Die Macht des Symbols

Wir wissen nicht erst seit gestern, wie bedrohlich der menschengemachte Klimawandel ist. Spätestens seit der ersten großen Konferenz von Rio de Janeiro 1990 sind die wesentlichen Leitlinien hinreichend bekannt, ebenso wie die Notwendigkeit, zu handeln, um das Ausmaß in Grenzen zu halten. Passiert ist insgesamt eher wenig. Seit im letzten Jahr die (mittlerweile) sechzehnjährige schwedische Schülerin Greta Thunberg ihren "Schulstreik für's Klima" begann, ist das Thema jedoch mit Wucht in die Schlagzeilen gekommen. Woran liegt das? Interessiert sich die Öffentlichkeit plötzlich mehr den Klimawandel als vorher? Ich halte Greta Thunberg für ein Musterbeispiel dafür, welche Macht ein Symbol haben kann.

Das schwierige Thema

Diese Beobachtung kann ich an mir selbst festmachen. Seit mittlerweile drei oder vier Jahren packte mich periodisch das schlechte Gewissen. Ich wollte immer mehr über den Klimawandel schreiben. Nur war irgendwie nie ein richtiger Anlass oder Angriffspunkt dafür da. Seit einem Jahr ist das überhaupt kein Problem mehr. Man kann alleine am Vermischten sehen, wie viel häufiger das Thema ist. Logisch, denn es wird jetzt gesamtgesellschaftlich diskutiert. Im Gegenzug muss ich viel weniger die Flüchtlingsdebatte aufgreifen, weil diese wieder in dem Orkus verschwunden ist, in den sie schon immer gehört hätte. (Ich bin mir sicher, einige Leser fühlen für die aktuelle Situation genau umgekehrt.)
In den letzten Jahren habe ich einige Artikel gelesen, die von Journalisten geschrieben wurden, die sich schwerpunktmäßig mit dem Klimawandel beschäftigten. Das waren, wenig überraschend, nicht viele. Und die, die es gab, kamen praktisch durchweg aus dem "wonkischen", dem policy-lastigen Spektrum. David Roberts von vox.com etwa schreibt seit vielen Jahren unentwegt und ungeheur kenntnisreich ellenlange Erklärartikel zu allen Themen rund um Klimawandel und fossile Energieträger. Chris Hayes, der brillante Moderator von "All In" und Host des Podcasts "Why is this happening", kam auch immer wieder auf das Thema zurück - nicht ohne reuevoll zu vermerken, dass auch er gerne mehr über das Thema sprechen würde.
Woran liegt das? Der Klimawandel hat, im Gegensatz etwa zu Terrorismus, Hartz-IV-induzierter Armut oder Flüchtlingen, keine guten Bilder. Er lässt sich nur sehr schlecht narrativ verpacken. Er ist abstrakt und ungreifbar. Ein Foto eines Eisbergs ist einfach nicht so wirkmächtig wie das einer Menschenmasse an der Grenze, das Foto einer Überschwemmung weniger geeignet das Phänomen "Klimawandel" begreiflich zu machen als das von Ground Zero die Gefahren des Terrorismus. Der Klimawandel wirkt mittelbar und über große Zeiträume. Unsere Gehirne sind aber weder für mittelbare Effekte noch für Langzeitplanung ausgelegt. Entsprechend schwer fällt uns die Beschäftigung mit dem Thema, und entsprechend wenig Priorität hatte es.
Selbst die Grünen legten das Gewicht in der Vergangenheit wesentlich häufiger auf Umweltschutz als auf Klimaschutz. In der Debatte werden diese gerne zusammengeworfen, schon alleine weil sie für Gegner beide gleich sind. Staatsintervention, Regulierung, Zusatzkosten - hüben wir drüben. Aber während das Dosenpfand die Müllmenge in der Pampa reduzieren mag, tut es herzlich wenig dazu, die Klimaerwärmung aufzuhalten. Das Thema "Klimawandel" war daher nicht als Hauptthema bei irgendjemandem präsent. Und ohne diese Beleuchtung gab es auch wenige, die sich dafür engagierten.

