Die Verdinglichung von SARS-CoV2 oder: Wie die Maske ins jüdische Museum kommt

Die Verdinglichung von SARS-CoV2 oder: Wie die Maske ins jüdische Museum kommt

Bild: privat

Eine der Säulen eines Museums ist neben Forschen und Vermitteln das Sammeln und Bewahren. Wie kann nun eine Sammlung aussehen in Zeiten von Corona? Welche Objekte? Welche Narrative? Es kann in der Gegenwart nicht darum gehen, eine Geschichte über die Gesellschaft in Zeiten von Corona zu erzählen – das ist Teil der Zukunft, wenn sich tatsächlich ein „Davor“ und „Danach“ abzeichnen. Wenn sich die gesellschaftlichen Umbrüche, deren Folgen längst noch nicht überblickbar sind, quasi in unserer Historie manifestiert haben.

Vielmehr geht es heute darum, die möglichen, die potenziellen Geschichten zu erahnen und in jedem Fall die Auswirkungen, die Corona auf die Gesellschaft hat, anhand von Exponaten zu dokumentieren. Dabei soll es aber nicht darum gehen, dem Virus ein Alleinstellungsmerkmal zuzuschreiben, das es nicht hat und nicht haben kann. Es sind die Veränderungen, die möglicherweise damit einhergehen werden; Veränderungen, die durch Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Ausgehverbote, Schutzkleidung etc. eintreten könnten. Nicht das Virus selbst wird dokumentiert, sondern wie die Gesellschaft kurz- und auch längerfristig damit umgeht. Damit sind aber noch längst nicht alle Hürden genommen.
Für ein jüdisches Museum stellt sich derzeit die Frage nach sammelnswerten Dingen aus einer besonderen Perspektive: und zwar, ob und wie die Corona-Krise Einfluss nimmt auf „die“ jüdische Gesellschaft (die es in dieser Homogenität freilich nicht gibt)? Gibt es Alltagsgegenstände, die explizit Veränderungen im „jüdischen Leben“ abbilden? Was macht eine Maske zu einer jüdischen Maske? Wie wird ein Plakat zu einem jüdischen Plakat? Wie wird eine Corona-Zeichnung zu einer Grafik, die in das Sammlungskonzept eines jüdischen Museums passt? Die Frage – was ist jüdisch? – ist nicht neu, wird aber in ein neues, virales Licht getaucht.

Einfach zu beantworten war diese Frage schon vor Corona nicht, und ganz bestimmt wird sie es auch „Danach“ nicht sein. Ganz im Gegenteil, sie öffnet einen ganzen Blumenstrauß sybillinischer Fragen: Ein Mann trägt eine von seiner Frau selbstgenähte Maske, während er für den Schabbat-Abend einkauft. Ist das ein „jüdischer Mund-Nasen-Schutz“? Irgendeine Firma hat die Idee, Masken mit Davidsternen zu produzieren. Die Modebranche macht Masken sinnigerweise mit bunten Motiven und unterschiedlichen Stoffen zu neuen Must-haves. Warum also nicht auch „jüdische Symbole“? Sind das nun „ jüdische Masken“? Für die Verkleidung zu Purim – ein fröhliches Fest zur Rettung des jüdischen Volkes vor dem Bösewicht Haman, das im Frühjahr gefeiert wird – werden sich Kinder ihre Masken mit Stofffarben selbst bemalen, mit Blumen, Sonnen, Smileys, ja sogar ein Haman-Schnurrbart könnte dabei sein! Wären das jetzt „jüdische Masken“? Das Dilemma zeichnet sich ab: „Jüdisch“ definiert sich nicht allein durch Gebrauch und Verwendung jüdischer Symbole, es definiert sich vielmehr durch ein individuelles Selbstverständnis. Und manchmal nicht mal das. Mitunter ist dahinter auch nur die Zuschreibung „jüdisch“ versteckt.

Wenn sich zum Beispiel eine Künstlerin jüdischer Herkunft mit Pinsel und Farben hinsetzt und ein bewahrenswertes Corona-Werk schafft, das dem jüdischen Museum so relevant erscheint, dass es in seine Sammlung aufgenommen wird, ist das auch nur eine Betrachtungsweise. Denn vielleicht hat die Künstlerin zwar Freude daran, in einem Museum verewigt zu sein, aber jenseits ihrer jüdischen Herkunft vielleicht keine Ahnung von jüdischen Ritualen, vielleicht kein Interesse an Chanukka-Feiern und vielleicht noch nie ein Schabbat-Licht entzündet. „Jüdisch“ ist für sie vielleicht nur ein Wort, eine Zuschreibung, wie es noch viele andere solcher Art gibt und mit der sie nichts zu tun haben möchte. Und ähnlich ist das natürlich mit den Symbolen: Gut, eine Gesichtsmaske mit Davidstern erscheint zunächst eindeutig. Muss diese von einer jüdischen Frau oder einem jüdischen Mann getragen worden sein, um zu einer „jüdischen“ Maske zu werden, um damit wiederum Eingang in unsere Sammlung zu finden? Und wenn ja, welches jüdisch? Orthodox? Liberal? Nicht praktizierend? (Ich verweise nochmal auf das individuelle Selbstverständnis) Bei Objekten, die nichts mit religiösen Ritualen zu tun haben, entscheiden wir von Fall zu Fall, und allzu oft nach langen Überlegungen und vorsichtigem Abwägen, ob das betreffende Objekt eine Geschichte hat, die von einer jüdischen Identität erzählt oder eine wie auch immer geartete „jüdische Provenienz“ besitzt. Manchmal – insbesondere natürlich im Zusammenhang mit der Schoa, um hier ein einprägsames Beispiel zu nennen – akzeptieren wir auch die Zuschreibung von außen.

Also, was tun wir nun? Die Antwort ist pragmatisch: Heute wissen wir noch nicht, welche gesellschaftlichen Veränderung Covid 19 mit sich bringen wird. Wir wissen nur, dass wir bereits mitten drin sind, in den Umwälzungen. Also sammeln wir Alltagsgegenstände, suchen „Corona-Dinge“ zusammen und bewahren sie für die Nachwelt auf. Aus einer jüdischen Perspektive, versteht sich.

Die Verdinglichung von SARS-CoV2 oder: Wie die Maske ins jüdische Museum kommt

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