Die gefühlvollsten Texte entstehen wohl im Namen der Frau

Erstellt am 11. Dezember 2010 von Andramas

Zufall findet statt.

Ich entdeckte Kästners Gedicht  “Plädoyer einer Frau”.

“…

Und so umarmt man sich mit fremden Leuten
Und wird zu einer von den vielen Bräuten,
Die sich nur lieben lässt und selbst nicht liebt.

Die Zeit vergeht, Geduld ist keine Ware.
Man sucht nicht mehr. Man findet ab und zu.
Man sieht vom Fenster aus die Jagd der Jahre.
Man wartet nicht mehr auf das Wunderbare.
Und plötzlich kommt es doch! Denn nun kommst du.

…”

Denke nach.

Erinnere mich an die Liebesgedichte des jungen Volker Braun.

“…alle Natur ist mit dem Gleichen beschäftigt.
Das zu denken ist schön…”

Und:

“…in seinen Gedanken, plötzlich,
Finde ich meine.”

Geschrieben im Namen der Frau. Von einem Hetero-Mann.

Vermute fast, dass es das Genre “androgyne Texte” gibt. Geben sollte. Das Schönsten Gefühlvollste Schönste vom Mann wird im Namen einer Frau formuliert. Wider der Vorurteile, weil… – ein Mann soll wohl nicht so tief empfinden können. Glaubt man(n). Auch Thomas Mann.

Denke nun an “Joseph und seine Brüder” – Die Bibelinterpretation…

Potiphars Weib schickt sich an, Josef zu verführen.

“…schenke mir all deine Jugend und Herrlichkeit
Und ich will dir geben Wonne, wie du sie nicht zu träumen wagtest…”

Das Werben einer Frau, geschrieben von einem der Manns, vorgetragen von einer Frau wiederum – und so wunder-wunder schön! Und hierzu die Interpretation zum Vortrag des Textes – von dem Giesela Mays – ebenfalls die Interpretation eines Mannes (von Christoph Funke, 1977):

“… In Seufzern, Hauchern und Pausen macht sie die drängende Begierde des lüsternen Weibes deutlich, die Steigerung in eine zwingende, die Stimme hochreißende, fast atemlos stürmende Leidenschaft – und das Herabgleiten von solcher Höhe der Erregung zum Leisen, Zärtlichen, Drängenden, das sich langsam und umso wirkungsvoller entfalten will. Im plötzlichen Lispeln – einem Effekt Thomas Mannscher Erzählkunst zwischen Heiterkeit und Entsetzen – wird das Mordangebot groß aufgemacht, bis zur wilden Drohung gesteigert, die schließlich in einem fassungslosen Zusammenbruch endet.”

Noch bin ich auf der Suche nach weiterem Baumaterial und frage mich dabei auch, ob es Vergleichbares in der russischen Lyrik gibt.

—> Manche Zitate kommen aus dem Gedächtnis, daher vielleicht abgestoßen von dem Lauf der Zeit, und das anstehende Posting präsentiert sich noch als Baustelle. Derzeit wird hier immer noch vermessen, erst danach kann die Statik berechnet werden.

* * *

Vielleicht – überlege ich nachträglich – kommt es deshalb so schön, weil man(n) es sich, das Andere, so vorstellen möchte.


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