Aktion - Reaktion

An dieser Stelle traten gleich mehrere neue Symbole auf den Plan. Wir können als Startschuss das Jahr 2016 nehmen, mit dem ein kruder Klimawandelleugner Präsident der Vereinigten Staaten wurde. So sehr der Aufstieg der AfD dem vermeintlich falschen Umgang mit der Flüchtlingskrise durch die Mitte-Parteien geschuldet war, so mobilisierte die offene, krude, gewalttätige Leugnung des Klimawandels durch die Rechtspopulisten die Opposition. Aktion und Reaktion gelten in beide Seiten. So verschob sich das Overton-Fenster zeitverzögert nach dem Rechtsrutsch auch nach links. Zuerst in Fragen von Rasse und Geschlecht (man denke an #BlackLives Matter und #MeToo), dann in Fragen der Gesundheitsvorsorge (#MedicareForAll), im Mindestlohn (#MovementFor15) und schließlich eben auch im Klimawandel. Die ersten Symbole, die wir bekamen, waren immer die Anti-Symbole von der extremen Rechten. Sie schoben die Themen, die vorher nur um breiten Strom der Politik mitschwammen, direkt ins Scheinwerferlicht und erzwangen eine Reaktion der Opposition.
Doch wärend die meisten der oben genannten Themen eigene, progressive Symbole erhielten - von Eric Gardner zu den Pussyhats und Handmaid-Trachten, von Bernie Sanders zur Einigung mit McDonalds - fehlte dies dem Klimawandel eine ganze Weile lang. In diesem Jahr kam dann der Doppelschlag. Einerseits bekamen wir, wie ich bereits beschrieben habe, den perfekten Bösewicht. Der brasilianische Premier Bolsonaro inszenierte sich als Anti-Thunberg, als ökozidaler Terrorist.
Aber noch viel wichtiger war das Auftreten von Greta Thunberg. Als sie ihren Klimastreik in Stockholm begann, war dies allenfalls eine Kuriosität für die Lokalpresse. Als sie zu ihrem ersten richtig großen Auftritt nach Davos fuhr, kam sie zwar in die Schlagzeilen. Sie teilte sich das Scheinwerferlicht dort aber etwa mit Rutger Bregman, dem niederländischen Historiker. Seine umfassende Kritik des Kapitalismus' aktueller Prägung schien vor wenigen Monaten noch relevanter und tiefgreifender zu sein als Thunbergs anderthalbtägige Zugfahrt. Mir wäre allerdings unbekannt, dass irgendjemand noch von Bregman redet. Was also ist es, das dieses sechzehnjährige Mädchen zu einem solch potenten Symbol verwandelt hat? Warum ruft ihre Rede vor der UN-Generalversammlung so ungeheuer große Reaktionen auf allen Seiten hervor, Ablehnung wie Zustimmung? Was macht Thunberg zu solch einem potenten Symbol für den Klimawandel?

