Die Reduzierten

"Man hat mich reduziert. Reduziert auf X Quadratmeter, X € Regelsatz, auf X Paragraphen und mehrere Gesetzbücher. Mein Wirken befasst sich mit der Beschaffung von Nahrung und Kleidung, die möglichst von Verstand geprägt sein sollte, damit ich nicht eines Tages hungrig und mit nacktem Hintern unter dem freien Himmel nächtige.
Die ständige Suche nach günstigem Essen und geeigneten Paragraphen will mir den Blick auf meine Mitmenschen rauben und die vielleicht einzige menschliche Regung müsste eigentlich Selbstmitleid heißen. Je mehr man mich jedoch reduziert und scheinbar von meinen Mitmenschen abtrennt, desto mehr bildet sich mein Inneres gegenüber der Welt da draußen, mit all den anderen Menschen ab. Ich fühle, wer ich bin und gerade deshalb, wer ich wirklich bin.
Es fallen mir diese eher trüben und teilnahmslosen Kinderaugen auf, die erst Glanz bekommen, wenn man das Kind per Gespräch und Blickkontakt auf sich fixiert. Vielleicht das Kind von Reduzierten? Die rostige Zange in der Pommes-Bude die mich immer nur mit einem grummelden "Tach" begrüßt und doch so schöne braune Augen hat, die eigentlich mehr erwarten ließen und bei strahlendem Sonnenschein draußen den Ausdruck bekommen, den sie eigentlich immer haben sollten. Vielleicht eine Reduzierte?
Der Busfahrer der völlig entnervt hinter dem Lenkrad hängt und irgendwie den Eindruck macht, als erwarte er etwas von seinen Fahrgästen. Mit ruhiger und freundlicher Stimme, um einen Fahrschein gebeten, scheint er innerlich irgendwie aufzuwachen, aber vielleicht täuscht das nur. Vielleicht ist auch er ein Reduzierter? Ein Geringverdiener, ein Aufstocker?
Reduziert auf nacktes Überleben ist mein Inneres eingedampft worden und auf etwas konzentriert und deshalb spürbar. Was schert mich das reduzierte Äußere, wenn etwas eingedampftes Mentales in mir vorhanden ist?
Kognitive Fähigkeiten sind vorhanden, immer noch, nicht schlecht. Was also tun, wenn die innere Freiheit noch vorhanden ist und sich anscheinend auch gar nicht abtöten läßt? Eingesperrt in mir selbst bin ich und neben aufgestellten Nackenhaaren treibt es mir Tränen der Wut in die Augen. Wut ist schon mal irgendwie produktiv und somit ist nichts verloren. Irgendwie muss sich das ändern. Auf keinen Fall darf das so bleiben. Schreck lass nach! Was, wenn ich nicht der Einzige bin, dem es so ergeht ? Vielleicht sind das Kind samt seiner Eltern, die junge Frau in der Pommes-Schmiede und der Busfahrer inmitten seiner Fahrgäste auch Gefangene in sich selbst ?
Ich gehe davon aus, dass euch andere Dinge umtreiben. Aber wäre es nicht irgendwie lohnend einmal so nebenher darüber nachzudenken wie man alle Menschen, die sowas betrifft aus ihrer Lethargie lösen könnte? Vielleicht würde es gelingen sich innerlich Luft zu verschaffen und diesen Freiraum nach außen widerzuspiegeln, so dass die anderen spüren, dass da noch mehr ist als irgend ein anderer der ohnehin nicht interessiert, weil er nichts hat oder hergibt was man selbst gebrauchen kann.
Hm, aber stimmt das so das mit dem nicht gebrauchen können, nicht hergeben wollen? Irgendwie merke ich, dass es mir ein Bedürfnis ist etwas weitergeben zu wollen; eine Verbindung zu meinen Mitmenschen zu schaffen und wieder Verbindungen von einem Menschen zum anderen zu entdecken, die nicht von X Quadratmetern, X € Regelsätzen, X Paragraphen und mehreren Gesetzbücher geknüpft werden. Und jetzt frage ich mich, ob ich tatsächlich allein mit meinen Gedanken stehe und komme zu der Überzeugung, dass dem unbedingt so sein muss denn eigentlich wollte ich die Bude sauber machen und andere hätten das schon längst erledigt, statt dem warum auch immer geneigtem Leser die Zeit mit diesem Geschreibsel zu reduzieren."
