Über dem Abgrund liegt ein Leben, das nicht mehr schweigen will. Ein Herz sucht seine eigene Wahrheit, und wagt den Schritt – trotz Angst im Still.
Manchmal beginnt Freiheit auf einem einzigen Schritt über einer Schlucht, die niemand sieht.
Ein Roman wie ein schmaler Grat zwischen Wahrheit und Abgrund – Es gibt Geschichten, die man nicht einfach liest, sondern Schritt für Schritt betritt – und genau so fühlt sich dieser Kurzroman an. Schon auf den ersten Seiten spürt man den rauen Wind der Schlucht und das Zittern jener Fußsohlen, die ein Leben hinter sich lassen müssen, um einem vorherbestimmten Schicksal entgegenzugehen. „Drahtseilakt“ ist ein Text, der leise beginnt und sich dann mit jeder Zeile tiefer in die innere Landschaft der Lesenden einschreibt.
Stefan Kassner arbeitet bewusst ohne große Ausschmückungen, aber mit einer Feinheit, die unter die Haut geht. Es ist nicht die Handlung allein, die trägt, sondern die Atmosphäre, die moralische Spannung und die stille Frage, die sich durch jede Seite zieht: Was passiert, wenn ein Mensch an der Grenze zwischen Pflicht und Wahrheit steht? Wenn du jetzt neugierig geworden bist, dann komm doch mit auf eine Lesereise. Auf geht’s…
Ein Ritual als Trennung zwischen zwei Leben – Die abgeschottete Gruppe der „Children of God“ lebt nach Regeln, die so alt wirken wie die Schlucht, an deren Rand sie siedeln. Ihr Übergangsritual ins Erwachsensein ist kein symbolisches Fest, sondern eine lebensverändernde Zeremonie, die alles fordert. Ein junger Mann muss das Drahtseil überqueren, um die Jugend hinter sich zu lassen, die Familie wortlos zu verabschieden und auf der anderen Seite einer Frau entgegenzutreten, die ihm zugewiesen wurde.
In diesem einen Moment verdichtet sich das gesamte Weltbild dieser Gemeinschaft: Kontrolle, Glaube, Selbstaufgabe und Pflicht. Der Roman macht diese Konstruktion greifbar, fast spürbar schwer, und führt dadurch eindrucksvoll vor Augen, wie tief solche Strukturen in einem Menschen verwurzelt sein können.
Jonas: Ein junger Mann am Rand seiner eigenen Wahrheit – Jonas – 21 Jahre – ist der leise Mittelpunkt der Geschichte. Er wirkt auf den ersten Blick gefügig, eingebettet in das System, das ihn geprägt hat. Doch je näher er dem Seil kommt, desto klarer spürt man die inneren Spannungen, die Zweifel, die Angst und die Sehnsucht nach etwas, das außerhalb dieses streng kontrollierten Lebens liegen könnte.
Stefan Kassner zeichnet Jonas so sensibel, dass man beinahe jeden Gedanken mitatmet. Seine Zerrissenheit wirkt nicht konstruiert, sondern menschlich und vertraut. Während seine Fußspitzen den ersten Schritt suchen, wird einem bewusst, dass Jonas längst begriffen hat, wie viel von seinem zukünftigen Leben auf einer Lüge ruhen wird. Seine Entscheidung, die er schließlich trifft, entsteht nicht impulsiv, sondern als schmerzhafter, aber notwendiger Akt der Selbstbehauptung.
Schreibstil: Feinsinnig, präzise und zugleich poetisch atmend – Stefan Kassners Stil ist ruhig und dennoch eindringlich. Er verzichtet auf übertriebene Effekte und lässt stattdessen die innere Welt seiner Figuren so klar schimmern, dass jede Zeile Gewicht bekommt. Die Sprache wirkt wie eine klare Klinge – präzise, sorgfältig geführt und doch voller Nuancen. Die Szenen besitzen eine fast filmische Intensität, ohne ihre literarische Eleganz zu verlieren. Gerade die Stellen, die zwischen den Worten liegen – das Schweigen, das Zögern, die leisen Gedanken – lassen den Text so tief wirken, dass man immer wieder innehält.
