Die heilige Familie

[Verse 5: Rihanna & Kendrick Lamar]
Tell me who you loyal to
Do it start with your woman or your man? (Mmm)
Do it end with your family and friends? (Mmm)
How you loyal to yourself in advance?
I said, tell me who you loyal to
Is it anybody that you would lie for?
Anybody you would slide for?
Anybody you would die for

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Während der Sommerferien, zu Geburtstagen oder an Weihnachten zeigen sich die Verletzungen getrennter Familien an der Oberfläche. Rituale sind das Gerüst von Familien, Gerüste wackeln an Weihnachten. Im Alltag blitzen Konfliktlinien weniger hell auf. Die Betroffenen haben meist ihren individuellen Weg gefunden, das Trennungserbe zu verwalten. Manche trainieren für den Marathon oder sie gehören einem Ernährungsdogma an. Einige werden exzessive Yogaschüler oder vielleicht Netflix-Junkies. Väter über vierzig tragen plötzlich Neon-Wollmützen, fahren Jaguar und spielen Peter Pan. Mütter melden sich auf Dating-Portalen an, schummeln bei der Altersangabe, wundern sich, dass es nur um Sex geht und weinen sich nachts in den Schlaf. Kinder entwickeln eine Objektfixierung mit ihren iPhones. Auf den Klassenchat ist Verlass. Welches Drama taugt für die nächste Insta-Inszenierung? Mad world.

Nach 8 Jahren als Mutter einer getrennten Familie kann ich den Verlauf der Schmerzlinien aus der Retrospektive betrachten. Die Zeit hat alles verdünnt, neue Rituale sind eingeübt, zwei Haushalte sind ins Leben integriert. Koffer packen ist wie Schultasche packen. Die Hälfte der Schüler einer Klasse lebt aus Weekender-Taschen. Sie wohnen in zwei Zimmern, besitzen zwei Haustürschlüssel, zwei elektrische Zahnbürsten, zwei Handy-Ladekabel. Und häufig sitzen zwei neue Menschen mit am Küchentisch: Die neuen Lebenspartner der Eltern.

Mittlerweile habe ich drei Familien aus nächster Nähe bei Trennungen begleitet. Es wird nicht besser je mehr ich auf diesem soziokulturellen Feld agiere. Im Gegenteil. Ich spüre wie meine Haltung kritischer wird, weil ich den Preis, den alle dafür bezahlen, einzuschätzen vermag. Er ist hoch.

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Die ersten Monate und Jahre nach meiner Trennung war ich mit dem Bewältigen der neuen Situation beschäftigt. Es hat mich von anderen schönen Dingen abgelenkt, die ich eigentlich gern als Frau in den besten Jahren genossen hätte. Eigentlich wollte ich mit meinem Mann lässig älter werden und in eine reife Beziehung hineinwachsen. Es ist ein bleibender Knacks.

Noch vor 15 Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich in meinem Bekanntenkreis so viele Trennungen miterleben würde. All die schönen Hochzeiten, Lebensentwürfe, die viel Potential mitbrachten. Passé.

Acht Männer kann ich aus dem Stand aufzählen, die ihre Familien verließen. Und ich frage mich, welcher Virus da unterwegs ist. Ist die Bedrohung für einen Mann über vierzig zum Spießer zu werden derart groß? Ist es eine persönliche Schlacht, die ausgetragen werden muss? Lässt sie diese Reife-Prüfung den Müttern ihrer Kinder gegenüber verstummen? Gehen sie deshalb in die innere Kündigung? Lassen sie ihre Beziehungen bewusst verdursten, heben Gräben aus? Um dann mit einer neuen Eroberung anzugeben? Ist der Lebensentwurf von Familie, der auf Loyalität basiert, mit einer Trennung eine nicht zu vermeidende Prioritätenverschiebung? 

