Die Selbstlern-Challenge - Retrospektive

Zehn Wochen sind wie im Flug vergangen, seit ich zur Teilnahme an einer Selbstlern-Challenge eingeladen hatte.

Das Angebot

Die Herausforderung war, sich selbstständig über einen Zeitraum von 10 Wochen in das Thema Flow Design & Co einzuarbeiten. Einzige Bedingung: Als Dokumentation des Dranbleibens am Thema sollte mir jede Woche eine Frage per Email geschickt werden - die ich dann selbstverständlich auch beantwortet habe.

Zehn Teilnehmer hatte ich gesucht und in weniger als 24 Stunden auch gefunden. War das ernsthaftes Interesse am Thema? Oder vielleicht doch nur Interesse am “Preisgeld”? Jedem der durchhält, hatte ich einen 50€ Amazon-Gutschein versprochen. Wie sich herausstellte, waren solche Überlegungen unbegründet. Wer dabei geblieben ist, hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Zwei Teilnehmer schrieben sogar, sie seien an dem Gutschein gar nicht interessiert.

Erkenntnis #1: Beim nächsten Mal werde ich zur Wahl stellen, das “Preisgeld” ausgezahlt zu bekommen oder es zu spenden.

Warum hatte ich überhaupt ein “Preisgeld” ausgesetzt? Weil ich einen zusätzlichen Anreiz zum Mitmachen bieten wollte. Der sollte nämlich hoch sein, um meine Hypothese zu bestätigen. Bevor ich die aber erläutere hier erstmal die “Gewinner”…

Die “Gewinner”

Von 10 Teilnehmern haben 5 durchgehalten. Der Austausch mit ihnen war unterschiedlich intensiv. Beim einen waren es über 80 Emails, die zwischen uns hin und her gingen, beim anderen nur 4, dafür aber noch Chats in Slack.

Erkenntnis #2: Veränderungen während des Challenge vermeiden. Als ich nach einigen Wochen Slack als weiteres Kommunikationsmedium angeboten habe, kam es zu einigen Irritationen. Manche nahmen diesen neuen Kanal freudig auf und haben sich auch untereinander darüber ausgetauscht. Andere waren verwirrt bis verärgert und wähnten eine unlautere einseitige Vertragsänderung. Dabei wollte ich doch nur nett sein… Aber so kann es gehen. Deshalb: Wenn die Sache einmal läuft, Füße stillhalten.

Ach, ja, die “Gewinner”. Die gab es natürlich nicht, weil es nichts zu gewinnen gab. Es war ja kein Wettbewerb. Eher sollte es wohl heißen, die “Durchhalter” oder “Finisher”. Gewinner waren alle inklusive mir. Denn wir haben einiges gelernt - auch die, die nicht durchgehalten haben. Hoffentlich.

Über die Ziellinie haben sich diese 5 Teilnehmer gefragt:

  • Manuel Beetz
  • Benjamin Beisner
  • Karsten Peiler
  • Max Schmidt
  • Benjamin Seblu

Herzlichen Glückwunsch! Die Gutscheine sind schon verschickt.

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Leider war die Auswertung nicht ganz so einfach, wie gedacht. Zuerst hatte ich mir noch aufgeschrieben, wer wann eine Frage gestellt hat. Doch im Eifer der Email-Kommunikation ist das dann nicht mehr so klar gewesen. Wann war eine Frage die Wochenfrage, wann nur eine weitere? Am Ende musste ich also die ganze Kommunikation nochmal durchsehen und habe sogar die Teilnehmer gebeten, das nochmal zu prüfen.

Erkenntnis #3: Zumindest die Einreichung der wöchentlichen Frage sollte stärker formalisiert sein. Solange die Erfolgsbedingungen so einfach sind und von normaler Kommunikation kaum unterscheidbar, braucht es dafür einen Rahmen. Es hätte gereicht zu fordern, dass die Wochenfrage in einer Email mit einem Betreff geschickt wird, in dem die Fragennummer steht, z.B. “Selbstlern-Challenge Frage #3”.

Die Hypothese

Die Teilnehmer haben immer wieder mal gefragt, was denn meine Hypothese gewesen sei. Und auch Sie mögen sich gefragt haben, warum da einer bereit ist, 500€ dafür zu bezahlen, dass man ihm 100 fragen stellt. Müsste es nicht umgekehrt sein? :-)

Ja, als Geschäftsmodell taugt der Ansatz nicht wirklich. War ja aber auch so nicht gedacht. Ich habe vielmehr in Forschung investiert. Ich wollte herausfinden, ob meine Ansicht über das autodidaktische Lernen in unserer Branche “korrekt” ist.

