Dreju und ich gegen den Rest der Welt

Dreju und ich gegen den Rest der Welt

Foto copyright by Angelina Sröbel / pixelio.de

Ich hatte mich also entschieden. Für ein Leben, das vorläufig eher im Versteckten stattfinden musste. Ein Leben, das weit weg von Dreju's eigentlichem Wirkungskreis stattfand. Er lebte zwei Leben. Nicht nur einmal erzählte er mir, wie schwer ihm das fallen würde, welche Kraft ihn das kosten würde. Welche Kraft es mich kostete, ihn jedes Mal wissentlich zu seiner Noch-Ehefrau zurückgehen zu lassen, danach fragte er nicht.
Und trotzdem redete ich mir ein, dass ich glücklich war. Das vermeintliche Wissen um Dreju's zerrüttete Ehe und die Hoffnung auf eine gemeiname Zukunft ließen mein schlechtes Gewissen leise werden. Ich nahm seiner Frau nicht den Mann, er saß ja bereits auf gepackten Koffern... dieses Bild vermittelte er mir immer und immer wieder.
So blieb alles beim Alten. Dreju kam unter der Woche zwei bis drei Mal abends zu mir. Auch verbrachten wir jedes Wochenende miteinander.
Für meine Kinder war es gut, dass Dreju und ich nicht jeden Tag zusammen waren, denn es fanden sich einfach keine Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und ihm. Dreju interessierte sich nicht für sie und umgekehrt. An den Tagen, an denen Dreju nicht da war, kümmerte ich mich intensiv um Bianca und Marco, an den anderen Tagen war ich abends für Dreju da.
Eines Tages erzählte ich meiner Mutter von Dreju. Ihr ganzes Leben lang hatte sie kaum etwas mit Schwarzen zu tun gehabt und war ihnen gegenüber mit Vorurteilen behaftet. Wie würde sie die Nachricht aufnehmen, dass ihre einzige Tochter einen Afrikaner zum Freund hatte? Dass er noch verheiratet war, behielt ich natürlich für mich.
"Das freut mich aber für Dich, mein Kind!" sagte meine Mutter, als ich ihr sagte, dass ich wieder einen Freund hatte.
"Danke. Ich muss Dir aber noch etwas erzählen, denn Dreju ist...anders als die meisten Männer hier!"
"Was meinst Du damit? Ich verstehe nicht..."
"Dreju kommt aus Afrika und hat eine schwarze Hautfarbe."
Ein paar Sekunden war es still am anderen Ende der Leitung, dann hörte ich sie sagen:"Oh! Nun gut... das musst Du wissen!"
Mehr wurde an diesem Tag nicht darüber gespochen. Ich war erstaunt darüber, denn ich hatte wesentlich  mehr Widerstand erwartet.
Einen Tag später dann rief  meine Mutter mich ziemlich aufgebracht an.
"Kind, ich muss Dir sagen, dass mir Dein neuer Freund eine schlaflose Nacht bereitet hat. Wie konntest Du Dich nur auf "so einen" einlassen. So haben wir Dich nicht erzogen. Denkst Du denn gar nicht an Deine Kinder? Das ist doch kein Umgang für sie. Schwarz und weiß passt nicht zusammen... bist Du Dir sicher, dass er kein Drogendealer ist?...Pass auf, dass er bei Dir nichts klaut...Du wirst nie wieder einen anderen Mann bekommen, welcher Mann mit Charakter lässt sich schon auf eine Frau ein, die einen Schwarzen zum Freund hatte?...Und damit Du es gleich weißt: mir kommt der nicht ins Haus! Was sollen die Nachbarn denken? Ich muss mich ja schämen. Meine eigene Tochter poussiert einen Afrikaner! Warum tust Du mir das nur an..."
Ich konnte antworten und argumentieren, was und wie ich wollte... ihre Meinung stand fest. Sie wollte Dreju keine Chance geben, lehnte ihn ab, nur seiner Hautfarbe wegen. Ich konnte und wollte diese Haltung nicht verstehen. Ich fragte sie, warum sie denn so hart wäre und ihn nicht wenigstens kennen lernen wolle, da antwortete sie:"Weil ich mit meiner Meinung nicht alleine da stehe. Ich habe gestern abend lange mit Deinem Bruder telefoniert. Er ist der gleichen Meinung wie ich, auch er will nichts mit Deinem neuen... Freund zu tun haben. Du bringst Schande über die Familie, wenn Du an ihm fest hältst. Willst Du das wirklich? Dann wirst Du ausgestoßen werden, keiner aus der Familie wird Euch einladen, keiner wird noch etwas mit Dir zu tun haben wollen. Darunter werden viele leiden: am meisten Deine Kinder... und auch ich, Deine Mutter...sei nicht dumm, sei nicht egoistisch, denke an Deine Familie und beende den ganzen Spuk so schnell Du kannst."
