Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

Hallo, mein Name ist Mary und ich bin eine reinrassige VDH Siegel Siberian Husky Hündin. Da ich Eure Menschensprache nicht beherrsche - was aber nicht heißt, dass ich nicht ausgiebig mit meiner Musherin kommunizieren könnte - habe ich eben diese Musherin gebeten, meine Geschichte zu erzählen:
Ich wurde am 13.09.2007 bei meiner VDH Züchterin als reinrassiger Siberian Husky in einem Kennel für Rennhuskies geboren. Die ersten Zeit durfte ich mit meinen Geschwistern und meiner Mutter verbringen. Dann, mit 12 Wochen, wurde ich an einen berenteten sportlichen Herrn nach Bayern verkauft. Jetzt wurde es plötzlich sehr aufregend für mich  - ich zog in eine Wohnung, wurde viel gestreichelt und liebevoll umsorgt und habe es wirklich genossen.
Ich wuchs zu einer sehr lebhaften Junghündin heran - und nun wurde mein Leben plötzlich schwieriger. Ich war "wild wie eine Wölfin", sagte mein erster Besitzer. Da er keinen Garten hatte, konnte ich mich nur an der Leine bewegen und mich nie so richtig austoben. Weil ich aber so wild war, gab es auch wenig Ausflüge zu belebten Orten. Somit ergab sich für mich eigentlich kein Kontakt zu fremden Menschen oder gar Hunden, d.h. zweimal hatte ich Hundekontakt - und wurde gebissen!! Daraus lernte ich sehr vorsichtig zu sein und ggf. auch abwehrbereit.
Bewegung bekam ich zwar ausreichend beim Joggen mit meinem Besitzer - nur war diese gleichförmige Bewegung für meine jugendlichen Gelenke nicht so vorteilhaft wie die wechselnden Bewegungen des Spiels - und natürlich auch nicht so lustig. Daher gelang es mir häufig, mich mit meinem wilden Verhalten  aus dem Gurt zu befreien - ich rannte zwar nie auf und davon, denn ich  wollte eigentlich ja nur spielen - aber mein Besitzer hatte noch nie einen Hund gehabt und verstand das alles nicht. Aus meiner Hundesicht - denn wir Huskies reagieren sehr deutlich auf Körpersprache - ging er immer gleich zum Angriff über: Er sah mich direkt an, beugte den Oberkörper vor, sprang auf mich zu und knurrte laut so etwas wie: "Hier!" Ich bekam jetzt richtig Angst und rannte noch schneller davon... so ging das eine ganze Weile, bis er mich dann irgendwann doch fing.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

Mary entspannt im Freilauf

Noch heute kann ich aus Hundesicht unfreundliche Menschen nicht leiden. Das sind Menschen, die mich direkt ansehen, sich vorbeugen und vielleicht noch nach mir greifen wollen - da verbelle ich sofort!! Meine Rute klemmme ich aber ängstlich ein - man weiß ja nie, was diese Menschen vorhaben! Gerade Männer, besonders ältere Herren, müssen sich mir auf Hundeart galant nähern, wollen sie bei mir eine Chance bekommen: Wenn sie seitlich an mir vorbei sehen, sich abschnüffeln lassen - und mich dann vorsichtig an der Schulter berühren - dann bin auch ich freundlich. So wurde ich in meiner Jugend zwar sehr geliebt, sicher wollte mein Besitzer nur das Beste für mich - aber er hat mich halt einfach nicht verstanden - leider!
Als ich ein halbes Jahr alt war, erkrankte mein Besitzer ernsthaft. Seine Familie wollte mich nicht behalten, da ich so wild war und es schon einen Unfall durch mein starkes Ziehen mit schweren Verletzungen auf menschlicher Seite gegeben hatte. Ich mußte also wieder weg - ein schlechter Zeitpunkt, so mitten in der Pubertät! Aber da mein Besitzer mich so liebte war zum Glück klar - ins Tierheim nicht! So durfte ich wieder zurück zu meiner Züchterin. Da hier aber immer mehrere Hunde im Zwinger zusammenleben und ich doch vor Hunden durchs Gebissenwerden solche Angst bekommen hatte, war es für mich nicht einfach. Auch bekam ich den Eindruck, dass die anderen Huskies irgendwie leichter miteinander "Sprechen" konnten - ich hatte ja keine Möglichkeit gehabt, meine Hundesprache weiter zu verfeinern. Daher kam ich leicht in Stress und zeigte ängstliches Abwehrverhalten insbesondere anderen Hündinnen gegenüber. Gesteigert wurde meine Angst noch durch eine Schreckschussanlage einer benachbarten Gärtnerei. Daher wurde schnell klar, dass ich auch bei meiner Züchterin nicht mein endgültiges Zuhause finden würde.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