Die Aura der Unschuld

Da wäre zum einen ihre Erscheinung. Thunberg ist sechzehn, aber sie sieht jünger aus. Sie ist klein, ihre Gesichszüge wirken kindlich. Ihre Frisur wird es sicherlich nicht in die Style-Guides der Teenie-Magazine schaffen. Man stelle sich vor, Thunberg würde aussehen wie eine Teilnehmerin an "Germany's Next Topdmodel". Die Wettbewerberinnen in Heide Klums Dystopia sind häufig ebenfalls sechszehn, siebzehn Jahre alt. Zwischen ihnen und Thunberg liegen nicht nur beim politischen Engagement Welten. Sie könnten andere Planeten bewohnen.
Diese kindliche Erscheinung verleiht Thunberg eine Aura von Unschuld. Es ist kein Zufall, dass Freund wie Feind sie gerne als "Kind" bezeichnen, obwohl sie doch altersgemäß so eindeutig eine Jugendliche ist. In Deutschland könnte sie wählen, Alkohol trinken und den Führerschein machen. Das ist nichts, was wir landläufig mit Kindern assoziieren. Aber ihr Aussehen hilft ihr hier.
Und diese Erscheinung gibt ihr eine gewisse Immunität. Denn die meisten Abwehrstrategien funktionieren gegen sie nicht. Die Boulevardpresse kann sie nicht sexualisieren. Nicht, dass sie moralische Probleme damit hätte, Sechzehnjährige zu Sexobjekten zu machen. Das ist für die BILD das tägliche Brot. Aber bei Kindern ist die Lage anders. Das fällt also aus. Auch für Donald Trump übrigens, der sich bisher uncharakteristisch zurückgehalten hat.
Auch vor der sonstigen scharfen Rhetorik, die in der politischen Arena üblicherweise verwendet wird, schrecken die meisten Akteure zurück. Wer will schon schließlich als erwachsener Mensch auf ein Kind einschlagen? Es beißt sich auch mit der anderen großen Angriffslinie, Thunberg als ein Kind zu schmähen, das gar nicht versteht, wovon es eigentlich redet. Umso heftiger werden ihre Eltern attackiert oder düstere Hintermänner konstruiert. Kleben bleibt davon wenig. Thunbergs Aura der Unschuld bewahrt sie (bislang) vor entsprechenden Angriffen.

Abteilung Attacke

Das ist umso verwirrender, weil Thunberg nicht das übliche Vorgehen ziviler Protestsymbole nutzt. Sie gehört nicht gerade zur Schule des friedlichen Widerstands, der mit sanfter Stimme gegen Ungerechtigkeit vorgeht. Sie haut sehr grobe Keile auf grobe Klötze. Ihre Sprache ist voll von Superlativen. "Ich will, dass ihr in Panik geratet." "Meine Generation wird euch niemals verzeihen." "Wie könnt ihr es wagen." Das ist nicht gerade die Sprache eines Engels. Es ist eine Sprache der Wut, wie sie von den meisten Aktivisten abstoßend wirken würde. Weswegen die meisten Aktivisten ja auch immer sehr vorsichtig sind, ihren Gegnern dieses Mobilisierungsmittel nicht in die Hand zu geben.
Warum funktioniert es also für Thunberg? Der erste Grund ist das gerade beschriebene Oxymoron. Der Widerspruch an sich ist bereits faszinierend. Aber es ist erneut ihr Status als Kind, der ihr hilft. Konservative Kritiker bemühten als (soweit eher erfolglosen) Angriff die Metapher des "Kinderkreuzzugs". Damit beschrieben sie aber unwissentlich einen Erfolgsfaktor. Denn die ganze Klimawandeldebatte hat immer wieder betont, dass man den Planeten für die Nachkommen retten müssen. Wir erinnern uns an die Grünen in den 1980er Jahren: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt."
Die Macht Thunbergs liegt darin, dass zum ersten Mal diese bisher immer nur abstrakt gefassten Kinder als Akteure auftauchen. Sie werden zum Subjekt statt zum Objekt. Thunberg nutzt das ja auch rhetorisch geschickt, indem sie für sich in Anspruch nimmt, für ihre ganze Generation zu sprechen. Dass diese Generation ziemlich nebulös definiert ist, versteht sich da eher als Feauture denn als Bug.
Nun gehöre ich nicht gerade zu Gretas Generation. Technisch gesehen trifft mich ihr Vorwurf ebenso. Auch mir will sie nicht verzeihen. Auch mich fragt sie, wie ich es wagen könne. Auch mich will sie in Panik versetzen. Warum also gibt es so viele Erwachsene im progressiven Spektrum, die so ungeheur positiv auf Thunberg reagieren?

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt...

