Die Rating-Agenturen gehören den Banken und Hedgefonds, die heute den Finanzmarkt beherrschen

Ein Gespräch mit Werner Rügemer über die Macht der privaten Bonitätsprüfer -

“HINTERGRUND: Gegenwärtig entsteht der Eindruck, Rating-Agenturen hätten ihren Ursprung im Neoliberalismus und der Globalisierung. Aber in Wahrheit gibt es diese Unternehmen viel länger. Mit welchem Auftrag waren diese Agenturen ursprünglich angetreten?
Werner Rügemer: Rating-Agenturen kamen vor etwa 150 Jahren mit dem Aufstieg des amerikanischen Kapitalismus, insbesondere des Aktienwesens, auf die Welt. Teilweise trugen sie schon die Namen, mit denen sie heute bekannt sind, beispielsweise Poor’s, Moody’s oder Fitch. Diese Entwicklung war verbunden mit den vielen Eisenbahngesellschaften, die sich in den USA als Aktiengesellschaften konstituiert und sich durch den Börsengang ihr Kapital verschafft haben.
Bei den Anlegern entstand das Bedürfnis, sich über die vielen Eisenbahn-, später auch Stahl- und Textilaktiengesellschaften genauer zu informieren. Damals sind viele solcher Aktiengesellschaften sehr schnell pleitegegangen oder haben ihre Aktionäre betrogen. Die Rating-Agenturen, die zu jener Zeit noch Familienbetriebe mit wenigen Beschäftigten waren, haben dann regelmäßig Informationen über die Aktiengesellschaften herausgegeben – heute würden wir sagen, Newsletter. Die sind damals als Printprodukte auf dem freien Bücher- und Zeitschriftenmarkt verkauft worden, als Handbücher und Jahresberichte. So wurde über Jahrzehnte verfahren.
Die große systematische Veränderung begann in den 1970er Jahren unter der Präsidentschaft von Gerald Ford in den USA – mit den Anfängen der sogenannten neoliberalen Umgestaltung des Finanzwesens und der Wirtschaft. Damals wurden die Rating-Agenturen, die vorher freie kleine Unternehmen gewesen waren, mit staatlichen hoheitlichen Aufgaben betraut. Das heißt, sie wurden von der amerikanischen Börsenaufsicht Security and Exchange Commission (SEC) lizenziert und die Modalitäten ihrer Tätigkeit von der Finanzaufsicht festgelegt. Das hatte zur Folge, dass die Ratings in viele einzelne Gesetze für Investmentfonds, Pensionskassen und so weiter aufgenommen worden sind. Und auch wenn Banken einen Kredit vergeben haben, dann mussten sie ihr Eigenkapital nach der Risikobewertung der Rating-Agenturen richten. Ab Ende der 70er Jahre gab es in den USA ein gefestigtes privat-staatliches System. Mit der Globalisierung hat Wallstreet dieses System dann, vereinfacht gesagt, in Verbindung mit den jeweiligen amerikanischen Regierungen in alle Welt exportiert und verbindlich gemacht. Das galt für die Entwicklungsländer, die UNO, die sogenannten entwickelten Staaten, für den Internationalen Währungsfonds und vor allem für die öffentlich kaum bekannte Bank for International Settlements*, wie die Zentralbank der Zentralbanken mit Sitz in der Schweiz heißt. Die Amerikaner haben also durchgesetzt, dass praktisch alle anderen Staaten dieses System übernommen haben und sich damit auch der Vorherrschaft der drei großen US-Rating-Agenturen, deren Arbeitsweise und Kriterien unterordnen mussten.

HINTERGRUND: Genau. Es wird ja suggeriert, Rating-Agenturen seien völlig unabhängig, eine neutrale Instanz, die wissenschaftliche Expertisen anfertigt. In welchem Beziehungsgeflecht stecken sie aber tatsächlich?
Werner Rügemer: Sie legen ja normalerweise viel Wert darauf, dass ihre Ratings sehr gut bezahlt werden. Ein Honorar für ein kompliziertes Rating beträgt manchmal eine Million Dollar. Wenn eine Agentur also darauf freiwillig verzichtet, dann muss es gewichtige Gründe geben. Die Erklärung ist leicht, wird nur nicht offengelegt: Die Agenturen werden als eigenständige, neutrale, objektive Akteure vorgestellt. Das sind sie aber nicht. Sondern sie gehören den Banken und Hedgefonds, die heute den Finanzmarkt beherrschen. Wenn sie dann mal eben – vor allem in Krisensituationen, in denen es wirklich um sehr viel Geld, mögliche Gewinne geht – ohne Honorar arbeiten, dann dürfen wir annehmen, dass sie das im Interesse ihrer Eigentümer tun. Denn ihre Kriterien unterscheiden sich ja keinen Deut von den Kriterien, die die großen Investmentbanken, Hedgefonds und andere Finanzakteure haben.

…”

Quelle und gesamtes Interview: http://www.hintergrund.de/201206192115/wirtschaft/finanzwelt/die-rating-agenturen-gehoeren-den-banken-und-hedgefonds-die-heute-den-finanzmarkt-beherrschen.html



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