Die heißen nur Amis, sind aber keine

Die heißen nur Amis, sind aber keine

Das deutsch-amerikanische
Verhältnis?

Sind wir jetzt noch Freunde?, fragen diverse Zeitungen seit Monaten besorgt, seitdem Snowden offenlegte, wie die Vereinigten Staaten spitzeln. Vor einigen Tagen sagte ein US-Diplomat, dass Deutschland und die USA keine Freunde seien, dafür aber Partner. Das entrüstete manchen Journalisten. Über dieses Gerede wie "Willst du mein Freund sein?" oder "Wir sind keine Freunde mehr!" bin ich persönlich schon seitdem ich etwa zehn Jahre alt war hinweg. Damals haben wir auf dem Pausenhof oder Bolzplatz genau so gesprochen. Hab ich mich mal mit dem sonst so bösen Rainer verstanden, sagte ich meiner Mutter stolz: Wir sind jetzt Freunde; der ist voll nett. Und lief es nicht so gut, dann verkündete ich: Der Rainer ist nicht mehr mein Freund! Mit dem spiele ich nicht mehr.

Dieses infantile Getue des Journalismus' vertuscht obendrein, dass es sich bei der Beziehung beider Länder stets um eine Partnerschaft, um eine Geschäftsgrundlage gehandelt hat. Von Anbeginn an, als man die Bundesrepublik in den Westen holen wollte, damit der Osten nicht noch weiter vordringt. Es ging ferner um Absatz und Marktzugriff. Freundschaft bedeutet unter anderem auch, sich gegenseitig ohne Hintergedanken zu unterstützen. Darum ging es bei dieser binationalen Geschichte aber nie. Die heißen nur amis, sind aber keine. Und waren sie auch nie. 
Überdies ist es natürlich peinlich, wenn Reporter die begrenzte Rhetorik kleiner Kinder verwenden. Heute Freunde - morgen fragen, ob wir noch welche sind - übermorgen keine mehr sein wollen: Mir kommt das alles bekannt vor. Ich habe derzeit wenig Überblick, mit wem mein Kind nun befreundet oder schon wieder entfreundet ist. So viel anders nimmt die Öffentlichkeit die Beziehung zwischen den beiden Ländern auch nicht wahr. Wer die Welt so begreift, als Freund und Nicht-mehr-Freund, der hat den geistigen Horizont eines Zehn- bis Zwölfjährigen erreicht. Insofern ist der Kind-in-der-Badewanne-Vergleich, den NSA-Chef Alexander kürzlich anbrachte, fast schon richtig. Irgendwie scheinen die deutsche und die amerikanische Gesellschaft ja doch sehr kindlich zu sein - die Sprache, mit der man ihnen die Weltenläufte näherbringt, belegt das.
Hätte man die Gesellschaften der Nachkriegszeit nicht mit so kindischen Stilmitteln eingelullt, dann wüssten wir heute, dass die Amerikaner stets nur Kompagnons aus demselben Geschäft waren. Mit denen säuft man mal was, wenn die Geschäfte gut laufen. Befreundet ist man deswegen noch lange nicht. Das würde das Verhältnis trüben. Was, wenn der Geschäftspartner mal rausgeworfen, ausgetrickst, liquidiert werden muss? Das hemmt nur. Und Ladehemmungen kann sich im internationalen Wettbewerb keiner leisten.
Diese Interpretation von Freundschaft erinnert überhaupt mächtig an jene, die man aus der mafiösen Literatur kennt. Dort gibt es Partner, die zusammen ein Olivenölgeschäft aufgebaut haben, die sich beim Tricksen und Morden decken, die sich mit Küssen begrüßen und gegenseitig zu Familienfesten einladen, die sich aber eiskalt abknallen, wenn die Situation es gebietet. Geschäft ist Geschäft, würde jeder Corleone da sagen. Aber gut, wenn man mit Freundschaft natürlich das meint, dann sich auch die Amis wirkliche amis.
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