Wie bereits mit der Metapher vom "Kinderkreuzzug" haben Thunbergs konservative Kritiker auch hier eine entscheidende Dynamik aufgedeckt. Die gesamte Umweltbewegung als Sekte oder Religion abzustempeln gehört seit vierzig Jahren zum konservativen Standardrepertoire, aber nie was es so zutreffend wie bei Thunberg und den #FridaysForFuture.
Thunberg ist keine Politikerin. Sie ist auch nur eingeschränkt eine Aktivistin. Mir wäre jedenfalls keine konkrete Maßnahme bekannt, für die sie sich einsetzt. Thunberg beschränkt sich - weise - darauf, in stärksten Tönen zum Handeln aufzufordern. Wie dieses Handeln genau aussieht, spielt für sie keine Rolle. Das ist angesichts dessen, dass sie ein Kind ist, sicherlich klug. Das letze, was ihr Aktivismus brauchen kann, ist in die Debatte gezogen zu werden ob zehn oder fünfunddreißig Euro pro Tonne CO2 der richtige Steuerbetrag sind.
Ich glaube, man muss Thunberg als Prophetin begreifen. Was sie bietet ist nichts weniger als Katharsis, Buße und Absolution.
Progressive wie ich haben jahrelang eine hilflose, unartikulierte Wut auf kleiner Flamme brennen gehabt. Jedes Mal, wenn das Thema (selten genug) auf den Klimawandel kam, hat man sich gegenseitig darin versichert, wie dramatisch die Lage und wie dringend der Handlungsbedarf ist. Und dann erkannt, dass die politische Lage nichts zulässt. Thunbergs klar artikulierter, ungefilterter Zorn wirkt hier als Katharsis. Georg Schramm hatte darüber 2011 gesprochen.
Man sollte nicht unterschätzen, wie gut das tun kann. Das rechte Spektrum hatte dieses Gefühl gerechten Zorns 2015, als Angela Merkel sich entschloss, das Schengen-Abkommen aufrechtzuerhalten. Pegida und Konsorten gaben dem lange gehegten, nie richtig artikulierten Gefühl Ausdruck, das Land entwickle sich in die falsche Richtung. Thunberg gab es den Progressiven, die seit Jahren und Jahrzehnten ohnmächtigen Zorn angesichts der dräuenden Klimakatastrophe empfanden.
Aber das erklärt nicht, warum die Generationen, die von Thunberg in großen Worten verdammt werden, ebenfalls so empfänglich für ihre Botschaft sind. Diese Verwirrung lässt sich schnell klären. Man muss sich nur klarmachen, dass auch viele Reiche für Jesus' Heilbotschaft empfänglich waren und immer noch sind, egal wie wenig Nadelöhre und Kamele sich in Griffweite befinden.
Die Schuld, die Mitschuld, ist ja schließlich nicht zu leugnen. Thunberg erteilt zwar keine Absolution. Das wäre auch vermessen. Aber auch hier gilt: Das machen die Leute ja selbst. In der Betonung der Wichtigkeit des Engagements Jugendlicher, des Mutes und der Klarheit Thunbergs und der brennenden Aktualität des Themas leistet man seinen Beitrag. Man tut Buße. Zumindest ist das das Gefühlswirrwarr, das Thunberg in mir wachruft. Katharsis, Buße, Absolution. Es sind wirkmächtige Instrumente.

Lächeln und Nicken

Bevor jetzt die sich selbst als pragmatisch, vernünftig und von Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmt fühlenden Konservativen und Liberalen in die Tasten greifen und sich in all ihrer Kritik bestätigt fühlen: Das läuft natürlich auch in die umgekehrte Richtung. Denn so große Zustimmung und positive Gefühle, wie Thunberg sie in ihren Unterstützern wachruft, so aggressiv und überbordend ist die Reaktion auf sie.
Es war wieder einmal Angela Merkel, die der Welt demonstrierte, wie man souverän mit Kritik wie der Thunbergs umgeht. Nachdem die Aktivistin Deutschland als eine einer Handvoll Nationen namentlich in ihrer Bandrede vor der UN wegen mangelnder Tatkraft geißelte - was einer "Klimakanzlerin" nicht gerade ins Konzept laufen dürfte - ließ sich Merkel im Gespräch mit Thunberg ablichten und hielt danach eine Rede, in der sie pathetisch erklärte, "die Botschaft der Jugend" gehört zu haben. Das kostet sie gar nichts und stellt sie auf die richtige Seite der Geschichte.