Scootertraining in Lead


Mit knapp 1 Jahr holte mich dann ein Mitteldistanzmusher aus Norditalien in sein Team.
Ich durfte meine erste Saison mit noch kürzeren Strecken vor Wagen und Schlitten laufen. Ich lebte mit ca. 10 weiteren Huskies  in einem großen Rudel im Gehege. Da ich neu und jung war, versuchte ich mich einzufügen, was auch erstmal gelang. Aber ich war ständig gestresst durch den Druck des großen Rudels, was sich auch darin äußerte, dass ich trotz gutem und ausreichendem Futter seht dürr war... Im nächsten Winter wurde ich dann für`s Mitteldistanzteam trainiert, dass heißt Strecken zwischen 40-60 km pro run. Das habe ich nie geschafft, ich war zu dünn und zu groß, - nach 30km war ich so überhitzt und fertig, dass mein Musher mich immer in den Schlittensack setzen mußte... er war zwar nie richtig sauer, aber als sein Liebling hab ich mich auch nicht gefühlt und dann noch der Druck im Gehege mit meinen Rudelmitgliedern.... als ich dann zweieinhalb und erwachsen war wurde mir alles zu viel... denn mittlerweile war ich eine große, ja sogar zu große (darum wurde mir beim Rennen immer so heiß) Hündin und bemerkte meine Kraft. Um Ruhe zu haben, begann ich alle anderen Huskies wegzubeißen. Schon nach kürzester Zeit mußte ich dann allerdings in eine Flugbox umziehen und konnte diese nur zum Lösen kurz verlassen. Das ist natürlich furchtbar für eine junge Huskyhündin, die laufen und arbeiten will...das fand mein Musher auch und versuchte mich wieder kurzfristig in Deutschland bei meiner Züchterin unterzubringen. Denn in Italien befürchtete er, dass der nächste Musher, wenn ich wieder schwierig würde oder zu wenig Leistung brächte, mich einschläfern lassen könnte. Nur ergab sich diesmal bei meiner Züchterin kein Platz für mich ...da brachte mein Musher mich kurzerhand nach Deutschland in einen befreundeten Kennel.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

selbstsicher, auch wenn`s schwierig wird

An die deutsche Sprache konnte ich mich zwar noch erinnern - aber als ich dann dort mit einem zwar charmanten aber doch fremden Rüden die erste Nacht in unbekannter Umgebung im Zwinger saß und rundherum andere Huskyzwinger - da bekam ich wieder Panik!! Erst heulte ich, doch dann ging ich zur Tat über - ich versuchte auszubrechen! Da es eine professionelle Zwingeranlage war, gelang es mir nicht, aber ich hörte am nächsten Morgen den menschlichen Chef sagen: "Zwingerstäbe verbogen, dass hat bisher noch kein Hund geschafft!" Nun ich wurde auch noch läufig, der Rüde mußte mich verlassen, andere Hündinnen oder Kastraten biß ich lieber gleich raus... ich war also wieder allein, nur die Menschen versuchten mich bestmöglich zu bespaßen... so ging es einige Wochen... bis, ja bis meine jetzige Musherin auftauchte, aber jetzt kann sie ja selber weitererzählen:
*****
Im September 2010 fuhren wir zu einem  bekannten Husky-Kennel Nähe Regensburg, auf den ich über das Buch "Der Siberian Husky" aufmerksam geworden war. Zuvor war ich schon fast ein Jahr auf der Suche nach einem verantwortlich züchtenden Huskykennel, um einen Welpen erwerben zu können. Leider sagten mir bis dato trotz VDH Siegel und Leistungsnachweis die besuchten Kennel nicht zu, da ich den Eindruck bekam, dass hier "Sportgeräte" produziert, aber nicht Siberian Huskies mit all ihren Facetten gezüchtet wurden.
Die Züchterin schrieb mir zuvor schon von dem "Nothund" Mary und das diese ein kleines Rudel, keine Mitteldistanzrennen und wenn möglich Hauszugang bräuchte - wir könnten ihr das bieten und waren auf dem Weg sie kennenzulernen. Als sie aus dem Zwinger in den Auslauf kam, rannte sie wie wild, beachtete uns erst nicht und zeigte sich eher ängstlich. Ein in die Hocke gehen meinerseits  ermöglichte ihr dann die Kontaktaufnahme. Wir machten einen Probespaziergang , unser Hound war natürlich auch dabei...und es schien zu passen. Mary entspannte sich und ein tiefer Blick in ihre Augen (den sie von mir ertrug) besiegelte meine Entscheidung...
Mary fuhr mit uns heim.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

