Die Vampire sind tot!

Die Vampire sind tot!


131 Kurzgeschichten sind zu der Ausschreibung „Draculas Vermächtnis" beim Verlag eingetroffen. Ein Rekord! Warum die Anthologie trotzdem nicht umgesetzt wird, erzähle ich Euch in diesem Beitrag.

131! Was für eine Hausnummer, noch nie wurden so viele Kurzgeschichten zu einer Ausschreibung des Art Skript Phantastik Verlages eingesendet. „Mit dieser Fülle an Beiträgen wird sich eine gute Anthologie zusammenstellen lassen!", dachte ich mir und begann meine Arbeit.
Alle Einsendungen wurden zuerst anonymisiert, dann nach Wortanzahl sortiert (wobei sich schon an der Stelle zwei Geschichten wegen Überlänge disqualifizieren), danach gelesen und schlussendlich ausgewertet.
Im Normalfall wechselt sich die Qualität der Geschichten in regelmäßigen Abständen ab. Mal gibt es Tage, da hat man viele gute Beiträge, mal Tage mit nicht so guten, aber die meiste Zeit ist es ein guter Mischmasch.

Von Rechtschreibung, Sexismus, Technik und Klischees


Bei „Draculas Vermächtnis" jedoch nicht. Allgemein muss ich sagen, dass mir gerade bei dieser Ausschreibung sehr viele Geschichten aufgefallen sind, in denen es vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern nur so wimmelt. Klar kann ein gutes Lektorat da Abhilfe schaffen. Aber Verständnis für die deutsche Sprache setzte ich voraus.
Jetzt aber keine Panik! Ein Beitrag wird nicht abgelehnt, nur weil man mal ein Wort falsch geschrieben oder etwas ungeschickt formuliert hat. Trotzdem möchte ich auch klar sagen, dass ich, wenn ich mich zwischen zwei KGs mit der gleichen Thematik entscheiden muss, immer die bevorzuge, an der das Lektorat weniger zu arbeiten hat.
Waren solche Schnitzer bei vergangenen Ausschreibungen eher die Ausnahme, wurden sie hier fast zur Regel. Und sie kamen oft gemeinsam mit einer anderen Krankheit: Dem Sexismus!
Mittlerweile sollte jedem klar sein, dass ich eine VerlegerIN bin! Auch wenn ich regelmäßig als Herr Grit Richter angeschrieben werde. Ich setzte mich neben LGBTQ+ und Diversity Content auch für charakterstarke Frauenfiguren ein.
Nun ist das nicht so einfach, schließlich verbindet man Geschichten um Dracula zumeist nicht mit starken Frauen, sondern mehr mit der Damsel in Distress bzw. der Jungfrau in Nöten. Für diese Ausschreibung hieß das: Wenn überhaupt mal eine Frau auftaucht, dann muss sie gerettet/beschützt werden oder sie fungiert als Supporter-Figur. Die wenigen Ausnahmen, in denen eine Frau als Heldin auftrat, fielen zumeist positiv auf.
Moderne Technik, bzw. deren Nichtvorhandensein, fiel auch immer wieder auf. Ständig irren Leute in ihren Autos durch die Gegend, natürlich mit dem ADAC-Atlas auf dem Beifahrersitz. Im Notfall wurde sogar von Männern nach dem Weg gefragt (die Lage ist ernst!). Navi und/oder Handy? Fehlanzeige! Auch hier fielen die Geschichten positiv auf, in denen moderne Technik zum Einsatz kam.
Zum Abschluss komme ich noch zu einem Problem, dass mich am meisten geärgert hat: Die Klischees!
„Ein Mann hat in seinem Leben nichts erreicht, er bekommt eine Nachricht, fährt/fliegt nach Rumänien und wird König/Anführer der Vampire" - mit dieser kleinen Geschichte habe ich ca. 80% aller Einsendungen beschrieben.
Natürlich schreiben viele Autoren über das Naheliegende. Das, was einem als erstes in den Sinn kommt, wenn man den Ausschreibungstext liest. So bekam ich bei unserer Ausschreibung zu Absinth - Geschichten im Rausch der Grünen Fee viele Kurzgeschichten mit kleinen süßen Feen, die Wünsche erfüllen. Oder zur Ausschreibung Kemet - Die Götter Ägyptens Geschichten zu Osiris, Anubis und Isis, eben die Gottheiten, die einem als erstes einfallen.
Oft ist das auch gar nicht schlecht, denn mit Klischees lässt sich vortrefflich spielen. Man kann sie ausreizen und plattreden. Aber wenn die Klischees auf die oben erwähnte schlechte Rechtschreibung und/oder den Sexismus treffen, dann sinkt die Begeisterung. Oft hatte ich das Gefühl, immer wieder die gleiche Geschichte nur mit anderen Namen zu lesen.
Fun Fact: Es gab fast keine Glitzervampire!
Bevor ich zu den harten Zahlen/Daten/Fakten komme, muss ich einräumen, dass auch von meiner Seite aus nicht alles rund gelaufen ist.

Hätte ein besserer Ausschreibungstext alles retten können?


