Die Kunst des letzten Satzes – So schreibst du ein gutes Ende (mit Beispielen aus der Literatur)

Die Kunst des letzten Satzes – So schreibst du ein gutes Ende (mit Beispielen aus der Literatur)

Der letzte Satz ist gelesen. Die Figuren treten von der Bühne ab. Es ist der Moment, in dem Leser*innen das Buch schließen und Abschied nehmen. Hier entscheidet sich, mit welchem Gefühl sie die Geschichte zurücklässt. Wie dir ein Ende gelingt, das Leser*innen begeistert und auf welche Weise du Geschichten beendest, liest du hier.

Mit dem Ende steht und fällt, wie Leser*innen deine Geschichte in Erinnerung behalten. Ein guter Anfang ist wichtig, um die Leser in die Geschichte zu ziehen, so ist ein gutes Ende genauso wichtig, doch oft entscheidender über den Erfolg einer Geschichte. Am meisten bleibt uns das Ende in Erinnerung: Das gelungene und das, dass irgendwie nicht zufriedenstellend war.

Was macht ein gutes Ende aus?

Das Ende einer Geschichte ist die logische Folge aus der vorangegangenen Handlung. Der Schluss führt alles zusammen: Lose Handlungsstränge, Antworten auf offene Fragen, er löst den Hauptkonflikt und zeigt, ob die Figuren ihr Ziel erreicht haben und wie sie sich dadurch entwickelt haben. Die Kunst des letzten Satzes ist es, den richtigen Zeitpunkt zu treffen und nicht zu früh oder mit einem langatmigen Schluss enden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Ende einer Geschichte?

Ein perfektes Ende kommt für den Leser überraschend und erscheint ihm dennoch genau richtig.

William Zinsser

Das perfekte Ende ist also eine Balance aus der Lesererwartung und der logischen Konsequenz aus dem, was zwischen Anfang und Ende steht. Um das zu erreichen, braucht es Übung und Gespür: Probiere verschiedene Enden aus und gehe nach deinem Gefühl, welche Variante am besten zur Geschichte passt.

Endet die Geschichte zu früh und zu abrupt, lässt sie den Leser mit einem unguten Gefühl zurück. Zieht sich das Ende zu lange hin, liefert eine erklärende Zusammenfassung, eine Moral oder sogar eine zufällige Auflösung (die sich nicht aus der Handlung oder den Figuren ergibt) wird sich der Leser für dumm verkauft fühlen und die Geschichte unglaubwürdig finden.

An bestimmte Genre ist meist auch eine bestimmte Erwartung geknüpft: In einem Liebesroman erwarten Leser*innen eine Happy End, bei einem Krimi, dass der Mörder und das Motiv enthüllt werden.

Einen tollen Tipp habe ich auf diesem Blog gelesen, er stammt von der Schriftstellerin Sharon Warner. Sie empfiehlt: Schreibe das Ende, bis sich fast eine neue Geschichte am Ende andeutet.

Falls du zu späten Enden neigst, gibt es auch hier einen Trick: Lies dir dein Ende durch bis zum vorletzten Absatz. Decke den letzten Absatz mit deiner Hand ab oder knicke das Papier um. Wie wirkt es? Könnte die Geschichte bereits hier enden – oder noch einen Absatz früher… oder noch früher? Dieselbe Probe geht auch umgekehrt: Fühlt sich dein Ende noch nicht ganz rund an und fehlt ihm etwas, dann schreibe noch einen Absatz und überprüfe die Wirkung.

Das Ende von Sätzen und Absätzen

Neben dem Schluss der Geschichte hat auch jedes Kapitel, jeder Absatz und jeder Satz ein Ende. In Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben widmet Roy Peter Clark ihnen ein eigenes Kapitel. Er zeigt, dass der letzte Satz oder nur das letzte Wort eines Kapitels bereits eine Andeutung des großen Finales am Ende beinhalten kann. Sobald das Ende deiner Geschichte feststeht, überprüfe die Enden deiner Kapitel.

Das letzte Wort

Das Ende mancher Geschichten ist auf ein letztes Wort hin konzipiert. Vladimir Nabokovs Roman Lolita beginnt und endet mit dem Schlüsselwort:

Anfang:
Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.

Ende:
Und dies ist die einzige Unsterblichkeit, an der du und ich gemeinsam teilhaben dürfen, meine Lolita.

Verschiedene Arten von Enden

Für das Ende einer Geschichte gibt es unzählige Möglichkeiten. Ein gutes Hilfsmittel ist es, dir den Rahmen der Geschichte bewusst zu machen oder dich für einen zu entscheiden.

Roy Peter Clark beschreibt einige davon, zum Beispiel:

  • Der Zeitrahmen: Hier gibt das Ticken einer Uhr den Rahmen vor – zum Beispiel bleibt den Figuren nur noch wenig Zeit, um etwas zu tun oder zu finden. Hier endet die Geschichte, wenn die Zeit abgelaufen ist.
  • Der räumliche Rahmen: Der Beginn einer Reise oder einer Suche führt den Leser an verschiedene Orte bis er an seiner letzten Destination angekommen ist. 
  • Den Kreis schließen: Bei einem Ringschluss beziehen sich Anfang und Ende aufeinander. Hat die Geschichte mit einer Reise begonnen, so endet sie mit einer Rückkehr: Das Ende führt zurück zum Ort des Anfangs. Der Schluss kann aber auch eine Erkenntnis oder Wiederholung eines prägnanten Satzes aus dem Anfang sein, der jetzt in einem anderen Licht erscheint.