Mein Ex-Mann negiert bis heute, dass das Auseinanderbrechen der Familie eine Zäsur in meinem Leben und in dem Leben unserer Töchter bedeutet. Es war aus seiner Sicht die logische Folge einer Zerrüttung. „Wir passen eben nicht zusammen“, sagte er lapidar beim Paartherapeuten am Ende der letzten Sitzung. Nur ein einziges Mal war der Therapeut parteiisch und zwar nach diesem Satz. „Nach zehn Jahren Beziehung gehört so eine Aussage auf den Jahrmarkt“, sagte er. Mein Mann zuckte mit den Schultern. Und packte seine Sachen.

Der Moment, in dem ich unseren Töchtern sagte, dass sich ihr Vater von mir trennen würde, und dass nun alles anders werden würde, teile ich mit unzähligen Eltern und Kindern. Ein Trauma. Alle uns verfügbaren Therapien und Pflaster wurden verwendet. Aber ich kann ablesen, wie es die seelische Entwicklung unserer Töchter beeinflusst hat. Wie häufig sie in Loyalitäts-Zwickmühlen geraten, insbesondere am Heiligen Abend. Wie blöd sie es finden, dass Vater und Mutter miteinander in ewiger Spannung stehen. Sie sind zu starken jungen Frauen herangewachsen, aber den Knacks tragen auch sie in sich. Nehmen ihn mit in ihre zukünftigen Beziehungen. Sie haben uns dabei zugeschaut wie wir das Wichtigste im Leben in einen Scherbenhaufen verwandelten. Die Heilige Familie. Ganz zivilisiert, versteht sich. Wie wir taktiert, gelitten, gekämpft und versagt haben. Das Scheitern von Beziehungen ist menschlich. Aber ist es auch unumgänglich?

Wir stecken so viel Mühe und Aufmerksamkeit in die Erziehung unserer Kinder. Prüfen Schulen und hinterfragen Lehrer, um dann kläglich an der Basis zu versagen. Loyalität, Respekt und Zusammenhalt sind die Grundfeste einer Gemeinschaft. Es ist das Fundament auf dem die Heilige Familie stehen sollte. Ein überschaubares Opfer? Nicht aus meiner Sicht. 

Ich bin nicht per se gegen Scheidungen. Wir können jedoch unsere Normen generell überdenken. Ich wäre für einen offiziellen Elternvertrag, der lebenslang dazu verpflichtet, Loyalität und Wertschätzung als oberste Prioritäten zu verstehen. Nicht die romantische Liebe der Eltern. Die ist viel zu fragil, zu anfällig für Ego-Trips. Heute muss eine Partnerschaft viel zu viel können. Wir sollten den Mut aufbringen, Erotik von der Familienstruktur abzukoppeln. Dann könnten Eltern weiterhin ihre Sehnsüchte ausleben, sich selbst verwirklichen, ohne dabei ihre Familien zu zerlegen. 

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Loyalität bedeutet Treue, aber auch Verbundenheit. Eltern sind miteinander verbunden, ob sie das im Lauf der Jahre wollen oder nicht. An der gestörten, verletzten Verbundenheit leiden jedoch unzählige getrennte Familien-Mitglieder. Und die Frage: Wie feiern wir am 24.? Hier liegt eine Chance zur Versöhnung. Ein Friedensgebot zu Weihnachten: 

Ich bin Dir nicht mehr treu, denn ich gehe raus aus unserer romantischen Beziehung. Aber ich respektiere und lebe weiterhin unsere Verbundenheit. Ich bin loyal. Verzeih mir, dass ich es nicht besser kann. Aber ich respektiere unseren unkündbaren Elternvertrag. Ich werde Dich weiterhin ehren. Denn wir sind Eltern.

Unzählige Kinder auf der ganzen Welt würden diesen Schritt zur Versöhnung auf ihren Wunschzettel schreiben. Mama und Papa sollen nicht mehr streiten. Und dafür auf ein neues iPhone verzichten.


Über den Autor:
Die Autorin Stefanie Wilke ist 1964 auf Sylt geboren, dort war es damals ganz schön wild. Sie ist am Strand unter Piraten aufgewachsen. Heute lebt sie in Hamburg und hat Magazine wie AMICA, Allegra, Emotion und enorm mit Ideen und Texten begleitet. Aktuell arbeitet sie als Texterin in einer Agentur. Das Schreiben über Psychologie und die Liebe zählt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. 

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