Ihre Worte erreichten bei mir genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen sollten. Ich war nicht bereit, ihre Forderungen zu erfüllen. Wenn niemand aus der Familie etwas mit mir zu tun haben wollte, weil mein Freund schwarz war, dann wollte ich auch nichts mehr mit der Familie zu tun haben. Ich grenzte mich total von den Aussagen meiner Mutter ab und gab ihr zu verstehen, dass sie im Begriff war, mich als ihre Tochter zu verlieren, wenn sie den Mann an meiner Seite nicht akzeptierte. Er gehörte nun zu mir. Wenn sie ihn ablehnte, dann lehnte sie mich auch ab.
Es kam, was kommen musste. Die Fronten verhärteten sich, keine von uns war bereit, auf die Andere zuzugehen. Meine Mutter schämte sich für mich und ich schämte mich  für ihre Gesinnung. Enttäuscht beendeten wir das Gespräch. Von diesem Tag an sah ich meine Mutter nicht mehr, solange ich mit Dreju zusammen war. Sie weigerte sich, mich zu besuchen und umgekehrt. Bianca und Marco hielten den Kontakt zu ihrer Oma, besuchten sie oft an Wochenenden oder in den Ferien, jedoch immer ohne mich, ich war außen vor, war zum schwarzen Schaf meiner Familie geworden.
Anfangs verstanden die Kinder meine Haltung. Sie fanden es sogar toll, dass ich mich nicht klein kriegen ließ und meine Gesinnung "No matter if you are black or white" ohne Wenn und Aber lebte. Später änderte sich ihre Einstellung zu Dreju und auch sie plädierten für eine Trennung, allerdings aus anderen Gründen.
Dreju kannte das alles schon. Die Eltern seiner Noch-Ehefrau hatten ähnlich wie meine Familie reagiert. Es traf ihn hart. Er war ein stolzer Mann, der erstgeborene Sohn eines Stammesältesten, eine Respektsperson in seinem Land. In Deutschland jedoch teilte man ihm auf Grund seiner Hautfarbe einen Platz in der untersten Gesellschaftsschicht zu. Sein Stolz wurde dadurch nur noch stärker. Es genügte die kleinste Anmerkung wegen seines Äußeren oder seiner Herkunft, und unwillkürlich war man mitten in eine hitzige Diskussion mit ihm hinein geraten.
Der Widerstand meiner Familie brachte uns noch näher zueinander. Wir gegen den Rest der Welt, so ungefähr fühlte sich das an. Da war auf der einen Seite seine Noch-Ehefrau, die mit der Trennung nicht einverstanden war und an der Ehe fest hielt. Auf der anderen Seite die Ablehnung durch meine Familie. Wie 2 Schiffbrüchige auf einer Eisscholle hielten wir uns aneinander fest und wärmten uns.
Immer wieder sagte Dreju in dieser Zeit, dass er sich Kinder mit mir wünschte. Mir selbst ging das mit dem Kinderwunsch viel zu schnell. Beruflich und finanziell ging es mir gut. Bianca und Marco waren selbständiger geworden und nun konnte ich nach all den Jahren der Entbehrungen auch wieder an mich denken. Ein Kind würde das alles wieder umkrempeln. Außerdem würde ein Kind von Dreju und mir eine dunkle Hautfarbe haben, ein Afro-Deutscher sein. Es war eine große Verantwortung, ein Mischlingskind in die Welt zu setzen. Wie würde unser Umeld darauf reagieren? Was würde das Leben für dieses Kind bereit halten?
9 Jahre hatte ich mich nicht um Verhütung kümmern müssen, da es keinen Mann in meinem Leben gab. Dreju trat überraschend in mein Leben, ich war nicht darauf vorbereitet, auch nicht verhütungstechnisch. Für Dreju war das überhaupt kein Thema, für mich schon. Ich sagte ihm, dass ich derzeit noch kein weiteres Kind haben wollte. Das nahm er persönlich, fühlte sich von mir nicht genug geliebt. Er wollte nicht verstehen, dass in meine Lebensplanung kein weiteres Kind passte. Ich sagte ihm, dass ich mit der Pilleneinnahme beginnen würde. Er lehnte das kategorisch ab. Er wollte dem Schicksal freien Lauf lassen. Nächtelang diskutierten wir darüber.
Als er endlich zähneknirschend einwilligte, dass ich mit der Einnahme der Pille begann, da war es bereits zu spät: ich war wieder schwanger.