Eine wissenschaftliche Studie ist das nun zwar nicht geworden, aber ich denke, eine Antwort habe ich dennoch bekommen. Hier meine Ausgangshypothese:

Ich glaube nicht daran, dass Entwickler autodidaktisch eine Methode wie Flow Design & Co neben ihrem Job lernen können.

Diese Hypothese hatte sich in mir über längere Zeit gebildet. Das wurde mir besonders bei einem Seminar Ende letzten Jahres bewusst. Da sagte ein Teilnehmer beim abschließenden Feedback, er fände den Ansatz gut, könne ihn aber frühestens in 2–3 Monaten in einem nächsten Projekt anbringen. Darauf erwiderte ich, er müsse schauen, dass er bis dahin im Thema drin bliebe, er müsse für sich weiter üben. Und der Teilnehmer sagte selbstgewiss, das würde er selbstverständlich. Damit hätte er Erfahrung.

Das war zu schön zu hören, um wahr zu sein. Deshalb schlug ich vor, er könne mir doch jede Woche als Resultat seines Übens eine Frage schicken. Das Angebot nahm er allerdings nur halbherzig an. Und dann bin ich gemein geworden: Ich habe ihm 2 Monate lang alle 2 Wochen eine Email geschickt und freundlich nachgefragt. Darauf hat er einmal geantwortet - und dann nicht mehr. Für mich bedeutet das: Er hat nicht geübt. Er hatte sich schlicht überschätzt. Guten Willen möchte ich ihm nicht absprechen. Nur nützt der nichts, wenn er nicht umgesetzt wird.

Als ich damit meine Hypothese als bestätigt zur Ruhe betten wollte, habe ich dann aber doch ein schlechtes Gewissen bekommen. Deshalb der Selbstlern-Challenge.

Mit dem Challenge wollte ich herausfinden, ob nicht sogar unter günstigeren Bedingungen das autodidaktische Lernen fehlschlägt. Aber nochmal zur Präzisierung: Die Hypothese bezieht sich auf das Lernen einer Methode, d.h. von etwas, bei dem man, wenn man es anwendet, relativ schlecht Feedback bekommt.

Wer sich autodidaktisch einen API beibringen will oder ein Tool lernt, der bekommt sofort bei der Anwendung Feedback. Was er tun will klappt oder nicht. Wenn es nicht klappt, kann das natürlich frustrierend sein. Aber meist klappt zumindest so viel, dass es relativ leicht ist, dran zu bleiben. Dann wird man besser und sucht nach Wegen, es in der Praxis anzuwenden.

Bei Methoden wie TDD, agilem Vorgehen, einem neuen Sprachparadigma oder eben auch Entwurfsansätzen wie Flow Design (oder das gute alte OOD) ist das jedoch anders. Ob man es gut macht, lässt sich nicht sofort ablesen. Es braucht größere Übungen und mehr Zeit, um Effekte festzustellen. Zumindest, wenn man autodidaktisch lernt. Lernt man mit Trainer, bekommt man sofort Feedback.

Dass es mit dem autodidaktischen Lernen nicht einfach ist, hatte ich ja schon in einem Selbstversuch demonstriert.

Der Selbstlern-Challenge hat es den Teilnehmern jedoch einfacher machen wollen. So gemein bin ich also doch nicht, oder? ;-) Nicht nur habe ich ein “Preisgeld” ausgesetzt, ich habe mich auch als Accountability Partner zur Verfügung gestellt. Ich habe also meiner Hypothese quasi ein Bein gestellt.

Dennoch war das Ergebnis offen…

Die Auswertung

Ist meine Hypothese nun falsifiziert worden? Hm… Um ehrlich zu sein, mit 50% “Gewinnern” hatte ich nicht gerechnet. 2–3 wären mir lieber für meine Hypothese gewesen ;-) Aber besser 50% als 90% sage ich mir nun.

Man kann die 50% natürlich so oder so auslegen.

a) Es haben mehr Teilnehmer durchgehalten als erwartet. Die Hypothese kann also nicht wahr sein. Autodidaktisches Lernen ist in der Branche kein Problem auch für Methoden. Hypothese falsifiziert. b) Es haben 50% der Teilnehmer nicht durchgehalten. Das ist ein großer Prozentsatz, der umso stärker zu bewerten ist, da es zusätzliche Anreize und Unterstützung gab. Im Grunde war das Lernen gar nicht ganz autodidaktisch. Echt autodidaktisches Lernen wird mit einer noch höheren Abbrecherquote belegt sein. Hypothese nicht falsifiziert.