Atmosphäre: Die Enge eines Systems und der Abgrund, der alles verschlucken könnte – Was besonders nachhallt, ist die Stimmung dieses Romans. Die Welt der Gemeinschaft fühlt sich beklemmend eng an, so eng, dass man selbst während des Lesens manchmal den Atem anhält. Das Ritual auf dem Seil wird zu einem Sinnbild dafür, wie fragil ein Menschenleben sein kann, wenn es nicht selbstbestimmt, sondern von Dogmen getragen wird. Stefan Kassner schafft es, die Schlucht nicht nur als geografischen Ort zu zeigen, sondern als Spiegel – für Angst, für Hoffnung, für die wilde Sehnsucht nach Freiheit.
Fazit: Ein Roman, der Mut einfordert und gleichzeitig Mut schenkt – Dieser Kurzroman (Novelle) bekommt auf jeden Fall eine 100%ige Leseempfehlung. „Drahtseilakt“ ist ein Kurzroman, der weit über die letzte Seite hinaus in der eigenen inneren Welt nachklingt. Er stellt Fragen, die sich nicht einfach abschütteln lassen: Wie lebt man ein Leben, das nicht das eigene ist? Wie viel Wahrheit kann ein Mensch mit sich tragen, bevor er an ihrer Last zerbricht? Und wie viel Mut steckt in dem einen, entscheidenden Schritt, der ein ganzes Leben verändern kann? Stefan Kassner erzählt keine große epische Geschichte. Er erzählt eine zutiefst menschliche. Und gerade darin liegt ihre Kraft. Die Schwere des Systems, die Enge des Glaubens, die Verletzlichkeit eines jungen Mannes und die Möglichkeit eines anderen, freieren Weges. All das verbindet sich zu einem literarischen Drahtseil, das man gespannt bis zur letzten Zeile verfolgt. Ein stiller, intensiver und aufwühlender Roman, der mutig in jenen Bereich vordringt, in dem Menschen zu sich selbst finden – oder endgültig verloren gehen.
Persönliches Schlusswort: Warum mich Jonas’ Weg so tief berührt hat – Während des Lesens habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich länger über einzelnen Sätzen verweilte, weil sie so viel mehr bedeuteten, als sie zunächst preisgaben. Jonas’ innerer Kampf, seine Angst, seine Sehnsucht und sein stiller Mut haben mich tief berührt. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, am Rand dieser Schlucht zu stehen und mit ihm gemeinsam in die Tiefe des Unbekannten zu schauen. „Drahtseilakt“ ist ein Roman, der in seiner Kürze erstaunlich viel Wahrheit trägt. Vielleicht, weil er so unverstellt zeigt, wie schwer es sein kann, sich gegen etwas zu stellen, das einen ein Leben lang definiert hat. Vielleicht auch, weil er uns daran erinnert, dass Freiheit nicht immer laut ist – manchmal beginnt sie in einem einzigen, kaum wahrnehmbaren Gedanken. Danke, Stefan Kassner, für diesen eindringlichen Kurzroman. Er hat mich nachdenklich gemacht, mich berührt und mir gezeigt, wie viel Kraft in einer Entscheidung liegen kann, die nur ein Mensch wirklich verstehen muss: die eigene. Mir bleibt jetzt nur noch dir eine schöne Lesezeit zu wünschen, mit diesem stillem, intensivem, wichtigem Buch und einem, das ich nicht so schnell vergessen werde.
Wieder lege ich ein sehr sehr tolles Buch beiseite. Auch wenn es „nur“ eine Novelle ist, so sollte sie wirklich von ganz ganz vielen gelesen werden. Jetzt schau ich aber mal auf meinem Reader, denn es warten viele tolle Bücher auf mich. Bleibt also neugierig und bis bald