Wir wollen Barabbas frei!

Zur gleichen Zeit drehen andere völlig am Rad. Das Pegida-nahe Umfeld ergeht sich erwartungsgemäß in Mord- und Vergewaltigungsfantasien. Das ist nichts Neues. Jegliche namhafte Politikerin, die etwas sagt das dieser Randgruppe nicht in den Kram passt, muss sich mit diesen auseinandersetzen. Mit ihnen müssen wir uns nicht weiter auseinandersetzen. Es sind schweinische Stimmen aus der Gülle, repräsentativ für nichts als den eigenen Hass.
Interessanter ist da die fast schon instinktive Abwehrhaltung, die aus großen Teilen des konservativen und liberalen Spektrums kommt. Beispielhaft dafür sind Journalisten wie der Welt-Autor Ulf Poschardt. Es ist dieses Umfeld, aus dem die heftige Kritik und die obigen Metaphern von Kult, Religion und Kinderkreuzzug kommen. Es ist wenig verwunderlich, denn diese Kritik wurde bereits vorher permanent an allen Schattierungen von Umweltaktivisten geübt. Der geneigte Leser muss nicht weit gehen, um diese Art der in die Invektive umschlagender Kritik auch hier im Blog zu finden.
Man kommt in diesem Kontext auch nicht um eine andere interessante Feststellung herum. Die heftigen Abwehrreaktionen auf Greta Thunberg sind stark männlich verzerrt. Das fällt sogar einigen ihrer liberalen Gegner auf, die noch argumentativer Ehrlichkeit verpflichtet sind. Über die Gründe kann man nur spekulieren, aber sieht man den verbreiteten Hass auf Teenagerinnen in der Gesellschaft an, überrascht das wenig. Diese Herren der Schöpfung lehnen Kritik ohnehin ab, aber aus dieser Quelle können sie aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht damit umgehen.
Hier werden alternative Kulte eröffnet. Das zur Gegenreligion überhöhte Auto (siehe auch hier im Blog) ist dafür nur ein Beispiel. Im Namen der Freiheit, mit 200 auf der Autobahn den Sportwagen ausfahren oder den Straßenpanzer in die Innenstädte steuern zu dürfen, blockieren sie den Wandel. Es sind diejenigen, die nach Freiheit für Barabbas schreien, um im Bild zu bleiben. Für sie ist Thunberg eine Häretikerin. Sie ist gefährlich. An ihr muss ein Exempel statuiert werden.

