Die Schlaftablette

Die Schlaftablette

Foto copyright by Sara Hegewald / pixelio.de

Die kommenden Tage verbrachte ich wie in Watte gepackt. Ich konnte nichts essen, nahm 4 kg in einer Woche ab.
Meine Gedanken waren fast ausschließlich bei Dreju. Ich träumte von ihm und am liebsten wäre ich die ganze Zeit nur mit ihm zusammen gewesen, aber das ging natürlich nicht.  Zwar sahen wir uns in dieser ersten Woche fast täglich, aber es war meist nur kurz, ich ging um 21 Uhr, wenn die Kinder im Bett waren und kam gegen 23 Uhr wieder.
Ich war zwar bei meinen Kindern, bis sie schliefen, aber gedanklich und mit dem Herzen war ich bei ihm. Das hört sich vielleicht nicht richtig an, ist es sicher auch nicht. Aber ich denke, wenn meine Leser in sich hinein horchen und sich erinneren, wie das war, als man selbst so richtig verliebt war, dann erinnert man sich daran, dass dieses Gefühl einen beherrscht, dass man seine Gedanken und Gefühle nur schwer davon abbringen kann, dass man sich kaum auf etwas anderes konzentrieren kann. So ging es mir. Ich erfüllte meine Pflichten, doch eigentlich war ich mit meinen Gedanken weit weg.
Ich sprach mit meiner Mutter und meinen Kindern wegen des kommenden Wochenendes. Die Kinder waren begeistert, ein Wochenende bei der Oma verbringen zu dürfen und auch meine Mutter freute sich sehr, ihre Enkel mal wieder um sich zu haben.
Am Freitag abend brachte ich Bianca und Marco zu ihrer Oma. Ich hielt mich nur kurz bei meiner Mutter auf, verabschiedete mich von meinen Kindern und fuhr nach Hause.
Den ganzen Samstag war ich beschäftigt. Ich putzte und kochte... ich ging zum Frisör und ich ging shoppen, ich war der Meinung, ich brauchte unbedingt was Neues zum Anziehen.
Dann war der Abend gekommen, der Tisch war festlich mit Kerzen gedeckt, im Hintergrund lief romantische Musik, die Lampen hatte ich mit Tüchern etwas abgedeckt...
Ich hatte mein neues Outfit, eine beigen Minirock mit schwarzer Bluse und schwarzen Nylons, an und fühlte mich darin wohl und attraktiv. 
Dann klingelte es. Das musste Dreju sein. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel, die Haare nochmals zurechtgezupft, noch etwas Parfum, dann ging ich zur Tür und betätigte den Türknopf, damit die Haustüre unten aufging.  Ich öffnete meine Wohnungstür und wollte ihn an der Türe empfangen, wenn er die Treppe zu mir ins Dachgeschoss hochkam, ...doch bevor ich das Treppenlicht angemacht hatte, blitzten mich aus heiterem Himmel strahlendweiße Zähne aus der Dunkelheit an! Ich erschrak zutiefst und ging vor Schreck einen Schritt zurück in die Wohnung! Was war das?  Wie gebannt schaute ich auf dieses Gebiss in der Dunkelheit, das plötzlich zu sprechen anfing:"Mon Dieu! Nischt erschrecken! Isch bin es, Dreju!"
Ich erkannte seine Stimme und schaute genauer hin. Tatsächlich! Es war Dreju! Die Dunkelheit des Treppenhauses hatte ihn komplett verschluckt. Er war an diesem Abend dunkel gekleidet und durch seine dunkle Hautfarbe hatte ich ihn nicht gesehen! Erst als er zu lächeln anfing, da sah ich seine weißen Zähne. Du liebe Zeit, sowas hatte ich auch noch nicht erlebt! Man lernt nicht aus! Dunkle Menschen sieht man bei Dunkelheit eben kaum! Darüber hatte ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht!
"Himmel, hast Du mich gerade erschreckt! Wie kommst Du denn zu mir rauf, ich habe doch eben erst die Haustüre geöffnet?
"Cheri, die 'austüre unten war bereits geöffnet, es muss sie wohl irgend jemand offen gelassen 'aben, da bin isch einfach 'ochgegangen und 'abe direkt an deiner Wohnungstüre geklingelt. Aber künftig werde isch das nischt mehr machen, wenn Dich das so erschreckt!"
"Nein nein, ist schon gut! Komm erst mal rein!" sagte ich.  Langsam löste sich Dreju aus der Dunkelheit und kam auf mich zu. Er zog einen Strauß roter Rosen hinter seinem Rücken hervor. Als er im Flur meiner Wohnung stand und ich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, da überreichte er mir die Blumen mit den Worten:"Für die Frau, die misch beeindruckt 'at wie noch keine zuvor! Für die Frau, die mir schlaflose Nächte bereitet, für die Frau, die vor mir steht, für Disch!" Verlegen wegen dieser überschwenglichen Worte nahm ich die Rosen entgegen und wir küssten uns. Als wir uns wieder lösten, da musste wir erst einmal herzhaft lachen wegen des vorangegangenen Schrecks. Während ich die Rosen in eine Vase stellte, entschuldigte ich mich bei ihm für meine Reaktion, doch Dreju nahm es mit Humor und meinte nur: "Manchmal ist es auch ein Vorteil, wenn man nicht gleich gese'en wird!"
Er legte seinen schwarzen Mantel ab. Danach führte ich ihn erst einmal durch die Wohnung. Wir lebten in einfachen Verhältnissen, es gab nichts Beeindruckendes zu sehen, doch Dreju gefiel es bei mir.
Dann führte ich ihn ins Wohnzimmer, wo der schön gedeckte Tisch auf ihn wartete. Verlegen schaute ich ihn an. Etwas unwohl war mir schon. Noch nie hatte ich einen Mann zu mir eingeladen, dementsprechend unsicher war ich auch.
"Möchtest Du ein Glas Wein?"
"Ja, sehr gerne! Hmmmm. Es riecht so gut. Hast Du für uns gekocht?"
"Ja! natürlich! Wenn Du einen Moment wartest, dann erfährst Du auch, was ich für uns gekocht habe!"
Ich schenkte ihm und mir ein Glas Rotwein ein. Gemeinsam tranken wir einen Schluck. Eigentlich wollte ich gleich in die Küche gehen und das Essen - Wildschwein mit Preißelbeeren und selbstgemachten Spätzle, dazu Salat - servieren. Doch in diesem Moment kam "unser Lied" von der CD, die ich eingelegt hatte. Es war "Stay another day" von East 17, unser erster gemeinsamer Tanz.
Dreju schaute mich an, stellte langsam sein Glas zurück auf den Tisch. nahm mir meines aus der Hand und stellte es ebenfalls zurück. Dann nahm er mich in den Arm und begann mit mir zu tanzen.
"Ich wollte doch gerade in die Küche..." begann ich.

