DIW kontra ifo: Wer hat Recht?

In der ZEIT-Ausgabe vom 6. und vom 13. Oktober gab es eine Diskussion, die Statistik-Laien vermutlich mit den Worten "Mit Statistik lässt sich alles beweisen" oder "Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast" zusammenfassen würden. Denn in der ersten der beiden Ausgaben behaupteten die Ökonomen Clemens Fuest und Rainer Kirchdörfer, die soziale Ungleichheit in Deutschland sei mitnichten so groß wie von Manuel Fratzscher, seines Zeichens Präsident des DIW in Berlin, behauptet. Fratzscher hat für seine Analyse der Ungleichheit nämlich nicht, wie eigentlich üblich, die Nettolöhne herangezogen, sondern die Bruttolöhne, in denen die Umverteilung durch den Sozialstaat nicht enthalten ist. Bei den Nettolöhnen liege Deutschland in EU und OECD im unteren Mittelfeld.

Stimmt nicht, antwortete die Woche drauf Fratzscher. Zwar habe er tatsächlich die Bruttolöhne herangezogen, die die staatliche Umverteilung nicht berücksichtigen, doch die Umverteilung sei ja ineffizient und ändere deshalb nichts am Ergebnis.

Greifen beide auf unterschiedliche Datenquellen zurück und kommt deshalb jeder zu einer anderen Aussage? Lässt sich das so pauschal einfach nicht beantworten? Oder lügt eine Seite?

Um diese Frage zu beantworten habe ich beide Seiten gebeten, mir die Daten zu senden, auf denen ihre Aussage beruht. Meine Fragen waren:

  1. Wie hoch ist die Nettoeinkommensungleichheit in Deutschland im Vergleich zu EU und OECD?
  2. Wie hoch ist die Vermögensungleichheit mit und ohne Berücksichtigung von Renteneinkommen?

Um es kurz zu machen, vom DIW kam nichts, man reagierte dort auf meine Frage gar nicht, auch nicht auf eine zweite Nachfrage hin. Allerdings nutzt die von Kirchdörfer und Fuest genutzte Studie eine ziemlich akzeptierte Datenquelle, nämlich die OECD. Fratzscher dürfte kaum besser Daten haben.

Und wie sieht es dort aus? Die Weltbank zählt Deutschland zu den Ländern mit der niedrigsten Einkommensungleichheit weltweit, allerdings ist der Maßstab dabei natürlich ein anderer, weil chronisch ungleiche Länder wie Brasilien, Südafrika oder Peru mit in die Daten eingehen.

Ein kurzer Ausflug in die Welt sei mir dennoch erlaubt. Beim Blick auf die Karte fällt auf, das vor allem Schwellenländer sehr ungleich sind. In Afrika ausgerechnet die vergleichsweise wohlhabenden Staaten Südafrika, Botswana und Namibia. Sehr arme Staaten wie Mali oder Afghanistan sind dagegen deutlich gleicher (in der Grafik also grün). Man könnte die These ausstellen, dass reiche Länder Geld haben um Ungleichheit abzufangen und es in armen Ländern nur wenig Ungleichheit gibt, weil dort einfach alle arm sind (aus diesem Grund war auch die Ungleichheit zwischen den Staaten vor 1900 geringer als heute). Allerdings ist es ganz so einfach dann doch nicht. Beispielsweise ist das arme Papua-Neuguinea relativ ungleich, das Schwellenland Indonesien dagegen deutlich weniger. Und dann sind da natürlich noch die reichen USA, die aber durch eigenen politischen Beschluss ungleich bleiben, wenngleich sie international gesehen sogar noch Mittelfeld sind.

Äthiopien: Arm, aber gleich - und schnell wachsend

Auffällig ist auch Äthiopien, dass als einziges Land in Afrika einen Gini-Koeffizienten von unter 30 Prozent hat. Das Land ist zwar immer noch recht arm, gleichzeitig aber nach den Daten des Worldfactbook der CIA das am stärksten wachsende der Welt. 2015 legte die Wirtschaft dort um 10,2 Prozent zu. Abgesehen von den Kleinststaaten Palau und Monaco folgt dann übrigens das ungleiche Papua-Neuguinea mit 9,0 Prozent vor der Elfenbeinküste mit 8,6 Prozent. Bleibt aber abzuwarten, ob das Wachstum nachhaltig ist und wie es sich auf die Ungleichheit auswirkt.

Aber kehren wir zurück zu OECD und EU. Wie sieht es hier um Deutschlands Ungleichheit aus? Ebenfalls gut, das Land liegt hier im Mittelfeld. Da die meisten großen Staaten einen höheren Gini-Koeffizienten haben kann man sogar sagen, die deutliche Mehrheit in der OECD lebt in Staaten, die ungleicher sind als Deutschland. Wie also kommt Fratzscher zu seiner Aussage? Nun, bekanntlich hat er auf meine Mail nicht geantwortet. Vermutlich würde er schreiben, er habe ja nie bestritten, dass die Nettoungleichheit in Deutschland nicht überdurchschnittlich hoch sei. Er habe auf diesen Hinweis von Fuest und Kirchdörfer nur geantwortet, dass ein großer Teil des umverteilten Geldes wieder bei den Reichen lande. Dass trotzdem die Nettolöhne in Deutschland gleicher seien als im OECD-Schnitt, habe er damit ja nicht ausgeschlossen. Fragt sich nur, warum er das dann so nicht schreibt.

Laut der Studie, auf die die Professoren Fuest und Kirchdörfer sich beziehen, funktioniert die Umverteilung in Deutschland sogar vergleichsweise gut. Der Unterschied zwischen der Ungleichheit bei Brutto- und der bei Nettolöhnen ist nämlich vergleichsweise groß, die Staatsquote zwar ebenfalls hoch, allerdings nicht im gleichen Maße.

Was soll man also von Fratzschers Beitrag halten - dazu habe ich mal wieder einen Kommentar geschrieben.


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