Die Kunst, frei zu sein

Von Literaturkabinett
Die Kunst, frei zu sein
Mit großem Interesse und voller Neugier habe ich das
„Handbuch für ein
schönes Leben
“ über eine relativ lange Zeit hinweg gelesen und dabei
wirklich vieles Interessante für mich und mein Leben gefunden. Oft konnte
ich nur zustimmend nicken, manchmal leicht zweifelnd fragen, ob diese
Vorschläge auch für mein Leben funktionieren und an einigen Stellen habe ich
einfach nur die naive Art bestaunt, mit der Tom Hodkinson auf das
Mittelalter zurückblickt und dem Leser zu vermitteln sucht, dass damals
alles besser, die Menschen, auch die Leibeigenen, viel freier und
glücklicher gelebt hätten als wir heute und das die ach so schlimme
Reformation diesen schönen Leben mit seinem Puritanismus ein jähes Ende
gesetzt hätte. Aber wenn man mal die Frage nach dem Reichtum der
mittelalterlichen Allgemeinbevölkerung ausklammert, ist es zumindest mal ein
neuer Denkanstoß, wenn die negativen Seiten der Reformation und die
puritanisch-freudlose Art eines John Wesley-Methodismus hinterfragt werden,
die für mich bisher nie auch nur den kleinsten Negativen Anstrich hatten.
Am Ende eines jeden Kapitels versucht der Autor in einem Satz die
Grundessenz des gesagten zusammenzufassen, was zwar nicht immer gelingt bzw.
sehr teilweise sehr seltsam ausgedrückt ist, aber dennoch eine schöne
Gedankenstütze bietet. Deshalb an dieser Stelle die 29 Kapitelüberschriften
und die zusammenfassenden Anleitungen für ein glückliches Leben:
1. Verjag die Angst, sei sorglos: Fahr Rad
2. Wirf die Fesseln der Langeweile ab: Spiel Ukulele
3. Die Tyrannei der Rechnungen und die Freiheit des Einfachen:Kündige alle Daueraufträge
4. Pfeif auf die Karriere und all ihre leeren Versprechungen:Finde Deine Begabung
5. Raus aus der Stadt:Pachte einen Schrebergarten
6. Schluss mit dem Klassenkampf: sei ein Bohemien
7. Wirf Deine Uhr weg: schmeiß deine Uhr auf den Müll
8. Hör auf mit dem Konkurrenzkampf: gründe eine Gilde
9. Entkomme den Schulden: zerschneide deine Kreditkarte
10. Tod dem Einlaufen oder Flucht aus dem Gefängnis der Konsumsucht: Wirf den Fernseher weg
11. Spreng die Ketten der Furcht: Fahr mit dem Feuerwagen
12. Vergiss die Regierung: Hör auf zu wählen
13. Leg Dein Schuldbewusstsein ab und befreie Deinen Geist: Sag ja
14. Das Ende der Hausarbeit oder die Macht des Kerzenscheins: Zünde eine Kerze an
15. Schluss mit der Einsamkeit: Öffne deine Türen
16. Unterwirf dich nicht länger der Maschine, benutze Deine Hände: Benutze eine Sense
17. Ein Lob auf die Melancholie: Schmeiß deine Tabletten weg
18. Jammer nicht, sei fröhlich: Sei dankbar für das, was du hast
19. Leb ohne Hypothek, sei ein beschwingter Wanderer: Teile dein zuhause mit andern
20. die Anti-Kleinfamilie: Lass die Kinder in Ruhe
21. Entwaffne den Schmerz: Akzeptiere die Mühsal
22. Hör auf, dich um Deine Rente zu sorgen, lebe: Sag ja zum leben
23. Verlass die Welt der Grobheit, tritt in eine neue Ära der
Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und Anmut ein: Sei anmutig
24. Selbstgefällige Puritaner müssen sterben: Wir sind nichts
25. Befreie dich von den Supermärkten: Pflanz Gemüse an
26. Die Herrschaft des Hässlichen ist vorbei, lang leben Schönheit, Qualität und Brüderlichkeit!: Ein hoch auf den Meisel
27. Stürze die Tyrannei des Reichtums: Wünsch dir weniger
28. Verschwende nichts, sei Sparsam: Schaufel Scheiße