Die Demaskierung

Die Wirkmächtigkeit des Symbols Thunberg geht allerdings über die vorhersehbaren Reflexe dieser kleinen Gruppe hinaus. Sie personifiziert die kognitive Dissonanz, die die Klimadebatte seit 30 Jahren begleitet. Der konservative New-York-Times-Kolumnist Bret Stephens macht dies in seiner aktuellen Kolumne ungewollt deutlich:
Let’s assume the most dire predictions are right and we don’t have a moment to lose in substantially decarbonizing the global economy, no matter what the financial cost or political pain. In that case, isn’t Pelosi’s incrementalist approach to climate absurdly inadequate? Are we dealing with a problem so severe that it requires the political and economic equivalent of war socialism? Or should we think of climate change roughly the same way we think about global poverty — a serious problem we can work patiently to solve without resort to extreme measures like ending capitalism or depriving equally serious priorities of the attention they deserve?
Für Stephens ist die Antwort klar: Letzteres. Nur ist das Problem zweierlei. Einerseits haben wir schon dann das von ihm als "most dire" beschriebene Szenario, wenn nur die bestmöglichen Annahmen des IIPC eintreffen, also eine Erderwärmung um 1,5-2 Grad (die von Klimawissenschaftlern als schon fast nicht mehr möglich gesehen wird). Andererseits ist es für solche Maßnahmen längst zu spät.
Die Grundlage der heftigen Reaktionen auf Thunberg ist die Frage, ob man den Klimawandel als existenzielle Bedrohung begreift oder nicht. Es ist die Gretchenfrage unserer Zeit.
Denn entweder ist der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung. In diesem Fall gibt es keine Parallelen, gibt es keine anderen Prioritäten. In diesem Fall sind durchgreifende, umfassende Maßnahmen gefragt. Da geht es nicht mehr um den Verzicht auf ein Schnitzel oder das SUV-Verbot in Innenstädten. Da reden wir von drastischeren Maßnahmen.
Oder er ist es nicht. In diesem Fall übertreibt Thunberg maßlos, sind ihre Unterstützer und Anhänger Fanatiker und Hysteriker und treiben wir wegen eines eingebildeten Problems direkt in die Ökodiktatur. In diesem Fall nutzt eine Gruppe am alternativen Rand (man zögert, sie links zu nennen, weil sie in ihrer Feindschaft zur klassischen Industrie und Wirtschaftswachstum wenig Freunde unter klassischen Linken haben) das Symbol Thunberg, um eine extremistische Agenda zu pushen.
Hier sehe ich die zentrale politische Wirkung Thunbergs als Symbol für den Klimawandel. Sie demaskiert die "vernünftige Mitte" und zwingt sie, Farbe zu bekennen. Welche der beiden obigen Alternativen ist es? Seit fast 40 Jahren war der Konsens ein merkwürdiges "Sowohl als auch". Man bekannte sich grundsätzlich zu den Erkenntnissen der Klimawissenschaftler und zur Gewichtigkeit der Krise. Gleichzeitig waren die Lösungsansätze aber von geradezu grotesker Bescheidenheit. In FAZ und Welt werden Vorschläge wie der Verzicht auf das Sylvesterfeuerwerk diskutiert, als seien sie die maximal vorstellbare Reaktion auf die Krise und nicht nur ein erster, kleiner, unzureichender Schritt.
Thunbergs offener Zorn, ihre undiplomatische Verachtung für diesen Ansatz, zwingen jeden zu einem klaren Bekenntnis für eine der beiden Seiten. Das polarisiert und wird vermutlich, wie das bei solchen Themen immer ist, den Anteil der Klimawandelleugner in die Höhe treiben. Die AfD profiliert sich schon jetzt als Anti-Klima-Partei. Christian Lindner versucht auch in bewährter Manier, hier nach Wählern zu grasen. Die CDU und SPD zerreißen sich gerade über diese Frage, wie man am Würgen über das aktuelle "Klimapaket" zu deutlich sehen kann. Selbst die Grünen hadern damit, ob sie die Radikalität einzusehen bereit sind, die die Erkenntnis der Dramatik der Situation erfordert.

Die schmerzhafte Sicherheit

Ich muss zugeben: Ich hadere selbst mit diesem Problem. Rational, im Kopf, habe ich verstanden und akzeptiert, dass wir bereits seit mehreren Jahrzehnten in einer elementaren, existenbedrohenden Klimakrise leben. Dass es praktisch zu spät ist. Dass wir bestenfalls das Schlimmste verhüten können. Dass gigantische Umwälzungen auf uns zukommen, ob wir es wollen oder nicht. Aber im Herzen, im Bauchgefühl, ist dieses Bewusstsein immer noch nicht angekommen.
Darin liegt die Kraft des Symbols Greta Thunberg. In ihrer unkonventionellen, offenen, ja brutalen Art erzwingt sie endlich den Blick in den Abgrund. Und wie schon Nietzsche wusste: Wenn man in den Abgrund sieht, sieht der Abgrund zurück. Das ist kein schönes Gefühl. Aber es ist notwendig. Und es wird uns noch eine Weile beschäftigen. Ich weiß nicht, ob meine Kinder mir, meinen Eltern und meinen Großeltern jemals verzeihen werden. Ich bin mir aber ziemlich sicher, ob wir diese Verzeihung verdient haben werden.

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