Du. Und du. Berlin.

Von Kapuz

Beide schauen mich an.
Ich schaue zurück.
Sie schauen fragend.
Ich schaue auch fragend.

Sie nimmt mir die Zigarette aus dem Mundwinkel, ein glimmendes Stück Asche. Einmal hätte man noch ziehen können, rechne ich aus.
Sie redet.

Ich schaue angestrengt, ich nicke, sage ab und zu „Ja“ und schaue auf die schrägen Monarchenfenster, die heimlich von unten beschlagen.

„Ach, verdammt!“, und sie zuckt zusammen. Die andere schweigt. Überhaupt sagt sie nicht viel.
Sie nickt nur und gleicht.

„Ja, los ?“, frage ich, finde mich meiner Laune entsprechend fast sympathisch und drehe mich Richtung Ubahn.

Sie hakt sich bei mir unter, die andere wie ein stummer Fisch glotzt mich an, bestätigt jede Floskel überschwänglich, sucht etwas in unserem Blick, findet es nicht.
Sie sehe alles auch so.
Ist ja schön.

Kleine Eisreste haben sich in den Asphaltteppich gesaugt, ich sehne mich nach leerem Papier, frischer Luft und harre der Unbeweglichkeit.

Die U1 rauscht.

Sie brüllt. Zwischen uns hin und herdrehend, als seien wir taub.
Die Stimme faserig, fast ein wenig rauh, aber nicht sexy.
Sie gluckst schelmisch in irgendeine Richtung, bis zwei gegelte Tierchen ihr Handküsse zuwerfen.
Mir ist schlecht.
Ich beiße in Brot.
Käse.
Heut morgen eingepackt.

Ich konzentriere mich auf die Dreckschlieren auf dem Fußboden, aus denen sich kleine Kinderbuchmonster formen lassen. Sie setzen sich zu uns, einer rückt nahe an mich heran, ich rücke weg.
Die beiden lachen.
Laut, das Rauschen krabbelt ein bisschen tiefer in die Sitze.
Schrill, bei jedem Anklang zittert es einmal im Ohr.

Ich versuche, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Ich kriege eine Gänsehaut vor lauter Hass, das Käsebrot landet auf dem Boden, ich steige aus, eine zu früh, gefolgt von „Hey.. noch .. willst ..gleich!“
Ja.
Schlesisches Tor.
Über die blöde rote Brücke, die alle so scheißschön finden, rüber zur East Side Gallery. Einmal gegen jedes Bild treten, einen Schluck nehmen, der Gin schmeckt heute etwas zuckerig, dann ans Wasser legen, keuchend, der Schnee nimmt jede Bewegung aus dem Körper.

Ich fotografiere einen Farbfleck, der aussieht wie ein kleines Männchen mit Hut.

Ich mag kleine Männchen mit Hut.
Mit Hut und Kassetten und Walkman.

Vier Räder mit Bass beamen sich durch die Mühlenstraße, noch eins, es hupt, grölende Kinder darin. Glatzige Köpfe, Flasche ausm Fenster.
An der Ampel bleiben sie stehen, einer pisst aus dem Fenster ruft und fragt, ob ich mitmachen möchte.
Ja.
Unbedingt.

Diese Stadt hat keinen Mittelpunkt.
Nur eine Flut zusammengereihter Blocks, die nicht zueinander passen, Ubahnfragmente, die sich erst mit dem Fahrrad zu einem schlüssigen Bild vermengen lassen.

Frag mich wieder, wofür es sich gelohnt hat, hierher zu kommen, während ich diese kleinen, leise kreisenden Steinchen ins Wasser schubse.
Leise.
Leicht.
Das Schweigen.
Jemand anderem ein bisschen wehgetan.

Maschine.

Tanze mechanisch zu allem, was nicht Elektrosound ist.
Setze mich mechanisch mit der Gitarre ans Wasser.
Rotwein.
Bier in der Hand.
Zeichne.
Schreibe.
Kulli.
Schmeiße sie als Flaschenpost ins Wasser.
Ohne Deckel, offen, wie sie sind.
Sie ertrinken dabei.
Die Flasche und meine Post.

Und manchmal bin ich zu betrunken, dann gerade aufzustehen, ich wanke einmal.
Manchmal sitzen dann Menschen, da neben der blöden Brücke, leise philosophierend in die Nacht hinein. Sie regen sich, strecken einen Arm nach mir aus, wenn ich auf wackligen Beinen bin.
Aber sie sind ganz weit weg.
Wie sie da sitzen.
Mit ihren Fluppen und Puppen, Philosophieren und Ficken.

Ich denke an dich.
Und daran, wie falsch ich eigentlich bin.

Neben dir einzuschlafen.
Wenn du da bist, denke ich nicht an dich.
Ich schlage die Decke leise zurück, ich ziehe mich an, ich schließe die Tür hinter mir.
Und manchmal beobachtest du mich, ein Auge nur, wie ich vor dir fliehe, du atmest dann unregelmäßig.
Verschluckt leise, aber du rührst dich nicht.

Später fragst du mich dann, wieso ich immer mitten in der Nacht verschwunden bin.

Ich kann das nicht.
Ich sage dir das.
Und du antwortest nur: „Hier, ich hab dir sogar ne Zahnbürste gekauft“, präsentierst sie mir stolz.
Und dann sehe ich dieses Funkeln in deinem Blick, ich mag diese Nähe nicht.