Ausschreibungstexte sind harte Arbeit! Sie stehen auf einer Stufe mit Exposés oder dem Verfassen eines Klappentextes für das eigene Buch. Und gerade, wenn man denkt, dass alles passt und die Ausschreibung überall publik macht, kommt die zündende Idee. Tatsächlich ist mir das noch nie passiert - bis zu Draculas Vermächtnis.
Einige Wochen, nachdem ich die Ausschreibung öffentlich gemacht hatte, kam mir eine gute Idee zur Strukturierung. Ich glich sie mit dem Ausschreibungstext ab und stellte fest, dass beides sich gut kombinieren ließ. Auch bei der Kurzgeschichtenauswertung hatte ich das neue Konzept immer im Hinterkopf. Einige KGs müsste man, gemeinsam mit dem Autor, leicht editieren. Aber es könnte klappen.
Jedoch sorgte der Ausschreibungstext an sich schon für Verwirrung. Auf der einen Seite wurde angegeben, dass die Geschichten nach Draculas Tod stattfinden sollten (den viele auf 1897 datierten, das Jahr in dem der Roman von Bram Stoker erschien), auf der anderen Seite stand dabei, dass die Erzählungen in der Gegenwart stattfinden sollten. Aber diese Ungenauigkeit konnte gut aus der Welt geschafft werden.
Was bleibt, ist ein Denkzettel für mich! In Zukunft immer genaue Ausschreibungstexte zu verfassen.


Kommen wir zu den ernüchternden Fakten.
Ich verwende immer ein Ampel-System: Alle grünen KGs sind sehr gut, über alle gelben KGs lässt sich nachdenken und alle roten KGs fallen aus diversen Gründen durchs Raster. Zusätzlich gibt es noch die Kennzeichnung Lila, für Kurzgeschichten, die zwar nicht in die Anthologie passen, sich aber vielleicht zu Novellen ausbauen oder für andere Projekte verwenden lassen.
Bei Draculas Vermächtnis sieht die Aufstellung wie folgt aus:
ROT: 114
GELB: 11
GRÜN: 5
LILA: 1

Davon stammen 45 Beiträge von Männern, 87 von Frauen (das ergibt 132, da ein Autorenduo dabei ist).

Nun mag man sagen: Hey, 5 gute und 11 im Mittelfeld kann ja immer noch eine Anthologie mit 16 Geschichten geben! Wo ist dein Problem Frau Verlegerin/Herausgeberin?
Das Problem ist, dieses Ergebnis sieht nur auf den ersten Blick nett aus. Vergleiche ich es mit der Auswertung anderer Anthologien, wird schnell klar, dass der Anteil an grünen und gelben Geschichten viel höher ist.
Nehmen wir die Anthologie Fantasy Noir. Diese hatte mit 99 Einsendungen ähnlich viele Beiträge wie Draculas Vermächtnis. Hier waren 19 Geschichten in der Endauswahl, von denen am Ende 12 genommen wurden. Bei anderen Ausschreibungen war die Auswahl noch höher und lag bei 20 bis 25 Geschichten, aus denen dann 10-13 in die Anthologie aufgenommen wurden.
Dagegen kommen 16 Endrundenkandidaten bei Draculas Vermächtnis doch etwas mickrig daher. Und vergleiche ich die stärkste Geschichte mit der schwächsten, dann ist die Differenz in der Qualität sehr hoch.
Natürlich besteht auch die Möglichkeit, eine kleine Anthologie zu machen. Immerhin ist Steampunk 1851 mit 8 Kurzgeschichten die erfolgreichste Anthologie des Verlages. Der Unterschied zu Steampunk 1851 ist jedoch, dass ich hinter diesen 8 Geschichten zu 100% stehe. Bei Draculas Vermächtnis würde eine Anthologie entstehen, von der ich nur 5 Beiträge wirklich gut finde und der Rest wären eher Lippenbekenntnisse - und genau das will ich nicht!
Ich will Anthologien machen, hinter denen ich stehe, bei denen ich alle Beiträge gut finde und liebe! Nur so kann ich ohne schlechtes Gewissen auf Messen hinter meinem Stand stehen und die Bücher empfehlen. Und weil ich das bei dieser Anthologie nicht könnte, habe ich mich dazu entschlossen, Draculas Vermächtnis nicht umzusetzen.

Habe ich jetzt alles umsonst geschrieben?


Meiner Meinung nach ist kein Anthologie-Beitrag je umsonst! Abgelehnte Geschichten kann man zu anderen Ausschreibungen einsenden. Oder umschreiben. Oder zu Novellen ausbauen. Jede Kurzgeschichte ist eine Schreibübung, die den Autor auf seinem Weg weiterbringt.

Sind die Vampire wirklich tot?


Ich glaube noch immer daran, dass es da draußen gute, moderne Vampirgeschichten ohne Klischees gibt! Und in einigen Jahren werde ich mich an einer neuen Ausschreibung versuchen. Mit einem besser durchdachten Konzept und dem Wunsch, eine richtig gute Vampir-Anthologie zu machen.


Danke an alle Autorinnen und Autoren, die sich an der Ausschreibung beteiligt haben. Auch wenn sich mein Beitrag schlimm anhört, nicht alle Geschichten waren schlecht. Manche haben einfach nicht ins Konzept gepasst. Lasst Euch nicht entmutigen und hört nie auf zu schreiben!


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