Die Sonne • Ein Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing

Die Sonne

Der Stern, durch den es bei uns tagt –
“Ach! Dichter, lern, wie unsereiner sprechen!
Muss man, wenn du erzählst,
Und uns mit albern Fabeln quälst,
Sich denkend noch den Kopf zerbrechen?“
Nun gut! die Sonne ward gefragt:
Ob sie es nicht verdrösse,
Dass ihre unermessne Größe
Die durch den Schein betrogne Welt
Im Durchschnitt größer kaum, als eine Spanne, hält?
“Mich“, spricht sie, „sollte dieses kränken?
Wer ist die Welt? wer sind sie, die so denken?
Ein blind Gewürm! Genug, wenn jene Geister nur,
Die auf der Wahrheit dunkeln Spur,
Das Wesen von dem Scheine trennen,
Wenn diese mich nur besser kennen!“
Ihr Dichter, welche Feuer und Geist
Des Pöbels blödem Blick entreißt,
Lernt, will euch missgeschätzt des Lesers Kaltsinn kränken,
Zufrieden mit euch selbst, stolz wie die Sonne denken!

die Sonne – Quelle: salzburg.com


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