Die Revolution ist lang und schwer

 

dominant powers, was also tun? Foto:Claudia Bosse
Dominant powers, was also tun?

Eine ehemalige Produktionsstätte im 15. Bezirk in Wien wurde von der Künstlerin Claudia Bosse und ihrem Team, dem theatercombinat, in Zusammenarbeit mit Günther Aue, der für den Sound verantwortlich zeichnete, zu einer Stätte für eine Theateraufführung umfunktioniert.

DOMPOWpalace nannten sie die Location in der Pfeiffergasse 3, die – mit wenigen Requisiten versehen – ab 25. November für 7 Vorstellungen eine wunderbare Kulisse für Bosses politisches Theater hergab bzw. noch gibt. Von Plastikefeu durchwachsen, der durch die mit Kunststoffplatten ausgelegten Decken hervorlugte und mit alten Kapsch-Telefonen ausgestattet, die demnächst im technischen Museum landen könnten, vermittelt das Gebäude einen authentischen Eindruck eines Untergangsszenarios, welches die westliche Produktionsgesellschaft demnächst ereilt oder bereits im Begriffe ist zu ereilen. Durch eine Erzählerin, die Richard Wagners Text „Die Revolution“ deklamierte und sich dabei langsam durch verschiedene Räume bewegte, wurde das Publikum gleich zu Beginn mit dem ungewöhnlichen Surrounding vertraut gemacht. Nach wenigen Minuten war klar, dass dieses Theater keine Bühne benötigt, sondern alles, was an Raum da ist, als Bühne begreift.

Und nach weiteren, wenigen Minuten erlebte man die erste unter die Haut gehende Verstörung. Stand doch, durch eine Glasscheibe vom Publikum getrennt, eine Gruppe von Menschen aller Altersstufen, die nichts anderes tat, als jeden Einzelnen, der den Raum betrat, intensiv zu betrachten. Es war keine aktive Interaktion, die dort stattfand, aber gerade die Absenz einer Aktion löste ein großes Unbehagen aus, das einen auch zugleich daran hinderte, die Botschaft jener jungen Frau wahrzunehmen, die per Video an eine der Wände projiziert worden war. Neben jener alten Dame, die in einem anderen Raum dem Publikum abgewandt vor einem Fenster saß, und einen Film betrachtete, der auf die gegenüberliegende Feuermauer im Freien projiziert worden war, in welcher ein Araber von seinen Erfahrungen des arabischen Frühlings erzählte, waren diese beiden „Installationen“ die beeindruckendsten Aktionen des Abends. Sie waren viel stärker dem Aktionismus der bildenden Kunst, der sich seit den frühen 70er Jahren herausgebildet hat, verpflichtet als dem Theater und wirkten als solches auch eher als statische Kunstwerke denn als theatralische. Nicht einmal der große, ehemalige Produktionssaal, trockeneisgeschwängert, sodass man Mühe hatte, ihn zu durchschreiten, ohne an einen der Pfeiler anzustoßen, konnte jene zuvor erlebte Beklemmung übertönen. Obwohl in ihm vielerlei Assoziationen geweckt wurden, die alles andere als schöne Gefühle auslösten.

Er wurde über lange Strecken hinweg als Ort bespielt, in dem sich die zuvor statische Gruppe nun im Kollektiv bewegte und von drei verschiedenen Personen, die als Hauptcharaktere agierten, kontrapunktisch begleitet wurden. Nele Jahnke, Nora Steinig und Catherine Travelletti deklamierten – alle drei in ihrer Präsenz höchst beeindruckend – unter anderem Texte von Ingeborg Bachmann, Claudia Bosse, Heiner Müller, Karl Marx, Sylvia Plath und und und. Die Liste der verwendeten Texte weist die Zahl 17 auf, was zugleich deutlich macht, dass an diesem Abend mehrere Themenkreise angeschnitten und bearbeitet wurden. Der prognostizierte Untergang des kapitalistischen Systems in Europa, der arabische Frühling, das nach wie vor problematische Verhältnis zwischen den Geschlechtern, eine klare anti-amerikanische Positionierung, aber auch die Beschwörung des humanistischen abendländischen Gedankengutes – beleuchtet durch unterschiedliche Ödipus-Texte und Interpretationen – sie alle hatten in Claudia Bosses Stück ihren Platz. Nicht zu vergessen eine große Portion Hinterfragung, wie denn heute überhaupt noch Theater gemacht werden könne. Obwohl Bosse das Publikum mitten ins Geschehen zieht, bleibt es doch, bis auf die eingangs erwähnten Szenarien, tatsächlich in einer reinen Beobachterperspektive gefangen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, verspielt die Regisseurin im wahrsten Sinne des Wortes die Gelegenheit, mehr als nur kurzfristige Nachdenkprozesse anzustoßen. Etwas am eigenen Leib erfahren macht noch einmal einen großen Unterschied zur Erfahrung, die sich rein aus der Beobachtung speist.

„kein stück über etwas“ – so tituliert Bosse selbst ihre Arbeit, und doch ist es ein Stück über viel, im zweiten Teil des Abends vielleicht auch über zu viel. Denn nachdem alle vorhandenen Räume unterschiedlich determiniert worden waren, schien das Pulver ein wenig verschossen zu sein. Da nützten auch die Darstellerinnen und Darsteller nichts, die sich demonstrativ mit groben Decken ausgestattet, beinahe zwischen die Beine der Zuseherinnen und Zuseher legten. Obdachlose hautnah – hätten vielleicht Emotionen wecken sollen – hier aber überragt die Realität in Wien, sowie allen Großstädten dieser Erde, tagtäglich auf der Straße erlebt, Bosses theatralischen Realiltätsnachbau um Vieles.
Vor allem das Unvermögen, dem unglaublichen Informations-Tsunamie auch nur irgendwie gerecht zu werden, ermüdet rasch. Gewiss ein bewusster dramaturgischer Akt, der deutlich macht, dass es unmöglich geworden ist, die Informationen, die täglich auf uns einprasseln, auch nur halbwegs zu ordnen und zu begreifen. Der Informationsoverflows zeigte Wirkung und verdeutlichte die neurologische Neigung der Gattung Mensch zum Abstumpfen, Abschalten und zur Lethargie, die durch ein zu viel an Bildern, Informationen und Sinneseindrücken verursacht wird. Und dennoch war es schade, dass durch die Länge – 3 Stunden mussten die Zuseherinnen und Zuseher gehend und stehend dem Geschehen folgen – so manche klug aufgebaute Sequenz an Spannung verlor. Die Stimme des Chores – ganz wie René Pollesch sie an der Berliner Volksbühne in seinen Stücken verwendet – kommt nie an die Eindringlichkeit der einzeln agierenden Personen heran, macht zugleich aber gerade dadurch besonders deutlich, dass es fast immer Ideen und Aktionen von Einzelnen sind, die Geschichte und den intellektuellen Zeitgeist nachhaltig beeinflussen.
Trotz aller Kritikpunkte sei dem „Projekt“ dominant powers- was also tun – eines bescheinigt: Es führte dazu, sich auch noch Tage nach dem Geschehen mit seinem Aufbau und dem Warum dieser speziellen Theatersprache auseinanderzusetzen. Der intellektuelle Stachel, der sich damit ins Denken bohrte, hätte sich womöglich in einer kürzeren Version nicht einnisten können. Insofern ist Bosse und Auer Recht zu geben, dass viel vielleicht wirklich nicht zu viel ist.


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