Das lineare Ende

Bei diesem Ende fügen sich alle Handlungsstränge zusammen, es gibt keine offenen Fragen und keine Überraschungen. Ein Beispiel ist das Happy End.

Da ein solch runder Schluss unglaubwürdig wirken kann, beschreibt Fritz Gesing in seinem Klassiker Kreativ Schreiben Varianten wie den:

  • „offenen Schluss: Der Leser soll die Lösung finden, die in der Logik der Geschichte liegt.
  • ambivalenten Schluss, der weder glücklich noch unglücklich ist, aber auch nicht vage sein darf.“

Anfang und Ende schreiben

Wie du zum Ende deiner Geschichte findest, hängt von deiner Arbeitsweise ab. Manche haben das Ende bereits beim Schreiben im Kopf; andere beginnen zu schreiben, ohne zu wissen, wie ihre Geschichte endet. Beides ist möglich und ganz egal wie dein Schreibprozess aussieht: Sobald dein Entwurf geschrieben ist, solltest du dir Anfang und Ende nochmals gemeinsam anschauen.

Lege deinen Anfang und das Ende nebeneinander. Gibt es ein Motiv, einen Satz oder Ort aus dem Anfang, den du uns Ende aufnehmen kannst? Oder umgekehrt: Gibt es etwas in deinem Anfang, das du mit Blick auf das Ende umschreiben willst? Manchmal kann es sein, dass du das Ende bereits in deinem Text findest. Roy Peter Clark empfiehlt, sich den ersten Absatz durchzulesen und zu prüfen, ob sich dort nicht schon ein Ende versteckt.

Beispiele für letzte Sätze und Absätze

Um ein Gespür dafür zu bekommen, wie du das Ende einer Geschichte schreibst, ist es hilfreich, viele Enden zu lesen. Bei Romanen und Geschichten lohnt es sich, genau hinzuschauen und Schlüsselstellen wiederholt zu lesen – so fallen dir mehr Details auf, etwa, wie das Ende vorbereitet wird und welche Hinweise bereits am Anfang oder im Verlauf der Geschichte eingestreut sind.

Hier findest du sechs Beispiele aus der Literatur für ein Ende und letzte Sätze:


Mit einer Erkenntnis enden

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es dich gegeben hat.
Und weil es dich gegeben hat, werden immer Spuren von dir da sein, die über die Erde wehen.
Ich habe das an hundert verschiedenen Orten gedacht. Im Schnee. In einem dunklen Wald.
Ich denke es jetzt.
Ich denke es, da ich meinem Mann auf einem Pferd zu einer Hütte auf einer Lichtung folge, nach einem Tag in der Sonne. Sein Hemd ist am Rücken feucht und sein linker Arm nach hinten ausgestreckt, ich soll meine Hand in seine legen. Das tue ich. Seine Hand schließt sich um meine, drückt sie, und in dieser Geste denke ich an dich.

Susan Fletcher: Austernfischer

Den Titel des Romans auflösen

Noch bevor sie die ersten gebrochenen Worte ihrer Tochter vernahm, wusste sie, dass es zu spät war. Das Muster, nach dem sie gesucht hatte, war verschwunden. Schlimmer noch – es war nie da gewesen. Wie konnte es auch anders sein? Was sie sich erhofft hatte, war ein Hirngespinst, ein Traum, ein Ding der Unmöglichkeit: Wie der Regen, bevor er fällt.

Jonathan Coe, Der Regen, bevor er fällt

Mit einer Erinnerung enden

Sogar jetzt noch kann ich mir vorstellen, wie sie in ihrem purpurroten Sommerkleid und den hohen schwarzen Stiefeln durch die Zimmer des Pink Hotel stolziert. Manchmal, wenn ich blinzle, sehe ich immer noch wie sie mir von einer Tür aus zulächelt.
Anna Stothard, Pink Hotel

Der Dialog / Die offene Frage

„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Ich soll nach Hause kommen – und dann?“
Es klingt schrecklich, aber ich konnte ihr keine Antwort darauf geben, weil ich selbst keine hatte.
Howard Jacobson, Liebesdienst

Abschied nehmen

Leila sah zu, wie der Brief langsam versank, und entfernte sich vom Kanal. Zurück ließ sie nur den Abdruck ihrer weißen Pumps in der Erde.
Claire Gondor: Ein Kleid aus Tinte und Papier

Mit einer Vorausdeutung enden Ich werde deine Hand nehmen, du wirst aufstehen, und dann, dann werden wir gehen. Katharina Hartwell, Das Fremde Meer

Diesen Schluss finde ich besonders spannend: Die Zeitebene wechselt von Präsens in die Zukunft – wobei offen bleibt, ob es so eintreten wird oder nur eine Vorstellung des Erzählers ist.

Das perfekte Ende braucht Übung

Du siehst: Ein gutes Ende ist kein Zufall. Lies viel, schaue Filme und sieh dir die Konstruktion von Anfang und Ende genau an. Für das perfekte Ende braucht es womöglich ein paar Anläufe. Probiere verschiedene Enden aus und schreibe mehrere Versionen (und behalte zur Sicherheit alle davon) – bis du das Ende findest, das genau zu deiner Geschichte passt.

Quellen und weiterführende Literatur
Clark, Roy Peter (2017): Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. Handbuch für Autoren, Journalisten & Texter. Autorenhaus Verlag: Berlin
Gesing, Fritz (1994): Kreativ Schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens. Dumont: Köln.
Zinsser, William (2001): Schreiben wie ein Schriftsteller. Fach- und Sachbuch, Biografie, Reisebericht, Kritik, Business, Wissenschaft und Technik. Autorenhaus Verlag: Berlin.


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