"Die Reise ins Ich" / "Innerspace" [USA 1987]


Jedes Bild will nach 80er duften, jede Bewegung, jeder Tanz, jedes Mobiliar chaotisch eingerichteter Wohnungen, offenherziger Spieltrieb, pulsierend und stolzen Hauptes kleben die 80er an den Fußsohlen der Figuren, die sich genauso entspannt wie die 80er bewegen – um ihre eigene Achse, um gleißende Farben und um ein Amerika, dessen einzige Gefahr die eines zerplatzenden Luftballons in einer Einkaufspassage sein könnte. Zuerst einmal gilt es mit Joe Dante zurückzureisen, denn Kino ist häufig Zeitreise, und hier ist Kino eine Zeitreise, die Spaß macht, ohne dass man sich dafür schämen muss: Autos, Klamotten, der nackte Popo und der extra lange Kuss mitten in der Öffentlichkeit, das ist trendy, sexy und das ist furchtbar 80er. Joe Dantes "Die Reise ins Ich" ist zuvorderst eine Reise in die 80er, während die Bildsprache den Kult provoziert. Heute unlängst tatsächlich zum Kult avanciert und zur Nostalgie jener Cineasten, die längst herangewachsen sind, möchte jede Idee, jeder Einfall der Kult sein, der ihm völlig zu Recht entgegenweht.
Wenn die Geschichte nicht bereits erheblich Kultpotenzial in sich trägt, dann weiß ich auch nicht weiter: Ein mikroskopisch verkleinertes U-Boot bahnt sich seinen (zufällig falsch eingeschlagenen) Weg durch die Exotik des weitverzweigten menschlichen Körpers, eine Weltraumreise in die Weiten der Anatomie, vorbei an schlagenden Herzen, roten Blutkörperchen, entlang an Muskeln und Sehnen und Venen, nur in der Größe einer Kleinstadt. Der Held der Geschichte, der wohl oder übel ein anderes Verhältnis zu seinem Körper entwickelt, ist ein Anormaler und eine Flasche, kein Mumm hat der Kerl, sehr nervös wäre ein Kompliment. Seine hypochondrischen Zuckungen verschaffen dem Film die rohe, ansteckungshafte, ekstatische Energie, mit der Gefahren überwunden werden müssen – und  sich geistig überlegen fühlende Widersacher, die auf derlei Körperautomatismen keinen Plan B aufbieten. Martin Short schreit, Martin Short flüchtet und schreit, Martin Short stolpert, fällt hin und schreit.
Wäre es ihm zu verdenken? Er musste immerhin die schockierende Wahrheit erfahren, dass sich in seinem Körper ein fremdartiges Wesen eingenistet hat, ein Wesen aus Stahl und Beton, das ihn erforschen soll, und das sich als ein ziemlich verdatterter, aber nicht unsympathischer und deshalb charmanter Navy-Pilot entpuppt (Dennis Quaid). Und in begrenzter Zeit müssen die beiden Männer sich zusammenraufen, einen Weg finden, dass Jack Putters (Short) in seinem Körper eingeschlossener Freund in Krümelgröße rechtzeitig wieder herausgeschossen kommt, bevor die Sauerstoffanzeige rot anläuft. Dazu benötigen sie einen Chip, der – selbstverständlich – in den Klauen der Bösen sein einsames Dasein fristet. Die Bösen sind bei Dante zur absonderlichen Zirkusschau ausgestellte Karikaturen, Comicfiguren, kreuzgefährliche James-Bond-Bösewichte beinah, die mehr reden, als dass sie töten. Man achte auf die Details – rote Schuhe, weiße Anzüge, ein verlassenes Apple-Ikea-Büro in einem Lagerraum, modifizierbare Armprothesen, wahlweise mit Flammenwerfer, Pistole oder… Dildo.