29. Hör auf zu arbeiten, fang an zu leben: Spiele
Die Einteilung des Lebens in Arbeitszeit und Freizeit bemängelt der Autor
und ermuntert alle Leser, mit weniger Geld auszukommen, wodurch man auch
viel weniger arbeiten müsse. Und vor Allem soll man nur das tun, was einem
wirklich Spaß und Freude macht. Um herauszufinden, was das ist, soll man
mindestens 6 Monate, besser ein Jahr lang, gar nichts tun. Er vergleicht
diese Suche nach seiner Begabung mit einem Garten, den man übernimmt und den
man ein Jahr lang erst mal überhaupt nicht bearbeiten soll, um zu sehen, was
denn überhaupt alles so in seinem Boden ist und gedeiht, bevor man ihn dann
sanft anfasst. Ein sehr treffender Vergleich, suche doch auch ich nach einer
Arbeit, die mich wirklich ausfüllt und befriedigt und wusste bisher nie, wie
ich diese finde: Ein Jahr Pause (evtl. bei Inge in NZ) und ich weiß, was ich
kann und was ich will. Laßt uns experimentieren, um herauszufinden, was der
richtige Weg für uns ist:
„Abgesehen von dem Nutzen des Wortes „Experiment“
als Euphemismus macht es Spaß, sein Leben in eine Reihe von Experimenten zu
verwandeln. Es kommt nicht darauf an, ob es scheitert
– du versuchst einfach
ein anderes. Ach, wenn es nur so einfach wäre
… Wichtig ist es, bei alledem
niemals irgendwelche Schuldgefühle zuzulassen (übrigens wird an anderer
Stelle nachgewiesen, dass Schuldbewusstsein ein erlerntes, kein angeborenes
Gefühl ist); wir sind nicht davon abhängig, was andere über uns denken
sondern nur uns selbst Rechenschaft schuldig.
Schön auch, wie Tom davon erzählt, dass er allen Menschen mit Achtung und
Respekt gegenübertritt und eigentlich irgendwie alle liebt (außer Spießer
und Puritaner)
„: …als Müßiggänger und Anarchist liebe ich Menschen aus
allen Schichten, die für die Freiheit kämpfen. Ich liebe die Aristokraten,
ich liebe die Unterschicht, und ich liebe die bourgoise Boheme. Ich liebe
die Drogensüchtigen. Es ist ganz einfach, sich den Auserwählten, den
Farbenfrohen, den Kreativen anzuschließen. Schaff Deine eigene Welt. Wirf
den Groll ab. Verdränge den Gedanken des
„Müssens“. Du musst gar nichts tun.
Du besitzt Willensfreiheit. Übe sie aus!

An mehreren Stellen habe ich mich mit meinen Ansichten sofort
wiederentdeckt, z.B. wenn er über das Fernsehen und die damit verbundene
Zeitverschwendung herzieht, wenn vorgeschlagen wird, die Kinder in Ruhe zu
lasen und nicht ständig zu bevormunden und zu bespaßen, oder wenn er
vorschlägt, Deine teure Armbanduhr wegzuwerfen (ich habe seit 15 Jahren
keine und bin doch fast immer pünktlich). Sein Argument: Wie kann man nur
für das Tragen des Symbols der Sklaverei so viel Geld ausgeben, es zu einem
Statussymbol erheben, was uns an das moderne Industrietempo fesselt? Und
vollkommen zu Recht prangert er die heute allgemein akzeptierte Floskel
„Zeit ist Geld“ als Sünde an, denn wie kann Zeit, dieses Gottesgeschenk, das
jeder Mensch jeden Tag neu erhält, mit Geld abwiegen wollen? Banker, die
sich auf unsere Kosten bereichern und selbst aus Krisen, in denen wir unser
bescheidenes Vermögen verlieren, bereichert hervorgehen, werden von uns
verehrt. Verachten sollten wir sie und ihnen durch unseren Müßiggang
beweisen, dass wir die glücklicheren Menschen sind (wenn es nur so wäre
…!)
Nicht Geld und Wohlstand sollten unsere Ziele sein, sondern zu lieben,
freudig zu leben, das Leben zu genießen!
