“Die Schatten von New Orleans” – (k)ein Voodoo-Roman

22. Januar 2015 / SRK / 0 Comments

Becker_Die_Schatten_von_New_OrleansOliver Beckers Roman “Die Schatten von New Orleans” führt den Leser zunächst in das New York der 1870er Jahre. Und er beginnt überaus dramatisch mit diesen drei Sätzen: “Die Zellentür wurde mit einem dumpfen Knall hinter Cynthia Crane zugeschlagen. Gleich darauf ertönte das Rasseln, mit dem sich der Schlüssel im Schloß drehte. Beide Geräusche hallten mit einer Endgültigkeit nach, die Cynthia eisig unter die Haut kroch.”
Cynthia – das war bis vor ihrer Einlieferung in eines der unmenschlichsten Gefängnisse New Yorks das Hausmädchen der überaus reichen Unternehmerfamilie van Buren. Sie hatte sich in David, den Sohn der Familie, verliebt und beide wollten gemeinsam durchbrennen. Doch nur wenige Stunden vor dem Aufbruch dringen der Hausherr und ein Polizeiinspektor in ihre Kammer ein und finden dort gestohlenen Familienschmuck. Cynthia wird umgehend in einer Farce von Gerichtsverhandlung zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt. Das wird ihr aber erst sehr viel später bewußt, denn ihr gegenüber wurde der Anschein erweckt, es habe nur um eine Vorverhandlung mit Untersuchungshaft gegeben. In der Zelle wird Cynthia Zielscheibe einer Attacke von “Big Nose Kay”, einer dort dominierenden Schwerverbrecherin. Doch Cynthia unterwirft sich nicht, zeigt Stolz und Menschenwürde. Das läßt Kay umdenken, sie wird zur Beschützerin und schließlich zur Freundin Cynthias.

Vergebens hofft Cynthia, daß sich David bei ihr meldet, daß sich die Beschuldigungen aufklären. Doch nichts dergleichen tut sich. Statt dessen kommt nur Tante Molly, ihre mütterliche Mitbedienstete im Hause der van Burens, zu Besuch. Doch auch die enden bald und es treffen nur noch zensierte Briefe ein, schließlich sogar die nicht mehr. Cynthia ist am Verzweifeln und der harte Gefängnisaufenthalt ist dabei, sie menschlich zu brechen. Mit endloser Fronarbeit und schlechtem Essen vergeht ein Tag nach dem anderen.

Doch eines Tages bricht in der Werkstatt, in der sie arbeiten muß, ein Brand aus. Spontan entschließt sie sich zur Flucht durch die Flammen, gemeinsam mit Kay. Sie sind die einzigen, die ausbrechen konnten und man fahndet nach ihnen. Dank Kay finden beide Frauen Zuflucht in einem großen Haus, das zur kriminellen Unterwelt der Millionenstadt zählt.

Wie es sich dort “lebt”, das beschreibt Becker mit wenigen gekonnten und aussagekräftigen Sätzen. Diese Freiheit ist kaum anders als das Leben im Gefängnis:

Wer hier wohnte, fristete ein beklagenswertes Dasein. Tagelöhner, Schnorrer, Diebe, Gelegenheitsarbeiter von Brauereien, Keramikbetrieben und Gerbereien, deren Gestank die Luft verdarb. Schwarze, die seit dem Bürgerkrieg befreit waren, aber dennoch keine Freiheiten kannten. Mittellose Einwanderer, die zwar die Neue Welt erreicht hatten, sonst allerdings gar nichts. (S. 70)

Ja, das war und ist bis in die Gegenwart die bittere Kehrseite des sogenannten Amerikanischen Traumes, das war die Realität für die überwiegende Mehrheit der Menschen, die an diesen Traum glaubten.

Cynthia steht aber zum Glück nach wie vor unter Kays Schutz. Doch es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich an kriminellen Aktivitäten zu beteiligen. Bei einem Raubzug kann sie den Sicherheitskräften gerade noch entkommen. Auf der Flucht hilft sie dem angeschossenen Schwarzen Danny. Dieser lotst sie in eine Gegend, die noch gespenstischer ist. Danny kann ärztlich geholfen werden, das vergißt er Cynthia nicht und er wird zu ihrem treuesten Freund. Doch es geschieht noch etwas Gespenstisches: Eine Schwarze Wahrsagerin (so vermutet es Cynthia), zu der Danny zuallererst wollte, ist von Cynthia angetan und will ihr unbedingt etwas sagen. Doch die junge Frau lehnt ab. Sie und Danny kehren in ihren Bezirk zurück. Später sucht sie aber doch noch die alte schwarze Frau auf und die verkündet ihr etwas Rätselhaftes: “Der, den du liebst, ist in Wirklichkeit nicht der, den du liebst.” (S.177) Sie gibt Cynthia dann noch einen Voodoo-Talisman – eine Engelsfeder – mit auf den Weg. Was mag das zu bedeuten haben? Cynthia kann sich darauf keinen Reim zu machen und sie sollte all dies fürs erste auch vergessen…

Denn bald schon droht neues Ungemach: Der neue Polizeichef will alle Räuberhöhlen ausräuchern. Beim Polizeiüberfall können Cynthia, Danny und auch Kay entkommen. Allerdings trennen sich nun die Wege der beiden Frauen.