Mary und ihr neuer Freund

Nein, unproblematisch war unsere erste gemeinsame Zeit nicht. Schon am zweiten Tag viel Mary über den kastrierten Bearded Collie einer Bekannten her, wir waren vorbereitet, so dass kein ernster Schaden entstand. Ab dem 3. Tag versuchte sie  nach dem Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung" unseren Hound zu unterdrücken, sie drängte ihn in eine Ecke und ließ ihn nicht mehr raus. Nun, hier war ich als Rudelchef gefragt, der Hound zog aufs Sofa zu meinem Mann und nun war ich diejenige , die Mary den Rest des Tages stark territorial begrenzte - und siehe da, irgendwann rollte sie sich vor meine Beine und gab ihr Verhalten innerhalb unseres Rudels auf. Damit war die Basis für die weitere Arbeit geschaffen.
Wir trainierten täglich den "Hundknigge: Sitz, Platz,Fuß, Hier und Freilauf", wobei der Schlüssel zum Erfolg in einer vom Timing korrekt eingesetzten menschlichen Körpersprache lag. Nebenbei begannen wir das Training vor dem Huskyscooter in LEAD (Position vorne, Hund muß Richtungen, Überholmanöver etc. lernen)... es war harte Arbeit, die uns aber allen Freude bereitet und Mary lernte schnell... mittlerweile ist sie meine Musterschülerin und schon fast beängstigend lieb.
Auch emotional stabilisierte sie sich mit der Zeit... viel Zeit. Sie braucht über 4 Wochen, bis sie das erste Mal auf der Seite schlief, in den ersten Monaten hatte sie regelmäßig Angstträume, in denen sie fast schrie, zog sich im ersten Jahr sehr oft zurück, wollte nur ihre Ruhe, spielte kaum, nahm nur zögerlich an Gewicht zu. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis sie Streicheleinheiten von meinem Mann genießen konnte und ein dreiviertel Jahr bis sich Besucher in unserem Haus bewegen konnte, ohne dass sie von Mary ständig kontrolliert wurden (die Hausleine gab ihr in solchen Situationen durch die Verbundenheit mit mir zunehmend Sicherheit) ...diese sind nur wenige Beispiele, die die Situation verdeutlichen sollen.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

freies Spiel

Aber wir haben es geschafft, unser gegenseitiges Vertrauen wuchs, Mary ist nun ein auch alltagstauglicher Hund: Städte, Restaurants und Hotels, fremde Menschen, schwierige Gebirgspfade und sogar Hängebrücken - kein Problem mehr, nur von fremden Hunden hält Mary lieber noch Abstand , canidentypisches Bogengehen halt -  und im Gespann ist sie meine Verlaßleaderin. Letzten Winter im Schneesturm vertraute ich ihr blind (meine Brille war vereist)... und sie führte uns sicher zurück!

