Die Mittagsfrau

Kurz nach Kriegsende wird der kleine Peter auf einem Bahnhof bei Stettin von seiner Mutter einfach so verlassen.

Mit diesem Buch soll versucht werden, die Gründe, die seine Mutter Helene wohl gehabt haben mag darzulegen und zu erklären.
Und vielleicht auch zu verstehen.

Um aus der Hoffnungslosigkeit eines maroden Handwerksbetriebs samt gemütskranker Mutter zu entfliehen, ziehen Martha und Helene von Bautzen nach Berlin und tauchen dort mit Hilfe ihrer lebenslustigen Tante ein in die “Swinging Twentys”, eine Zeit voller Musik, Tanz, Drogen, Promiskuität, aber auch eine Zeit bitterer Armut.
Die intelligente Helene träumt von einer Universitätsausbildung, aber ohne Geld und dann noch als Mädchen ist dies damals nicht möglich.
Sie verliebt sich in den feinsinnigen Philophiestudenten Carl Wertheimer und verlebt mit ihm eine glückliche Zeit voller Zukunftspläne.
Als Carl tragisch ums Leben kommt, versinkt Helene in eine Art Katatonie.
Um ihren Schmerz zu vergessen, schweigt sie nur noch und stürzt sich gleichzeitig in ihre Arbeit als Krankenschwester.
Als schließlich der Anfangs sehr charmante Ingenieur Wilhelm um sie freit, nimmt sie seinen Antrag teils aus Fatalismus, teils weil sie endlich ordentliche Papiere braucht an. Denn inzwischen gelten in Deutschland Rassegesetze, denen zur Folge sie wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr arbeiten dürfte.
Das Paar zieht nach Stettin, die Ehe mit dem herrschsüchtigen Mann wird ein Fiasko. Sie lässt sich misshandeln, unterdrücken und beschimpfen, kocht und putzt wie eine Sklavin. Und auch die Geburt ihres Sohnes Peter kann sie nicht mehr aus der Sprachlosigkeit und zurück ins Leben retten.

Sie erlebt den Schrecken des 2. Weltkrieges als Krankenschwester, arbeitet rund um die Uhr im Krankenhaus, aber mit ihrem Kind zuhause kann sie nichts anfangen.
Deswegen verlässt sie den 7jährigen, mit einem Koffer und ein bisschen Geld. Denn sie kann ihm nichts bieten: keine Worte, kein Leben.

Die preisgekrönte Autorin Julia Franck verarbeitet in ihrem Erstlingswerk die Geschichte ihres eigenen Vaters, der tatsächlich selbst von seiner eigenen Mutter an irgendeinem Bahnhof verlassen wurde und dies nie verwand.

Sie schreibt fast emotionslos, fast sachlich und wertet nicht. Dennoch ist dieses Buch auch sehr sinnlich – im Guten wie im Schlechten (auch der Geruch von menschlichen Ausdünstungen kann eine sinnliche Erfahrung sein – wenn auch keine übertrieben schöne)
Typische Geschichtsmerkmale der Nazizeit, z.B. Holocaust, verschiedene Doktrinen, Kriegsgeschehen spielen in dieser Geschichte im Konsens eine Rolle, wenn auch keine tragende. Das finde ich mal ganz interessant, denn natürlich können Menschen auch unabhängig vom Regime eine schwere Zeit durchmachen.

Der Titel “Mittagsfrau” geht im Übrigen auf eine Bauernsage aus der Gegend der Lausitz zurück. Die Mittagsfrau ist eine Frau mit Sichel, welche über die Felder geht und die Bauern, die trotz des Gebots  der Mittagsrast, arbeiten, tötet. Man kann aber die Mittagsfrau auch besänftigen, in dem man mit ihr spricht.
Und so wird das Thema Sprache, Kommunikation, Austausch zum roten Faden in dieser Geschichte. Denn vielen der Personen, aber ganz besonders Helene fehlt diese Gabe. Sie arbeitet ohne Pause, aber sie hält niemals inne, um sich mit ihrer Umwelt zu verständigen und schweigt selbst dann, wenn ihr Unrecht wiederfährt.

Und nun zur Frage, ob man verstehen kann, dass sie ihr Kind am Bahnhof verlässt?
Ich kann es nicht verstehen.

Helene ist eine intelligente Frau, die es nicht geschafft hat, den Kreislauf der Neurosen in ihrer Familie zu durchbrechen. Sie lässt ihr Kind im Stich, genauso wie ihre Mutter und eigentlich ihr gesamtes Umfeld das mit ihr getan haben.
Aber jedermann, jederfrau hat selbst die Wahl, was er, sie aus ihrem Leben macht.

Mich hat dieses Buch sehr mitgenommen und einige schlechte Träume beschert.
Vielleicht weil mich das Schicksal der Helene ein bisschen an meine Mutter erinnert hat.


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