"Schschsch, Cheri" sagte Dreju ganz sanft und küsste mich. Ich konnte nicht anders, ich begann seine Küsse zu erwidern und es kam, was kommen musste...
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Glücklich und entspannt lag ich in Drejus Arm. Er streichelte ganz zärtlich meine Schulter und plötzlich sagte er mit einer Stimme, die mir durch und durch ging: "Isch muss Dir etwas sagen. Isch liebe Disch nicht! Ich bete Disch an!"
Zuerst konnte ich mit seiner Aussage nicht so richtig etwas anfangen. Liebevoll fragend schaute ich ihn an.
"Jemanden anbeten ist noch mehr wie jemanden lieben! Du bist die Frau, die ich schon immer gesucht habe. Endlisch 'abe isch disch gefunden! Isch liebe Disch nicht nur, ich bete Disch an!"
Ich wusste gar nicht, wie ich mit einer solch überschwenglichen Liebeserklärung umgehen sollte. "Dreju, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll..." begann ich.
"Non, bitte, sag jetzt nichts, Cheri! So etwas wie bei Dir 'abe isch noch nischt erlebt. Du bist andauernd in meinen Gedanken, isch bekomme Dein Bild nischt aus meinem Kopf und aus meinem Herzen! Du verfolgst misch bei allem, was isch mache! Wenn Du nischt da bist, dann verge'e isch vor Sehnsucht nach Dir. Und wenn Du bei mir bist, dann werde isch ganz ru'ig un entspannt. Du bist eine Schlaftablette!"
Eine Schlaftablette? Urplötzlich war für mich die Romantik wie weg geblasen!
So hatte mich noch kein Mann genannt und ich wollte partout auch keine Schlaftablette sein, dieses Wort ist im deutschen Sprachgebrauch doch eher negativ belastet, als Schlaftablette bezeichnet man einen Langweiler, einen Menschen ohne Power, nein! Das wollte ich nicht sein und ich verstand nicht, wie er mir in einem Satz eine wunderschöne Liebeserklärung machen konnte und mich gleichzeitig als Schlaftablette titulierte!
Etwas aufgebracht sagte ich:"Ich bin doch keine Schlaftablette!"
"Doch Cheri, das bist Du! Bei Dir kann isch misch fallen lassen, bei Dir komme isch zur Ru'e, wie wenn isch eine Schlaftablette nehmen würde."
"Aber ehrlich gesagt, will ich nicht, dass Du jetzt andauernd einschläfst, wenn Du mit mir zusammen bist..." wagte ich zu erwidern.
Dreju lachte. "Non! Ganz so war das auch nicht gemeint! Du bist eine aufregende Frau! Aber Deine Nähe hat so einen beruhigenden Einfluss auf misch. Isch genieße das! Bei Dir kann isch all meine Sorgen und Probleme vergessen und die Verbundenheit, Dein Verständnis, Deine Nähe genießen!"
Ach so war das gemeint! Ok, selbst wenn sich in meinem Inneren immer noch ein bißchen etwas gegen den mir soeben verliehenen Kosenamen "Schlaftablette" regte... mit der Erklärung konnte ich es hinnehmen. Ich musste sogar etwas schmunzeln. Was für eine bildhafte Sprache! Wie ungewohnt war das doch für mich. Aber auch faszinierend.
Wir blieben noch eine Weile liegen und genossen die Zweisamkeit und Nähe.
Irgendwann fiel mir das Wildschwein wieder ein, das nun bestimmt seit weiteren 2 Stunden auf dem Herd vor sich hinköchelte. Die Spätzle waren mittlerweile eiskalt, soviel war klar.
Doch wir hatten beide keinen Hunger.
"Lass uns tanzen ge'en!" schlug Dreju plötzlich und aus heiterem Himmel vor. Damit hatte ich ja gar nicht gerechnet, ich hatte eher die Vorstellung, dass wir den Abend in trauter Zweisamkeit bei mir verbringen würden.
"Tanzen? Aber ich dachte..."

