Ein Fotoworkshop in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen: Zeitreise ins immer noch Unvorstellbare

Von Robert B. Fishman @RobertB_Fishman

Bergen-Belsen. Aus neblig-grauer flacher Heidelandschaft wachsen vom Wind gekrümmte Birken,  die ihre zartgrünen Frühlingsblätter zeigen. Dazwischen verlaufen  mit Waschbetonplatten gepflasterte Wege. Stelen mit Schwarz-Weiß-Fotos von 1945 erinnern am Orignalschauplatz daran, was hier vor nicht einmal 75 Jahren passierte. Versteckt in der ruhigen Weite liegen symmetrisch angelegte, rund 1,50 Meter hohe Hügel mit verwitterten, steinernen Inschriften: „Hier ruhen 2500 Tote“ informiert der in eine der Mauern gemeißelte Text, „2000 Tote“ ein anderer. Nach der Befreiung haben britische Soldaten die Leichen in Massengräbern beerdigt. Sie wussten nicht, wohin mit den vielen Toten.

Waldlandschaft spiegelt sich im Fenster des Dokumentationszentrums und Museums der Gedenkstätte Bergen-Belsen am Gelände des ehemaligen Konzetrationslagers , 7.5.2017, Foto: Robert B. Fishman

Für ein Frühlingswochenende im Mai hat die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten einen Fotoworkshop ausgeschrieben: drei Tage fotografieren auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen am Rande der Lüneburger Heide.

Lange habe ich mir überlegt, wie lange ich es in einer solchen Landschaft des Grauens aushalten würde – und mich schließlich dafür entschieden.

Anders als in Dachau oder Buchenwald, wo noch viele Baracken und andere KZ-Bauten stehen, wirkt Bergen Belsen auf mich wie ein stilles, schleichendes Gift. Nach der Befreiung hat die britische Armee alle Bauten niedergebrannt, um Seuchen wie Typhus zu stoppen.

israelische Grableuchte mit hebräischer Beschriftung auf Steinen der Ewigkeit auf einem Massengrab in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, , 7.5.2017, Foto: Robert B. Fishman

Die Spuren des Grauens liegen versteckt in der Landschaft: hier ein Gedenkstein, dort ein fast schon zugewachsenes Massengrab oder Steine, die vom Fundament einer Baracke übrig geblieben sind. Jugendliche haben 2007 während eines Workcamps auf dem Gelände Namen und Geburtsjahre von hier Gestorbenen in die verwitterten Backsteine graviert und diese zurück in die Landschaft gelegt. Sie wollten wenigstens einigen der zu Tode Gequälten ihre Namen zurückgeben. Nun liegen sie als Brocken der Erinnerung wie zufällig im Gras – berührender als jedes wuchtige Monument.

Gedenksteine für Opfer des Holocaust im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, 7.5.2017, Foto: Robert B. Fishman

Auf dem Weg durch die Parklandschaft entdecken wir immer wieder solche der Natur überlassenen Erinnerungsstücke: ein in den Boden eingelassener Grabstein mit der verblassenden Inschrift „Ein unbekannter Toter“ oder ein verrostendes  Grablicht aus Israel, das der Wind von einem der Massengräber geweht hat. Angehörige haben über die Jahre zahlreiche Gedenksteine für einzelne Opfer aufgestellt.  Welkende Blumen, die Unbekannte dort niedergelegt haben, erinnern an die Vergänglichkeit.

Die meisten Besucher  gehen zum Gedenkstein, der an Anne Frank und ihre Schwester Margot erinnert.  Jugendliche, die das Tagebuch der Anne Frank gelesen haben, schießen Selfies vor dem Stein, der an das hier ermordete Mädchen erinnert. Zynisch oder der etwas hilflose Versuch, dem anonymen Horror ein Gesicht zu geben, es auf ein menschlicheres Maß zu reduzieren? Vielleicht.

Auf dem Appellplatz liest eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte aus dem Tagebuch eines Häftlings. Arne Moi berichtet in seinem Buch „Das Lager“ vom Ankunft der Häftlinge: „Viele von Ihnen waren über und über brandig. Ein Loch voller Fäulnis im Rücken, vielleicht entstanden durch das Liegen auf einem Nagel im Bahnwagen, mit zwei bleichen Rippen. Drinnen im Loch bewegte sich etwas hellrot mit dem Atem“. Er berichtet wie viele andere vom Sterben, vom Verhungern und wie sich die Todgeweihten auf Leichen legten, nur um sich vor Nässe, Frost und Exkrementen zu schützen. Im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte laufen in Dauerschleife Interviews mit Überlebenden des Lagers und anderen Zeitzeugen. Glaskästen im Fussboden zeigen Fundstücke aus dem Lager: ein Stück Stacheldraht an den Resten eine Holzpfostens, ein rostiger Blechnapf, ein Fetzen Häftlingskleidung….

Ich habe einige Besucher mit der Kamera begleitet, um ihre Reaktionen auf das einzufangen, was sie auf dem Gelände sehen und erleben. Einige meiner Bilder stehen online auf meinem Fotoblog weltenbilder.

Ausstellung im Dokumentationszentrum und Museum der Gedenkstätte Bergen-Belsen am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers , 7.5.2017, Foto: Robert B. Fishman

Erschrocken bin ich selbst darüber, wie schnell mich nach den drei Tagen in Bergen-Belsen der Alltag wieder eingeholt hat. Die Erfahrung dort möchte ich dennoch nicht missen. Sie relativiert so vieles, was mir vorher so wichtig erschien.

Info:

Workshop-Leiter Mark Mühlhaus hat in einer Foto-Reportage die Spuren der Nazi-Verbrechen in Osteuropa dokumentiert. Eine seiner letzten Bilderstrecken zeigt das Leben der Flüchtlinge, die in Ruinen am Belgrader Hauptbahnhof gestrandet sind.

Eine Kollektivschuld sehe ich nicht, „aber etwas wie eine Kollektivscham ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben“, Theodor Heuss, Bundespräsident, 1952

Führung einer Besuchergruppe auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 7.5.2017, Foto: Robert B. Fishman