Diskretion in der Apotheke – Wer kann vom Medikamentennamen auf die Diagnose schliessen?

Von Pharmama

Anlass für meine Frage gestern abend ist ein Blogpost über den ich im Netz gestolpert bin. Darin erzählt der Schreiber, wie er seine bestellten Medikamente in der Apotheke erhalten hat: (Hier kann man den ganzen Post nachlesen).

Abgesehen davon, dass man die Medis erst nicht finden konnte (kann vorkommen – zum Beispiel, wenn es nicht im Alphabet ist  im Bestellregal oder sonst nicht ganz richtig abgelegt – was ärgerlich ist auch für uns) … stellt er sich vor, dass sie untereinander darüber reden:

„Ich finde die AIDS-Medikamente von dem Mann nicht, der da am Tresen steht. Helft mir bitte suchen.“

Endlich gefunden kommt die Apothekerin zum Thresen und legt ihm Medikamente und Rezept vor:

Lautstark las die Frau Apothekerin das Rezept vor: „ SO, DA HÄTTEN WIR ALSO EINMAL TRUVADA DREISSIG TABLETTEN UND EINMAL KALETRA AUCH DREISSIG TABLETTEN. ICH PACKE SIE IHNEN JETZT HIER IN DIE TÜTE EIN. HABEN SIE NOCH EINEN WUNSCH?“

Oookay.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das für ihn unangenehm sein kann. Tatsächlich ginge es mir wohl gleich.

Das Problem hier ist wohl, dass wir als Fachpersonen tatsächlich etwas abstumpfen gegenüber der Problematik. Wir arbeiten tagtäglich mit den verschiedensten Medikamenten gegen alle mögliche Krankheiten … da differenzieren wir häufig nicht mehr so, ob das jetzt etwas ist, was dem Kunden vielleicht peinlich sein kann. Viagra und Co .. ja klar, HIV-Medikamente … ja, und wie sieht’s aus mit der Pille, oder mit Mitteln gegen Hämorrhoiden? Gegen Wechseljahrsbeschwerden? Eigentlich kann noch eine Menge mehr den Leuten unangenehm sein.

Schön, dass er das danach (ruhig) direkt Rückgemeldet hat, wie das auf ihn gewirkt hat.

Ich machte ihr klar, dass die Namen der üblichen HIV-Medikamente durchaus geläufige Begriffe sind. Daher möchte ich es nicht, wenn nebenan eine Person die mir verordneten Medikamente mithört und daraus schließen kann, welche Krankheit ich habe.
Das kommt quasi einem Outing in der Apotheke nahe.

Nochmals: Ich verstehe seine Reaktion!

Aber … auf der anderen Seite … ist das wirklich so?

Abgesehen von den Leuten, die häufiger mit den Medikamenten zu tun haben – also medizinische Fachkräfte wie Ärzte, Apotheker, Pharmaasssistentinnen, PTAs, Krankenpfleger … und denen die selbst betroffen sind und die genannten Medikamente einnehmen müssen … wieviele wissen wohl nur wenn sie den Namen hören oder vielleicht gar die Packung sehen wofür die Medikamente sind?

Darum also die Umfrage: Und das Ergebnis:

Total haben 61 geantwortet

für Kaletra:

Bekannt? 42 Nein, 19 Ja,.
Von den Ja: alle vom Fach
Von den Nein: 14 vom Fach, 28 Laien

Für Truvada:

Bekannt? 39 Nein, 21 Ja.
Von den Ja: 1 Laie (!) Rest alle vom Fach
Von den Nein: 12  vom Fach, 27 Laien

Vor allem Truvada war in den letzten Wochen ein paar Mal in der Presse erwähnt, weil man es als Prophylaxemittel gegen HIV zulassen will. Von dem her könnte es schon sein, dass es dem einen oder anderen geblieben ist. Der Unterschied zu Kaletra ist aber in der Umfrage erstaunlich klein geblieben.

Auf der anderen Seite würde ich bei beiden Mitteln noch nicht einmal als Apothekerin behaupten, dass sie mir „geläufig“ sind. Ich kenne sie, weil wir selbst jemanden haben, der das nimmt, aber ansonsten … braucht man sie wirklich nicht sehr häufig. Das erklärt, warum auch Apotheker und andere Fachpersonen hier sagen „kenne ich nicht“.

Wenn ich jetzt hier ein Fazit ziehen will:

Erstens: Diskretion und Vertraulichkeit sind für den Kunden sehr wichtig in der Apotheke … und sollten es auch für uns sein.

Zweitens: Die meisten Menschen können nicht von Medikamentennamen auf die Diagnose oder die Krankheit gegen die sie gebraucht werden schliessen. Es sei denn, sie haben einen medizinischen Hintergrund (sind “vom Fach”) oder sie benutzen selber die genannten Medikamente. Übertriebene Sorge in die Richtung ist also nicht nötig.

Sollte man jetzt anfangen verschämt die Medikamente grundsätzlich schon vorher einzupacken? Besser ist es vielleicht, den Kunden zu fragen, wie er es gerne hätte.

Oder das hier wäre noch eine Idee:  Da nimmt der Kunde, der eine persönliche / diskrete Beratung wünscht eine Karte und weist sie an der Theke vor. Daraufhin wird er ohne weitere Fragen in den Beratungsraum (den die allermeisten Apotheken haben!) geführt und kann dort sein Anliegen anbringen … dazu zählen genauere Beratung, zeigen von Hautproblemen und er kann auch dort seine bestellten Medikamente einpacken. Finde ich echt eine Idee!

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie viel das die Apotheke kostet (gratis wird man auch das nicht bekommen)

Info hier http://apotheken-sprechzimmer.ch/