Ich sehe uns bei diesem kleinen Italiener sitzen, es ist laut, es ist schön, deine Hand liegt auf meinem Bein, du isst mit der anderen, ich verkrieche mich mit dem Blick auf den Teller, Pasta bestellt, mit Meeresfrüchten, blaue Nudeln. Konzentriere mich darauf, nicht die Sahne über den ganzen Tisch zu verspritzen.
Dein Blick kitzelt mich nicht.

Vielleicht geh ich mal alleine da hin.
Vielleicht finde ich dich da, Rhythmusentschädigung. Natürlich finde ich dich dort nicht, du wirst arbeiten, du wirst mich anrufen, sagst, willst mich sehen. Vielleicht vermisse ich jemand anderen.
Erinnere mich, wie du mich kurz vor Weihnachten früh morgens zum Bahnhof gebracht hast, du hasst aufstehen, du hast meinen Rucksack getragen, gewartet, bis ich meine Mitfahrgruppe gefunden hab, bis der Zug abgefahren ist. Ich hab dich geküsst, zum Abschied, nur vorsichtig, nur weil man das so macht. Das ist zu viel.

Ich fahre mechanisch zur Uni, ich schreibe Strebernoten, beschwere mich kaum über den Aufwand, wer nicht fühlt, der hat den Kopf frei für Geradlinigkeit, ich ecke nicht an.

Ich streife mechanisch die Stockwerke zur Wohnung hinauf, immer die Hand aufs Geländer, also würde es durch einen Sog hinauf schneller gehen.
Die letzten zwei Stiegen immer langsamer, Einkaufstüten schnüren, der Atem hetzt, der Wunsch, nach Hause zu gehen, gebremst.

Ich koche mir mechanisch was zu essen, wenn meine Mitbewohner die Küche verlassen.
Kein Wort, nur, um nicht aufzufallen.
Kein Genuss, nur, um nicht umzufallen.

Ich nehme mechanisch ein Stück Schokolade in den Mund, früher hat das mal geschmeckt.

Jemand nimmt mich mechanisch in dem Arm, zieht mich zu sich auf das Bett, wir nennen das Beziehung, ich fühle nichts.

Ich nehme mechanisch eine Empfehlung für die Dvd in der Bücherei entgegen. Neukölln, da sind die Menschen noch echt, mit Mimik und so.

Ich trinke mechanisch, ich schlucke mechanisch, ich stehe auf, schlafe nicht ein.

Ich bin ein Stück Technik, ich passe in ein System.
Ich passe.
Ich will das nicht.

Und da schrecke ich auf.
Packe meine Sachen, nur einen Rucksack voll, schreibe P., die Sms kommt nicht an, fahre zum Flughafen, frage hektisch nach dem nächsten Flug nach G., ich bewege mich mechanisch in das Cafe, in acht Stunden könnte ich, tatsächlich, es geht, ich sitze in dem Cafe, Flugzeuge starten und starten und starten, das hat etwas Weiches, etwas, das mir wenigstens ein bisschen den Atem raubt.
Ihn sorgfältig zusammenschnürt und mir wie ein Geschenk wieder unter die Nase hält, wie ein kleines grünes Tier mit guter Laune, und es ist fünf Uhr morgens.

Ich sitze auf Samsons Bett, der Bildschirm blinkt, „Hast du das mit F. gehört“ steht da, einfach so, ich zögere, ich weiß, was die Antwort ist, und doch tippe ich „nein“.
Und dann schreibt er es hin, gestorben.
Gestorben ist nur ein Wort, ich erinnere mich.

Ich rufe zurück, ich sage, it doesn’t catch me at all.
Und R-.antwortet, Oh, und dann, Und was ist mit Abendbrot ?

Für den Bruchteil einer winzigen Sekunde, breitet sich eine erstickende, lähmende Ohnmacht in mir aus, ich erstarre, sofort fasse ich mich wieder, ein Lächeln.
Sachlichkeit.

Er sagt, Ja, das ist schlimm, aber bist du das nicht schon gewohnt.
Der Rest des Jahres Resignation.

Ich habe ein paar Texte dabei, ein zerfleddertes braunes Tagebuch, zwei Briefe, ein paar Emails, stets dieselbe Postkarte dabei.
Ich bin ein bisschen erleichtert.
Auf dem Flughafen wird die Zeit noch ein bisschen gebremst, bevor man ankommt. Als sei etwas Großes passiert.

Etwas Beruhigendes.
Nicht so hektisch wie Bahnhöfe, da rennen die Leute, schnell noch zu ihrem Gleis, hier sitzen und essen sie, spielen und lachen, das Leben in einem Koffer zusammengeklaubt, schon zum Schalter gebracht.
Ich bin wieder ein bisschen leichter.

D. schreibt, ich antworte nicht, aber ich fahre zu ihm, gönne mir eine Atempause.
„Brötchen hab ich für dich mit“, sage ich, und er legt sie auf den Tisch, er zieht mich zu sich, da ist wieder ein bisschen Boden unter den Füßen.
„Lass uns frühstücken“, sage ich. Ich habe keinen Hunger, in deinem Blick auch nicht.
Du stehst so nahe neben mir, dass ich dich nicht anschauen kann, ich sehe dich nicht.

Und plötzlich ist mir wieder alles egal.
Ob Graz, London, Berlin.
Wen intressierts, das Leben schwemmt mich ja doch wieder irgendwo hin.