"Die Hälfte der deutschen IS-Jihadisten sind Studenten" - Zu den statistischen Erkenntnissen über die Syrien-Ausreisenden und der Begrenztheit ihrer Aussagekraft


Mit Statistiken ist das so eine Sache - vor allem in den Medien, aber nicht nur da. Bei den 9. Berliner Sicherheitsgesprächen (4. Februar 2015 - Bericht dazu hier demnächst) wiesen auf der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion Chef des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch und Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), auf die hohe Kriminalitätsrate unter den aus Deutschland nach Syrien ausgereisten Islamisten hin. Dem entgegnete Dr. Patrick Schmidtke, seines Zeichens Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und mithin zuständig für die Beratungsstelle Radikalisierung: Deren Erfahrung nach wären in über 90 % die betreffenden Personen nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.


Was die Validität dieser unterschiedlichen Ansichten anbelangt, schien die Sache klar. In Schmidtkes Fall hing es um eine empirisch nicht so sehr abgesicherte Einschätzung, die allein schon deshalb in ihrer Aussagekraft eingeschränkt war, weil es sich bei ihm um Fälle handelt, bei denen Angehörige oder sonstige Personen wegen der befürchteten Radikalisierung eines Nahestehenden sich melden und um Rat fragen. Maaßen und Münch hingegen beriefen sich auf eine ordentliche Untersuchung, eine, die auch in den Medien gerne zitiert wurde, liefert sie doch Ende vergangenen Jahres erstmals so recht mit Zahlen unterfütterte Informationen zu jenen "Verblendeten", die sich, gefühlt, alle der Mörderbande namens "Islamischer Staat" anschlossen.

Zu rund vierhundert, genauer: 378 Fälle wurden Daten erhoben, Stichtag war der 30. Juni 2014, und auch wenn bis Dezember die Zahlen um ca. 45 % gestiegen waren, verhieß die Auswertung aufregende Einblicke in die Gruppe dieser unheimlichen Gesellen, die womöglich das eine oder andere Klischee bestätigte. Auf Zeit Online erschien denn auch am 11. September 2014 ein Bericht, der einige Analyse-Ergebnisse präsentierte. Wie so oft - oder so schnell - in der (auch WWW-)-Presse wurde hier allerdings statistisch nicht sauber berichtet. Wobei überhaupt die Zahlen teilweise mit Vorsicht zu genießen sind.

Stutzig macht schon mal, dass es in dem Zeit-Online-Beitrag heißt: " Laut der Studie, aus der unter anderem die Berliner Morgenpost zitiert [...]", was darauf hinweist, dass die Ergebnisse selbst der Zeit-Online-Verfasserin selbst nicht vorgelegen hat. Tatsächlich finden sich auch sonst im Netz wenn es um diese empirische Erkenntnisse geht, häufig nur der Verweis auf die Berliner Morgenpost, ein zitieren aus zweiter Hand.

Wie sieht es jedoch mit der Untersuchung bzw. der Auswertung selbst aus?

Analyse der den deutschen Sicherheitsbehörden vorliegenden Informationen über die Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind - so lautet der Titel. Es ist eine gemeinsame Auswertung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz ( BfV), das BKA und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE). Letzteres ist dem Hessischen Ministerium des Inneren und für Sport unterstellt und gibt gerade mal mit einer einseitigen Zahlen-Daten-Fakten-Meldung allgemein Auskunft zu den Syrienreisenden (Stand "Januar 2015"). Von der gemeinsamen Islamisten-Analyse findet sich auf der Website des HKE nichts, seltsamerweise ebensowenig auf der der beiden anderen Partner, der des BfV und des BKA. Gelten die Zahlen als bereits zu veraltet? Auch in den Online-Pressemeldungsarchiv der Institutionen: kein Hinweis.

Fündig wird man immerhin auf der Website des ehemaligen Pädagogisch Theologischen Institut (PTI) Kassel (seit dem 1. Januar mit dem RPI, dem Religionspädagogischen Institut zusammengegangen) und zwar konkret HIER. Mit Stand 1. Dezember 2014 werden auf 32 Seiten über " Radikalisierungshintergründe und -verläufe der bundesweit insgesamt 378 Personen" informiert. Wobei die Autoren selbst die Datengrundlage relativieren: " Die Informationsdichte variiert von Fall zu Fall erheblich. Zu vielen Fällen liegen lediglich Informationen zu soziodemographischen Standarddaten vor [...]", heißt es auf Seite 5. Das bedeutet, dass zwar für allgemeine Aussagen wie Alter oder Geschlecht zu allen Personen Informationen vorlagen, nicht jedoch etwa zu der Radikalisierungsgeschwindigkeit - oder eben dem Bildungsweg. Die Verfasser gehen dahingehend immer und immer wieder selbstkritisch mit ihre Datengrundlage und den abgeleiteten Erkenntnissen um, verweisen auf die eingeschränkte Aussagekraft - eine Differenziertheit, die allerdings im "Stille-Post"-Spiel, dem Verlangen nach einfachen, knackigen Infohappen und den Verknappungsbedingungen der Berichterstattung fast unvermeidlich verlorengeht. Wenn nicht gar ganz falsch gelesen wird.

Betrachten wir konkret den Punkt 3.1.7: "Schule, Ausbildung, Studium und Beruf" (S. 11 f.). Auf Zeit Online heißt es dazu, nach dem einführenden, unrelativierten Verweis darauf, dass dem " Bericht Daten sämtlicher Länderpolizeien und Verfassungsschutzbehörden zu 378 Ausgereisten zugrunde" läge: " Ein Viertel der untersuchten Menschen besuchte unmittelbar vor der Ausreise eine Schule." Und:

" Nur 26 Prozent hatten einen Schulabschluss. Eine Ausbildung brachten sechs Prozent zu Ende, ein Studium zwei Prozent. Eine Beschäftigung hatten nur zwölf Prozent, die meisten als Geringqualifizierte mit einem Job im Niedriglohnsektor. 20 Prozent der untersuchten Personen waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos."