Hm… Was nun?

Sie werden es mir nicht verdenken, ich tendiere zu Erklärung b). Meine Gründe:

  1. Die Teilnahme war echt freiwillig. Hier war also die intrinsische Motivation sehr hoch.
  2. Das Durchhalten wurde explizit belohnt. Der Effekt eines “Preisgeldes” mag nicht groß gewesen sein, aber ich würde ihn auch nicht ignorieren.
  3. Die Pflicht, mir jede Woche “Rechenschaft abzulegen” hat sicher einen Zug ausgeübt. Da war jemand, der sich erstens dafür interessiert, das man voranschreitet, und der zweitens enttäuscht werden konnte.
  4. Zu den Bedingungen gehörte, dass ich alle Teilnehmernahmen nennen darf. Es bestand also die Möglichkeit, als Abbrecher öffentlich gemacht zu werden.
  5. Es musste nicht nur aus Texten gelernt werden, sondern da war jemand, der einem über Verständnishürden hinweggeholfen hat. Das macht Lernen einfacher und somit motivierender.

In Summe sind das so viele “Hilfestellungen” für das autodidaktische Lernen, dass mir eine 50% Abbrecherquote hoch erscheint und ohne solche “Unterstützung” noch viel höher gelegen hätte.

Bottom line: Autodidaktisches Lernen ohne Förderung und Forderung funktioniert nicht in unserer Branche. Mit Förderung meine ich, dass Unterstützung gegeben wird in Form von Zeit und anderen Ressourcen. Mit Forderung meine ich, dass die Nutzung der Förderung eingefordert werden muss. Jemand muss daran ziehen. Sonst vertrocknet die Förderung ungenutzt aus verschiedenen Gründen. Ohne Nachfragen wird anderes nach einer initialen Hochmotivationsphase schnell wichtiger. Damit bleibt das Lernen trotz der (passiven) Förderung auf der Strecke.

Erkenntnis #4: Wer sagt, “Ach, ich bleibe schon dran am Thema…” der überschätzt sich sehr wahrscheinlich. Es braucht einen echten Plan, wie man Lernstoff außerhalb einer Seminarumgebung tatsächlich weiter übt und dann in die Anwendung kommt. Ist der nicht kristallklar im Hinblick auf fördernde und fordernde Elemente, dann liegt Wunschdenken vor.[1]

Fazit

Die 10 Wochen haben Spaß gemacht. Es war schön, mit motivierten Teilnehmern zu arbeiten. Das hat mich weitergebracht. Ich habe wieder etwas mehr über Flow Design gelernt. Aber ich habe auch etwas über distance learning gelernt.

Erkenntnis #5: Nur eine Frage als Zeichen des Fortschritts zu erwarten, ist zu wenig. Es braucht etwas mehr methodische Anleitung für die Teilnehmer. Ein “Challenge-Tagebuch” fällt mir da ein, ein Portfolio und zumindest für Meilensteine im Lernstoff konkrete Aufgaben.

Auch wenn ich meine Hypothese bestätigt finde, bin ich nicht frustriert. Ich denke, es wurde etwas deutlicher, wie Angebote für das selbstständige Lernen aussehen müssen. Denn nur das skaliert am Ende. Wer möchte, dass sich eine Methode verbreitet, muss als Lehrer aus dem Weg treten, sonst ist er ein Nadelöhr.

Aber wohin treten? Darüber habe ich etwas gelernt. Herzlichen Dank an alle Teilnehmer, dass sie dabei mitgeholfen haben!


  1. Das behaupte ich nun so apodiktisch, um die für mich deutliche Tendenz klar zu machen. Ich will nicht sagen, dass niemand so lernen kann. Sicher gibt es den einen oder anderen… nur habe ich von denen noch nicht viele gesehen. Und gerade die, die es von sich laut behauptet haben, sprangen eher zu kurz. Autodidaktisches Lernen einer Methode ist so gut oder schlecht möglich, wie als Kettenraucher ein hohes Alter zu erreichen. Es gibt Beispiele davon - nur würde ich die nicht zur Nachahmung bei der Lebensplanung oder Kompetenzausbildung empfehlen. ↩


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