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

Verlaßleaderin


Warum ich diese Geschichte erzähle?
Weil Mary beide Schicksale, das als Husky eines überforderten Haushundebesitzers und das als Husky des enttäuschten Mushers, erleben mußte. Sie hatte Glück im Unglück, weil sie immer auch auf Menschen stieß, die versuchten  ihrer moralischen Verantwortung innerhalb ihrer Möglichkeiten nachzukommen. Aber das Unglück begann, weil ihre Züchterin ihre moralische Verantwortung nicht ernst genug nahm.
Denn im persönlichem Gespräch mit der Züchterin stellte sich heraus, dass diese weder wußte (also auch nicht danach gefragt hatte), dass der Erstbesitzer keinerlei Hundeerfahrung hatte und auch nicht, dass der Zweitbesitzer seine Huskies im großen Rudel hielt. Denn wäre sie hier ihrer züchterischen Verantwortung in Form der kompetenten Vermittlung nachgekommen (und es hätte sie je nur eine Frage gekostet), wäre schnell klar gewesen, dass der berentete Herr ohne Hundeerfahrung mit einem jungen Husky aus einer Arbeitslinie überfordert sein wird.Da hätte man zB als Laufbegleitung zu einem Labrador  o.ä.raten müssen, oder zumindest zu einem gut sozialisiertem älteren Husky.Der Käufers selbst hatte sich informiert, sich sogar ein Buch über Huskies angeschafft - aber wenn man keine Ahnung von Hunden hat, ist natürlich die manchmal schwierige Erziehung des Huskies nicht vorstellbar. Hier wäre Aufklärung und Erfahrung  des Züchters, der Rasse und Hunde kennt, gefragt gewesen.
Auch fiel der Züchterin nach Marys Rücknahme auf, dass Mary ängstlich-aggressives Verhalten, insbesondere anderen Hunden gegenüber, zeigte. Das Mary damit dem Druck einens großen Rudels nicht gewachsen ist und sich die Angstaggression verstärken würde, wäre vorhersehbar gewesen. Darüberhinaus ist es ein züchterischer Fehler, Huskies wegen einem vermeindlichen Gewinn an Schnelligkeit zu groß zu züchten, gerade im Mitteldistanzbereich war auch hier mit Distanzlimitierung auf Grund von Hyperthermie zu rechnen (s. Offener Brief VDH/ Working Siberian Husky).
Diese Geschichte zeigt eindrücklich, wie viel Verantwortung beim einzelnen Züchter liegt und wie stark dieser das Schicksal des einzelnen Hundes und auch der Rasse beeinflussen kann.Und all das kann passieren, weil es keine Kontrollinstanzen gibt und keine Institution, die die Interessen der Hundekäufer-/Besitzer vertritt. Der Hund ist keine Ware sondern ein hochsoziales Lebewesen, welches wir von uns abhängig machten. Daher sind wir alle, ob Züchter, Hundehalter oder Hundefreund hier in der moralischen Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Zucht und Haltung zum Wohl des Hundes geschieht.
Aber selbst wenn wir die Geschichte nur unter geschäftlichem Aspekt betrachten fehlt es an Moral - auch dem Menschen gegenüber. Denn der VDH wirbt mit dem "Gütesiegelversprechen" bezüglich Welpengesundheit und Vermittlung. Der Erstbesitzer als hundeunerfahrener Mensch hat sich hierauf verlassen, hat dafür auch den teuereren Welpenpreis bezahlt - und wurde nicht aufrichtig beraten, bekam ohne Hinweis darauf, dass es vielleicht schwierig werden könnte, den Welpen. Diese Fehlberatung führte durch das für den Besitzer nicht beherrschbare Ziehen der Hündin zum Sturz eines Familienmitglieds mit schlimmsten Verletzungen im Kopfbereich.

Die Geschichte von Mary, einer Siberian Husky Hündin

einfach nur zum Liebhaben

Und auch der Zweitkäufer zahlte den "Gütesiegelpreis", wurde aber nicht über die angstaggressive Tendenz der Hündin informiert, die später dazu führte, dass der Musher die Hündin abgeben mußte.
Außerhalb des VDH nennt man so etwas, glaube ich, betrügerisches Gebahren. Damit beantwortet sich doch die Frage, was vielen Züchter und dem VDH eher am Herzen liegt, das Wohl des Hundes oder der wirtschaftliche Erfolg, eigentlich von selbst. Dieser Zustand ist nicht weiter tragbar - wir brauchen eine neue züchterische Ethik und gesetzliche objektive Kontrollen - zum Wohle der Gesundheit und des Erhalts unserer Rassehunde!
Daniela Pörtl
mehr zum Thema:
  • Offener Brief an den VDH zum Working Sibirian Husky 
  • Hundezucht: Allein mir fehlt (noch) der Glaube
  • Offener Brief an den VDH zur Zuchtpraxis mit erbkranken Hunden
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