Die virtuelle Gefahr

Wenn sich Besinnungslosigkeit, eine ausgeprägte Algebraschwäche und sklavische Agenturhörigkeit verbinden, singt der große Meinungschor so etwas wie dieser Tage: "Neue Rekorde bei der Internetkriminalität", schreibt die "Süddeutsche", "Deutsche immer häufiger Opfer von Internetkriminalität", sekundiert die "Deutsche Welle", „Netz-Kriminalität ein enormes Problem“, erläutert die FAZ. es kann einem Angst werden und Bange vielleicht sogar, denn all das klingt, als käme der Netzverbrecher demnächst auf jeden Fall vorbei. Das Internet werde immer stärker zum Tatort, imaginiert die Agentur Reuters, die Zahl der Straftaten im Netz sei 2010 "auf einen neuen Rekordwert von knapp 225.000 gestiegen". Eine Steigerung um 8,1 Prozent, hat der Innenminister ausrechnen lassen.
Allerdings nennen alle Blätter und Agenturen absolute Zahlen eher unwillig und weit im hinteren Teil ihrer hochanalytischen Texte, die überwiegend aus Satzbausteinen der Pressemitteilung des Bundesinnenministers bestehen. Und Vergleichsdaten zur Einordnung nennen sie gar nicht.
Der Grund liegt auf der Hand: 225.000 Internetverbrechen sind, gemessen an der Gesamtmenge krimineller Vergehen in Deutschland, die bei rund sechs Millionen liegt, gerademal 3,75 Prozent. Und die Steigerungsrate von 8,1 Prozent liegt auch noch unter der Wachstumsrate bei neuen DSL-Anschlüssen.
Die Zahl der Internetverbrechen wächst also nicht einmal so schnell wie die Zahl der schnellen Internetzugänge. Dennoch ist die mediale Aufregung über 87.000 Online-Betrugsfälle ungleich größer als die über mehr als eine Million Offline-Betrügern und die 225.000 Internetstraftaten bekommen zehnmal mehr Schlagzeilenplatz als die 1,3Millionen Fälle von Straßenraub.
So entsteht eine Art virtuelle Verbrechenswelt, in der nicht zählt, was wirklich ist, sondern was wirklich gut klingt. es geht um die hohe Schule des Lügens mit der Wahrheit: Der Agentursatz "der Computer wird immer häufiger zum Tatwerkzeug von Kriminellen", ist ansich völlig korrekt, müsste aber, um wahr zu sein, ergänzt werden um die Informationen, dass 51 Millionen Bundesbürger einen Internetzugang haben - und damit rein statistisch die Chance, aller 600 Jahre Opfer eines Onlinebetrügers zu werden. da braucht es Geduld, da braucht es den festen Willen, auf "Fishing-Attacken" (Die Zeit) hereinzufallen. Dabei ist die Zahl der Internetverbrechen nach PPQ-Berechnungen seit 1911 um ganze 40 oder sogar 77 Millionen Prozent gestiegen - noch ein Argument mehr, die verfassungswidrige Vorratsdatenspeicherung möglichst schnell wieder aufzunehmen!


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