In der Zwischenzeit hat Cynthia Nachforschungen angestellt… Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Ihr geliebter David habe Selbstmord begangen, heißt es, und Tante Molly schmachtet seit längerem in einer Irrenanstalt. Just zu dieser Zeit fliehen die van Burens nach dem Besuch eines geheimnisvollen Mannes aus New York. So kommen Cynthia und Danny zunächst im leerstehenden Haus der van Burens unter. Sie suchen auch Tante Molly auf und diese äußert sich sehr verworren. Einige Zeit später denkt Cynthia über Mollys Worte nach und stößt im Garten der van Burens auf eine vergrabene Kassette mit einem überaus großen Geldbetrag. Woher kann Molly nur so viel Geld her haben… Sowohl bei der Wahrsagerin als auch bei Tante Molly ist immer wieder von New Orleans die Rede. Könnte diese Stadt im Süden etwas mit Cynthias Ungemach zu tun haben und auch mit dem Schicksal der van Burens?

Eines Tages brechen nun eine vornehm gekleidete junge Dame und ihr schwarzer Diener mit der Bahn nach New Orleans auf. Auf der Suche nach den van Burens und nach dem geheimnisvollen Mann, der die Ursache für deren Flucht war. Doch zunächst vergeblich. Dann kreuzt sich Cynthias Weg mit dem Calebs, einem Abenteurer, der sich als “Jahrmarktheld” seinen Lebensuntehalt verdient. Und… dieser sieht wie ein Zwilling ihres geliebten David aus.

Was hat das alles zu bedeuten? Dann überschlagen sich die Ereignisse mit Anschlägen auf das Leben von Cynthia, Caleb und auch Danny. Wobei Danny einen Anschlag nicht überlebt. Das alles in einer so fremden Stadt, anders als das geschäftig eiskalte New York: gewitterschwüle Landschaften, düstere Sümpfe, eine Gesellschaft noch von der Sklaverei geprägt, Jazz und überall Voodoo…

Cynthia und Caleb kommen einander als Freunde näher, doch er gibt seine Identität nicht preis. Sie setzten ihre Spurensuche nun gemeinsam fort, dabei schießt Cynthia immer häufiger der Orakelspruch aus New York in den Sinn.

Der Leser kann gerade hier in New Orleans an den vielen Verwicklungen, abrupten Wendungen und überraschenden Entwicklungen teilhaben. Manches klärt sich leichter auf, anderes erst in allerletzter Minute. Dabei geht es keinesfalls nur um eine unstandesgemäße Liebesbeziehung, sondern um viel mehr. Man ahnt es schon: Es geht um Geld und Macht. Und es stellt sich auch heraus, daß Cynthias Suche eigentlich eine Suche nach sich selbst ist.

Unterbrochen wird Cynthias Geschichte immer wieder durch eine zweite Erzählebene, stets überschrieben mit “Der blinde Mann, der alles sieht”. Wer ist dieser Mann, der indirekt und dann auch direkt eine Rolle bei ihrer Spurensuche spielt? Wer ist dieser Mann, der mehr als die Wahrsagerin für das Voodoohafte in diesem Roman spielt, mal als spiritueller Beschützer, mal als leibhaftiger Teufel?

Dieser wirklich gut geschriebene und spannend zu lesende Roman ist nicht nur eine anrührende Liebesgeschichte voller gefährlichster Abenteuer aus längst vergangener Zeit. Er ist zwar voller Voodoo-Elemente, ohne aber eine klischeehafte Story zu sein. Manches Geheimnisvolle klärt sich dann doch realistisch auf. Sehr gut für die Geschichte ist auch die Gegenüberstellung der Schauplätze New York und New Orleans. Nicht zuletzt bietet dieses Buch ein nüchternes Gesellschafts- und Sittenbild der USA. Nicht nur durch das Zitat weiter oben, sondern auch durch einen Dialog Kay – Cynthia über Recht und Richter auf Seite 55. Aber dies nicht vordergründig, und das macht gute Literatur aus.

Beckers Roman läßt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mitfiebern und regt immer wieder auch zum Nach- und Mitdenken an. Die Geschichte wirkt keinesfalls, trotz aller Mystery-Elemente, konstruiert, sondern sie könnte so oder ähnlich durchaus geschehen sein.

Der Rezensent empfiehlt es daher gerne weiter!

Siegfried R. Krebs


Oliver Becker: Die Schatten von Orleans. Roman. 530 S. Hardcover m. Schutzumschl. Edition Carat im Bookspot-Verlag. München 2014. 17,95 Euro. ISBN 978-3-937357-90-4

Erstveröffentlichung Freigeist Weimar


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