Doof geht immer (3)

Erstellt am 23. Juni 2010 von Sf2000

Ich sollte Ihnen von einem kleinen Ritual erzählen. Ich habe damit 2000 angefangen, das war ein EM-Jahr- ja, natürlich rede ich von Fußball, wovon sonst soll man dieser Tage reden. Soll ich etwa über Steuersenkungen schreiben, wie sie die FDP jetzt gerne wieder fordern würde- weil wir nur 65 statt 80 Milliarden Euro Schulden machen? Oder darüber, dass das Sparpaket bisher keine Wirkung auf die Binnenkonjunktur hatte- zwei Wochen, nachdem es erdacht wurde und Monate, bevor es in Kraft tritt? Ich meine, ja, das hier wird ein Artikel über den Tod des Verstandes, und wie ich seine - zumindest partielle - Wiederauferstehung feiere. Damit ist in der Politik allerdings nicht zu rechnen, insofern muss ich mich an den Fußball klammern.

Jedes Mal, wenn Deutschland aus einer EM oder WM auscheidet, köpfe ich eine Flasche Sekt. Ich lausche der Stille, die entsteht, wenn tausende Menschen gelähmt vor Entsetzen auf die Bildschirme starren, ich proste den weinenden Männern zu, die - meist halbnackt- über den Rasen taumeln, weit entfernt, ein Reporter drischt Phrasen, Fans schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, Schminke verläuft, Fahnen liegen auf dem Boden, es ist ein ganz magischer Moment. Es ist der Moment, in dem die Massenpsychose endet und der Verstand zurückkehrt. Der graue Alltag. Eigentlich kein Grund zum Feiern. Lassen Sie mich Ihnen also ein Bild zeigen:

Ja, das ist ein Oktopus. Laut Bild.de ist es außerdem ein Orakel. Ein Fußballorakel. Titelseite. Deswegen köpfe ich eine Flasche Sekt. Den normalen Wahnsinn- oder wohl eher: Die typische Agonie des deutschen Alltags, damit kann ich leben. Aber das? Teil einer Massenpsychose zu sein, mag ja ganz nett sein, aber stellen Sie sich vor, Sie stehen daneben und sehen zu: Kein hübscher Anblick.

Heute ab 20:30 werde ich also lauschen. Ich habe zu tun, ich werde also nur mit einem Ohr zuhören- den Jubelrufen oder entsetzten Aufschreien, dem kollektiven "Jaaaaa" einer ganzen Nachbarschaft- oder dem weit weniger lautstarken, aber unverwechselbaren kollektiven Seufzer des Gegentors. Ich muß nicht mal den Fernseher anmachen, für sowas habe ich ein komplettes Studentenwohnheim als Verstärker direkt gegenüber. Ich werde mich wohl mal wieder fragen, wie das sein kann, dass dieser kollektive, alle Grenzen, Biografien, Klassen, Berufe, Altersstufen, alle soziologischen Regeln niederwerfende Triumph nur durch so etwas unwichtiges entstehen kann- genau so wie das Gegenteil. Und was man wohl mit der Energie und dem Gemeinsinn anfangen könnte, der da heute abend entsteht, in diesen magischen 100 Minuten, würde man ihn auf andere Weise kanalisieren.... hmm. Ich glaube, das haben wir tatsächlich schonmal ausprobiert. Vielleicht sollte ich also froh sein, dass es hier so oder so einen Abpfiff gibt, dass selbst, wenn ich meine Flasche Sekt diesmal überhaupt nicht trinke, auch diese WM ein Ende haben wird (Weltmeister sein erspart mir wenigstens weitere Voraussagen von Tintenfischen- verzeihung: Kraken).

Komisch. Vorhin wollte ich noch das Verweilen des Sommers loben, und prompt wird der Himmel grau. Ein Omen. Achten Sie also aufs Wetter

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