Der Text stammt von einem Hartz-Empfänger. Ich habe ihn aus einem öffentlichen Forum "geklaut" und geringfügig verändert. Ich glaube, dass es vielen Menschen so geht, gleich ob sie Arbeit haben oder nicht. Sie fühlen sich reduziert auf ein Leben, dass sie eigentlich so nicht führen wollen. Sie wären lieber unabhängig. Unabhängig von einer ARGE, einem Jobcenter, einem Wohngeldamt, einer Rentenanstalt, einem Arbeitgeber, von Politikern, die sie drangsalieren. Unabhängig von Stromanbietern, die die Preise erhöhen, wie es ihnen gerade beliebt. Unabhängig von Discountern, die Lebensmittel verkaufen, von denen man nicht weiss, was drinnen ist. Die Liste darf beliebig fortgesetzt werden.
Als Antwort auf Auszüge des Textes kam folgendes: "mit einem offenen Blick und einem Lächeln fängt es an. Mit einem Gespräch, in dem ich mich erst einmal selber öffne, über meine Gefühle und nicht nur über das Wetter rede, geht es weiter. Dazu muss ich bereit sein den ersten Schritt zu tun!Jeder der das einmal ausprobiert, wird überrascht sein, wie viele Menschen eine solche Verbindung suchen und wollen und wieviel Gefühle und Emotionen sich unter der Fassade verbergen. Jeder glaubt, dass andere Menschen nicht solche Gefühle haben und aus Angst sich lächerlich zu machen, hat kaum einer mehr den Mut, solche Dinge auszusprechen. Deswegen ist es so wichtig, den Mut zu finden, einfach damit anzufangen und nicht immer darauf zu warten, dass ein anderer auf einen zukommt."
Probieren Sie es aus. Bewegen Sie sich auf Ihre Mitmenschen mit einem Lächeln zu. Alles wird leichter und man fühlt sich besser. Helfen Sie der alten Dame über die Straße oder beim Einkaufen ans oberste Regal zu kommen. Neulich stand ein älterer Herr hilflos am Regal. Er wirkte verwirrt. Ich sprach ihn an. Er erzählte, dass seine Frau gestorben sei, seit ihrem Tod die Tochter für ihn eingekauft habe, er das aber jetzt selber schaffen wolle, damit sie ihn nicht länger wie ein Baby behandelt. Ich bot meine Hilfe an, in dem ich ihm den ganzen Supermarkt gezeigt habe und wo er nicht dran kam, reckte ich mich hoch. Sein Dank war sein schönstes Lächeln.
Seien Sie so freundlich und respektvoll zu Kindern und Jugendlichen, wie Sie es von Ihnen erwarten. Sie werden merken diese jungen Menschen werden es mit Freude registrieren. Grüßen Sie herzlich den Busfahrer. Die meisten werden herzlich zurück lächeln. Müssen Sie unfreundlich zu KassiererInnen und VerkäuferInnen sein, nur weil Sie gerade in Eile sind oder einen schlechten Tag haben? Die Menschen machen auch nur ihre Arbeit, die in i.d.R. schlecht bezahlt wird. Müssen Sie den Postboten anpfeiffen, weil er heute ein paar Minuten später die Post eingeworfen hat? Es muss nicht seine "Schuld" sein.
Müssen Sie den Medien jeden verallgemeinernden niederträchtigen Schrott über Arbeitslose, Migranten, Jugendliche, Rentner, Ostdeutsche, etc. glauben? Nein, das müssen Sie nicht. Wenn Sie das tun, dann haben Sie sich Ihre Denke auf nicht denken reduzieren lassen. Denken Sie darüber nach. Ab wann zeigen wir uns alle unseren Mitmenschen gegenüber mit mehr Respekt, Toleranz und Verständnis? Die Realität von Hartz-IV. Diese Realität des Schlechtsmachens erleben auch andere Menschen.
Medien und Politiker bezeichnen Kinder von Arbeitslosen als Hartz-Kinder. Was für eine Degradierung oder Reduzierung.
Immer mehr Gesetze werden erlassen oder eingeschränkt, welche uns alle reduzieren und uns mit den längst üblichen Terror- und Sicherheitsargumenten unter General- und Kollektivverdacht stellen. Unsinnige Maßnahmen werden uns allen gegenüber ergriffen. Teile der Exekutive, des Ordnungsbeamtentums und der Justiz spielen dieses "Spiel" mit. Sie maßregeln und verurteilen lieber einen harmlosen Kreidemaler, als sich an die großen Fische heranzuwagen.

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