rechten, einem Rucksäcklein auf dem Buckel, und pfeift fröhlich in die Luft. Die Umgebung: «Schnuckelige» – ein Wort, das Widmer schamlos in seinen Artikeln im «Tages-Anzeiger» versorgt – Heimetli, Berge. Gipfel der Sonntagsidylle: Der Mann verdient mit seinem Flohnerleben auch noch Geld. Tamedia finanziert den Wanderpapst!
Ein Tableau naiver Bauernmalerei
Jeden Samstag wandert er mit Kameraden aus der Branche im Wanderclub «Fähnlein Fieselschweif» – dieser Name scheint sich nahtlos in Widmers Welt zu fügen: ein Tableau naiver Bauernmalerei aus Appenzell.
Appenzell ist wohl der Hintergrund von Widmers Biografie: Dieser ist aber nicht der harmlose Wandervogel, für den man ihn vielleicht gerne halten würde, er ist auch alles andere als naiv.
Wer ist Thomas Widmer? Schwer zu sagen. Unsere gemeinsame Wanderung führte von Frenkendorf nach Arlesheim. Genaue Antworten gibt es nicht. Man müsste mit ihm weiterwandern, vielleicht viel weiter.
Widmer, so scheint mir, ist ein absoluter Anti-Zyniker. Gesellig, aber unnahbar. Er schreibt bestechend schön, weil er das kann, und er schreibt einfach, weil er das so will. Dass er auch problemlos umständlich, ätzend und von der Warte allerhöchster Kultiviertheit schreiben kann, führt er in einem Porträt über Martin Meyer vor, den Feuilleton-Ressortleiter der NZZ, in dem er dessen Stil persiflierte.
Meyer, so Widmer, sei «super pissed» gewesen. «Du könntest Meyer locker ersetzen», sage ich. «Ja, absolut», meint Widmer ironiefrei und setzt zu einer Meyer’schen Deklamation an: «Es ist – Komma – in diesen Zeitläufen – Komma – manchem Zeitgenossen ein Anliegen …» Und dann bringe Meyer meist schon Montesquieu ins Spiel, Montesquieu bringe er gerne.
Dieses Porträt schrieb Widmer noch in der «Weltwoche», zuvor war er jahrelang Literaturjournalist bei «Facts». Heute sagt er: «Ich lese keine Schweizer Literatur mehr.» Zu viel «Stilwille», zu wenig «Handlungswille». Das langweile.
Zweimal wurde er als Juror zum Bachmann-Preis in Klagenfurt geladen. Der Provinzkritiker traf auf Branchenhonoratioren wie Iris Radisch von der «Zeit». «Das ist so, als würde man einen Karabiner gegen ein Maschinengewehr antreten lassen» – grausam, meint Widmer. Aber auch er hat eifrig ausgeteilt, in seiner eigenen Manier. «Ihre Literatur hat die Couragiertheit einer Häkeldecke», sagte er zur Autorin Jenny Erpenbeck. Und freut sich darüber heute noch ein bisschen. Am Abend nach den Veranstaltungen sei er jeweils «nudelfertig» gewesen. Auch nach den samstäglichen Wanderungen im «Grüppli» sei er: «nudelfertig». «Da krieche ich fast ins Schlafzimmer.» Autorenjournalismus bei der «Weltwoche» wiederum sei: «anstrengend».
Lobend äussert er sich zum Literaturjournalismus: «Es ist ein geordnetes Leben. Du hast deine Saisons: Frühling und Herbst. Das Jahr zieht an einem vorbei wie an einem Bauern.»
Der «Kaputtmacher»
Widmer ist kein Pedant, aber er scheint Ordnung zu schätzen. Wohl deshalb, weil sie dem gestressten Menschen Ruhe gibt. Früh geht er zu Bett, früh steht er wieder auf. Jeden Tag um fünf Uhr morgens heisst Widmer «Kaputtmacher». Er sitzt bei einer Tasse Tee vor dem Computer und spielt Drei-Minuten-Schach. «Das ist meine Spezialität.» – «Wieso stehst du so früh auf?» – «Weil es mir entspricht.» – «Dann entspricht dir auch eine frühe Nachtruhe?» – «Am Abend bin ich tot, um zehn gehe ich ins Bett.»
Widmers Leben stellt man sich recht mönchisch vor, inklusive klösterlicher Völlerei. Seine Vorliebe für den Verzehr deftiger Speisen ist bekannt. Die Schilderung der Verköstigung in Bergbeizen ist integraler Bestandteil seiner Wanderkolumne: «Mein Cordon-bleu war gut», schreibt er, oder «ein Glühwein von der sympathischen Serviererin Maggy taute uns vollends auf».
Höhepunkt unserer Wanderung ist die Schauenburgflue. Es ist eine leichte Wanderung, für die Widmer aber ziemliche Böden von Wanderschuhen montiert hat. Dieser Schuh sei erst «Horrorstufe zwei», für gröbere Touren steht zu Hause noch «Horrorstufe drei» bereit.
Er trägt eine Brille, deren Glas sich abdunkelt, wenn es hell wird. Ein Glas also, das das Licht automatisch reguliert. Blenden lässt er sich nicht. Im Gehen zupft er Blätter von Büschen am Wegrand und führt gelegentlich ein Kraut im Mund, wie Lucky Luke.
Manchmal hält er. Nur ganz kurz. Er schiesst ein Bild. Es geht darum, Erinnerung festzuhalten, um zu Hause da­rüber zu schreiben. Wanderungen sind für ihn nicht nur «Erlebnis» und «Genuss», sondern auch Verwaltungsobjekte. Widmer spricht von der Psychologie des Sammelns. Zuerst sei die Lust da, etwas aufzuspüren, dann, es zu erjagen, um es schliesslich abzulegen. «Das tönt etwas buchhalterhaft, aber so bin ich.»

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