Die Segnungen des Westens

Ladenstraße in WarschauMan zweifelt ja angesichts des Referendums auf der Krim schon ein bisschen an dem Verstand der dort ansässigen Menschen.
Sind das alle ewig Gestrige, die ihr Land in eine steinzeitliche Stalin-Ära katapultieren wollen?

Am Wochenende habe ich mich mit einer Bekannten unterhalten, die mit ihrem Mann einen guten Teil des Jahres im Südosten von Ungarn verbringt. Dort sieht es mit der Freiheit und den sonstigen Segnungen des Westens, die im Zuge der EU-Osterweiterung auf sie zugekommen sind, gar nicht rosig aus.
Ich schreibe hier einmal aus dem Gedächtnis auf, was sie mir alles erzählt hat. Dieser Bericht ist nicht vollständig, nicht objektiv und was mir dabei im Kopf umgeht, mag ein bisschen unausgegoren sein.

Zustände in Ungarn

Nach der Öffnung der Grenzen haben sich z.B. viele Leute teure Autos aufschwatzen lassen und diese mit Leasing-Verträgen finanziert. Dabei waren die Leasingraten weit über dem, was man in Deutschland zahlen würde. Mit dem Zerfall der Strukturen im Osten gingen viele Arbeitsplätze verloren. Es wurden zwar auch neue Firmen gegründet, aber oft sind die nach weniger als einem Jahr wieder pleite. Und ein Insolvenzrecht scheint es nicht zu geben. Wenn dann die Leute arbeitslos werden, können sie natürlich ihre Leasingraten nicht mehr bezahlen. Entweder verlieren sie dann wieder ihr Auto (oder ihr Haus oder irgendwas anderes) oder sie gehen zu einem Kredithai. Ein Zinssatz von bis zu 85% ist keine Seltenheit.
Ein dörfliches Marktleben, so wie man es von früher kennt, gibt es nicht mehr. Zum Einkaufen muss man in die Nachbarortschaft in einen westlichen Supermarkt (z.B. Lidl, Tesco u.a.) gehen, in dem es fast keine heimischen Waren gibt.
Es mangelt oft an den einfachsten Dingen, z.B. eine Busfahrkarte, mit der man in die Arbeit fahren könnte, wenn man mal eine hat.
Es ist keine Seltenheit, dass Familien in Schichten essen müssen, weil es für 4 Personen nur 2 Stühle gibt.

Die Leute dort sagen: “Scheiß auf die EU, auf den Westen, auf den Kapitalismus und auf die sogenannte Demokratie!
Im Sozialismus waren wir wenigstens versorgt.”

Segnungen des Westens

Ich glaube, dass diese Erzählung symptomatisch für ganz Osteuropa sein könnte. Ich bin selbst ein paar Mal in osteuropäischen Ländern gewesen und habe gestaunt, wie schnell sich dort in den großen Städten westliche Handelskonzerne angesiedelt haben – zu westlichen Preisen.
Der Kapitalismus blüht dort in seltsamen Farben.

Nach solchen Berichten kann ich die Menschen auf der Krim schon ein kleines bisschen besser verstehen.
Gleichzeitig betrachte ich diese Entwicklung mit großer Sorge.

Foto: Ladenpassage in Warschau mit vielen westlichen Ladenketten ©Sabienes
Text: Die Segnungen des Westens ©Sabienes

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