Dann wäre da noch einer, den sie alle "Cowboy" nennen. Immer wieder fragt jemand, wer überhaupt der Cowboy sei. Das sei streng geheim, antwortet darauf ein anderer. Wahrscheinlich liegt es nah, dass er Hehler ist mit einer etwas ausgeprägteren Affinität zur Westernattitüde, die er angesichts von kubanischen Zigarren, Ringklunkern, Hüten und Stiefeln kultiviert. Ein Gesamtkunstwerk zweifelsohne, erfrischend selbstironisch gespielt von Robert Picardo aus dem "Star Trek"-Universum. Sogar Jerry Goldsmith widmet dem Cowboy ein musikalisches Thema, natürlich ein Westernthema. Dante brennt nicht nur hier ein Feuerwerk der Skurrilität ab. Er zündet auch eins an, wenn er die Rollen vertauscht. Plötzlich mutiert Putter zum Cowboy per Gesichtslifting und verzettelt sich alsbald in seiner ihm auferlegten Rolle, als ihm sein falscher Goldzahn aus dem Mund wie Kaugummi abrutscht. Putter behält glücklicherweise seine Fassung, davor trat er schon die Tür des (echten) Cowboys ein und verpasste ihm ein Haken nach Westerntradition, weil er sein Mädchen liebt. Wer ist hier eigentlich der Cowboy?
Rob Bottin und Dennis Muren sind derweil dafür verantwortlich zu machen, dass "Die Reise ins Ich" für alle Zeiten tricktechnisch goutierbar bleibt. Weder wirkt der Film angestaubt noch ist er das. Im Gegenteil, die giftigen Farben und die öligen Gebilde zementieren eine Machtdemonstration, was in Hollywood alles realisierbar ist. Mal ist ihr aus Modellen, Projektionen und Miniaturen bestehender Biologiekurs sinnlich (das Baby), mal bedrohlich (die Herzklappen), und mal einfach nur wunderbar anzuschauen, wenn zum Beispiel ein Kampf zweier Mikroben in der kochenden Magensäure entbrennt. Oder Menschen zu Kinderpuppen geschrumpft werden. Pionier- und Entdeckergeist des Unterfangens gehen demnach einher mit einer echten Männerfreundschaft, mit Liebe und Selbsterkenntnis, umringt von knalligen Rocksongs ("Twistin' the Night Away"), antiquierter Bauklotztechnik, gespenstischem  San-Fransisco-Flair, zotigen Pointen und einem Stück Wahnsinn. Wahnsinn, wenn der Alptraum augenblicklich real wird und die mit feuerroten Haaren bestückte Alte an der Kasse ihre Taschenfeuerwaffe zückt.
Diese abenteuerliche Turbulenz gereicht dem Film narrativ nicht über die volle Laufzeit zum Vorteil. Trotz einer unkomplizierten Linie im Handlungsverlauf versucht das Drehbuch weitere Linien zu erfassen, die jedoch nicht in den Gesamtzusammenhang gestellt, sondern zu losen Objekten degradiert werden. Die Schwangerschaft Lydias (Meg Ryan) bringt der Film einmal zur Sprache und danach nie wieder. Schade drum. Auch der explosive Satiregehalt – das ist ein Joe-Dante-Film – weicht zusehends der Hatz der Handlung. Der Slapstick dagegen erreicht den Zuschauer sinngemäß nur dann, wenn er sich mit Martin Short arrangieren kann, speziell mit dessen Definition von Overacting. Er spielt das lässig, kann allerdings auch nicht wirklich etwas dafür, sobald der Klamauk Grenzen erreicht, die das Humorverständnis des Zuschauers auf eine widerstandsfähige Probe stellen (die Gesichtstransformationen). Verfolgungsjagden, Nonnen, schwarze Autos, weiße Tiefkühlautos, Spritzen, Taser-Waffen, verschlingende Küsse und ein kräftiger Nieser auf die Brille – Lt. Tuck Pendleton (Quaid) liegt schon richtig. Zu dem Oberbösewicht der Bösewichter meint er, dass er ein Rad ab hätte. Nein, viel besser. Joe Dante vielmehr, der hat doch ein Rad ab.  
6 | 10