Das allerdings liest sich in der Auswertung anders, nicht zuletzt, weil überhaupt lediglich zu 116 der 378 Personen Angaben zum Schulabschluss vorlagen (S. 11). Was nun partout nicht heißt oder zu dem Schluss berechtigt, der gesamte Rest hätte damit KEINEN Abschluss. HKE, BKA und BfV schreiben:

" Von [den 116] haben 41 einen Gymnasial- (35%) und 31 einen Realschulabschluss (27%). Betrachten wir diese Werte im Spiegel der Angaben zum Bildungsstand der Gesamtbevölkerung der relevanten Altersgruppe '15-35-Jährige', ergibt sich ein insgesamt etwas niedrigeres Bildungsniveau (die jeweiligen Vergleichswerte lauten 43% und 35%; Statistisches Jahrbuch 2014 - Statistisches
Bundesamt 2014, 78)
". Außerdem sei bekannt, dass 73 Personen " zu/unmittelbar vor ihrer Ausreise eine Schule besuchten", 21 davon ein Gymnasium.

Weiterhin heißt es:
" Von 46 Ausgereisten ist bekannt, dass sie eine Ausbildung begonnen hatten, 23 von ihnen (50%) haben sie auch abgeschlossen.

Von 43 Ausgereisten ist bekannt, dass sie ein Studium aufgenommen hatten, acht von ihnen (19%) haben ihr Studium auch abgeschlossen.


Von 82 Personen ist bekannt, dass sie vor ihrer Ausreise arbeitslos waren. Von lediglich 46 Personen ist bekannt, dass sie vor/bis zu ihrer Ausreise berufstätig waren.


Die bekannten beruflichen Tätigkeiten sind ganz überwiegend dem gering-qualifizierten Sektor und damit dem Niedriglohnbereich zuzuordnen.
"

So unübersichtlich die Ergebnisübersicht ist bzw. sich die Mengen überschneiden (wieviele Azubis haben welchen Schulabschluss?) und unvollständig bleiben, sind ihnen gegenüber die des Zeit-Beitrags - womöglich übernommen aus anderer Quelle (vielleicht der Berliner Morgenpost?) - nachgerade eine groteske (Fehl-)Auslegung, irreführend oder gar schlicht falsch. Zudem wird über die zweimalige Verwendung des Begriffs "nur" klar wertet. Ebenso gut (oder schlecht) ließe sich aus dem Zahlen die Schlagzeile "Fast so viele Studenten wie Auszubildenden unter Deutschlands Jihadisten" konstruieren (inklusive "NUR 20 Prozent der untersuchten Personen waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos." Wobei die "20 Prozent" selbst wieder bestenfalls fragwürdig sind).

Das bedeutet jetzt freilich nicht, dass Jihad-Touristen und -Auswanderer im statistischen Mittel KEINE Bildungs-, vor allem aber Berufsversager sind. Es heißt nur, dass sich keine ernsthaften Aussagen aus der so vorliegenden Analyse ableiten lassen, wie es Zeit Online oder sonst wer getan hat.

Dieses Beispiel ist nun nicht nur so bemerkenswert, weil er einen kognitiven, heuristischen Fehlschluss ( fallacy) veranschaulicht, bei dem die verfügbaren Informationen absolut gesetzt bzw. als verkleinerter, maßstabsgetreuer Ausschnitt aus der Gesamtheit des potenziellen Wissens, der Realität herangezogen, gar womöglich wahrgenommen werden. Dies spräche für das dringende, fast verzweifelte Bedürfnis nach Erklärung von/zu dem emotionalisierenden Themenkomplex Salafismus, Home-Grown-Terrorismus und "Islamischer Staat" (samt dessen Attraktionspotenzial trotz verbreiteter Grausamkeiten). Zudem verweist es auf (belegt aber freilich nicht:) einen "Confirmation Bias", der eine bestimmte, diskursiv verfestigte, ideologisch untermauerte und politisch relevante Ausdeutungsart von Syrienreisenden, ihren Motiven, biografischen Dispositionen und Charaktereigenschaften unbedingt wahr-haben will.

Jihadisten als vor allem junge, orientierungslose, abgehängte, marginalisierte (und daher:) Straftäter - das pflegt das sozialdramatische Bild eines allgemeinen Gesellschafts- und Wirtschaftsopfers, dem aber auf diesem Level auch emotional und kollektivpsychologisch "einfach" zu helfen ist und das man in seiner Unverständigkeit wieder versteht. Die Globalisierung, die moderne Medien- und Kommunikationskultur tun in diesem Vorstellungsmodell als Faktoren wie Buhmänner ihr Übriges (wobei das Internat bei der Radikalisierung auch nach der Untersuchung nicht in der Rolle bestätigt wird, die ihm bisweilen zugesprochen wird - gerade was die Geschwindigkeit des Prozesses anbelangt).

Haben nun Maßen und Münch von BfV und BKA Recht, was die Kriminalitätsquote anbelangt? Zu 249 Ausgereisten liegen Informationen dahingehend vor, 117 davon haben vor Beginn der Radikalisierung Straftaten begangen. Das sind keine 50 %,. Und ab welchem Moment die Radikalisierung genau einsetzt, dass man klar in ein "Vor" und "Nach" seines Beginns einteilen kann, erläutert die vorliegende Auswertung nicht.

zyw

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