"Oui, lass uns tanzen ge'en. Isch will den Leuten meine wundervolle Freundin präsentieren, will zeigen, wie verliebt isch in Disch bin, will mit Dir Spaß haben und anschließend wieder zu Dir ge'en!"
Seine Begeisterung steckte mich an. Also zogen wir uns an und ich versuchte, an meinen verwuschelten Haaren zu retten, was noch zu retten war. "Du siehst wundervoll aus, Cheri!" sagte Dreju lachend, nahm mich bei der Hand und zog mich aus der Wohnung.
Er hatte recht. Wir hatten noch viel Spaß an diesem Abend in der Diskothek, in der wir uns kennen gelernt hatten. Dreju sprühte über vor guter Laune, er tanzte, lachte und scherzte mit mir, mir gehörte seine ganze Aufmerksamkeit. Wenn mich jemand ausversehen in der Enge der Diskothek anrempelte, dann stellte er sich sofort schützend vor mich. Es war ein völlig unbeschwerter und wunderbarer Abend, den wir beide sehr genossen.
Gegen 3 Uhr morgens gingen wir wieder zu mir. Erst jetzt bemerkten wir, dass wir hungrig waren. Und so aßen wir doch noch das Wildschwein.
Arm in Arm saßen wir anschließend auf der Couch und redeten leise bei Kerzenschein und einem Glas Rotwein. Wir malten uns eine gemeinsame Zukunft und träumten vor uns hin, tauschten Zärtlichkeiten aus... und beendeten diesen unbeschreiblichen Abend gemeinsam in einer für mich noch nie dagewesenen Intensität der Gefühle.
"Ich liebe Dich auch!" sagte ich zu Dreju, als ich glücklich wieder in seinem Arm lag. Er streichelte mir ganz sanft übers Gesicht, küsste mich zärtlich, dann schliefen wir ein.


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