Leidenschaftlich wird auch gegen die übliche Kleinfamilie gewettert, in der
4 Personen, sie sich nicht leiden können, unter einem Dach zusammenleben.
„Die moderne Familie steht lediglich für eine finanzielle Belastung – mit
anderen Worten, sie ist das Motiv dafür, Beschäftigungen zu übernehmen, die
uns nicht gefallen. Ab und zu die Familie in kleinere Gruppen zu spalten,
weil sich die Kinder dann vorbildlich benehmen, ist auch mir schon als
probates Mittel gegen Kinderstreß aufgefallen. Und wenn so oft wie möglich
Leute mit anderen Kindern einlädst, kannst du zusammen mit ihnen in der
Küche bechern, während die ganze Bande im Haus oder Garten gemeinsam
rumtobt! Wir sollten wir Gemeinschaften gründen, ständig Freunde zu Besuch
haben und mit ihnen gemeinsam essen, trinken und feiern (wir sollten z.B. in
eine Wagenburg ziehen ;-))
Ein Widerspruch in diesem Buch besteht sicherlich darin, dass einerseits für
das Anschaffen eines eigenen Hauses mit Garten (zum Gemüseanbau) plädiert
wird, andererseits aber gegen
„Sklavenarbeit“ (30-40 Stunden im Büro) und
Hypotheken. Ein wenig naiv aber durchaus sympathisch dann die
Schlussfolgerung:
„…(du sollst begreifen), dass Schulden nicht wirklich
existieren, denn wie kannst Du durch ein Fantasieprodukt versklavt werden?
Pfeif auf die Wucherer. Warum solltest du Dir etwas aus ihnen machen? Sie
sind ja sowieso zur Hölle verdammt! Grinse über ihre Drohbriefe, lache über
ihre kümmerlichen Gestalten, kichere über ihr langweiliges Leben und die
Verdammung, die sie erwartet
“.
Obwohl indem Buch gegen Maschinen (Rasenmäher, Geschirrspüler, Autos,
Fernseher) plädiert und unser gesamtes Konsumverhalten grundlegend in Frage
gestellt wird, werden Genüsse und Annehmlichkeiten keineswegs verachtet:
„Entscheidend ist nicht, dass man alle Genüsse aufgibt, sondern dass man die
Herrschaft über sie behält
“. Wie bei vielen Dingen, geht es also erst einmal
um unsere prinzipielle Einstellung.
„Es ist wichtig, zwischen den realen,
physischen Genüssen (speisen, Getränke) und der bloßen Verheißung von
Genüssen zu unterschieden, die durch Werbung vermittelt wird.
“ Wir begehren
Dinge, von denen wir annehmen, dass sie uns glücklicher machen werden und
sind dann enttäuscht, wenn wir uns diese Dinge zugelegt haben und doch nicht
recht zufrieden damit sind. Wie wahr, wie wahr!
Dass die Pharmaindustrie mit ihren Versprechungen vom schmerzfreien Leben
durch Einnahme vieler verschiedener Pillen gegen alle möglichen
„Krankheiten“ eine ganz schlimme Rolle in mitten der vielen Konsumangebote
spielt, wissen wir alle oder ahnen es. Dennoch kann ich die Argumentation,
auf (fast) alle medizinische Behandlung und Arznei zu verzichten, nicht so
unterschreiben aber die Freiheit eines jeden Einzelnen besteht ja gerade
darin, sich die für ihn passenden Thesen herauszusuchen, anzueignen und zu
verinnerlichen. Wenn mir Tabletten gegen eine Erkältung und ich meist
dadurch gar nicht erst richtig krank werde, warum sollte ich es dann sein
lassen?
Schön auch die Ansichten zum Thema Hausarbeit, die auch eine
Einstellungsfrage ist und an der man seine Freude haben kann, wie es an
mehreren Beispielen gezeigt wird. Insofern ist dieser Satz sicher auch halb
ironisch gemeint, was ihn nicht weniger richtig werden lässt:
„Letzten Endes
könnte das Reinemachen einfach eine Beleuchtungsfrage sein. Wer ein sauberes
Haus haben möchte, sollte einfach die Lichter ausknipsen und eine Kerze
anzünden.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gedicht
„Regime de vivre“ von Wilmot:
Ich steh
’ auf um elf, ich esse um zwei,
Ich betrink
’ mich vor sieben; und wenn das vorbei,
Ruf
’ ich meine Hure, und aus Angst vor schlimmem Los
Ergieß ich mich in ihre Hand und spuck
’ in ihren Schoß.Literatur/Internet:
Beat, Alan: A start in smallholding
Hoffmann, abbie: Revolution for the hell of it (Nieder mit den Spießern)
Rubin, Jerry: Do it!
(Bibel der Hippies, bekifft lesen!)
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