Die etwas andere Geschichte der Euro-Krise

Von Marc Schanz
Die Euro-Krise ist historisch, keine Frage. Die Inflation an geschichtlichen Bezügen ist daher verständlich. Gerne wird im Hinblick auf unseren Austeritätsautismus der selige Herr Brüning erwähnt, oder Griechenland soll sich doch bitte ein Beispiel an der Argentinienkrise nehmen und sich deren Moral zu Herzen nehmen. In eine humoristische Kategorie fällt die absurde These des Herrn Sinn, Griechenland habe von Deutschland bereits eine Art Marshallplan erhalten. All diese Geschichten haben gar nicht so viel Beine, wie sie zum Hinken benötigen. Ich möchte daher eine etwas andere Geschichte der Euro-Krise erzählen, und zwar ohne historische Bezüge, ohne Moral und frei von Emotionen. Bei verworrenen Konstellationen hilft mir stets eine solche Versachlichung, um mir wieder die notwendige Klarheit zu verschaffen.
Machen wir eine kleine Zeitreise in die krisenfreie Ära vor der Einführung des Euros. Jedes Land hatte seine eigene Währung. International agierende Konzerne und Unternehmen mussten bei einem länderübergreifenden Warenaustausch nicht nur hohe Verwaltungskosten schultern, sondern auch die Ausfallrisiken dieser Auslandsüberweisungen tragen. Auf der Suche nach der Lösung dieses Problems wurde die Idee der Gemeinschaftswährung geboren. Der Euro hatte somit das Ziel, den innereuropäischen Warenaustausch zu vereinfachen, sowie kostengünstiger und risikoärmer zu gestalten. Es gab noch eine politische Vorgabe: die No-Bailout-Klausel, kein Land darf für das andere haften.

In Zukunft sollten die Risiken der länderübergreifenden Finanztransaktionen nicht mehr von der produzierenden Wirtschaft, sondern von den Finanzmärkten getragen werden - so wie es sich gehört. Im Grunde war es kein schlechter Plan, eigentlich konnte nichts schief gehen. Im Nachhinein wird jedoch deutlich, der Euro wurde zu einer Schönwetterkonstruktion. Woran liegt das? Der entscheidende Punkt war, die Währungsunion so zu gestalten, dass die Risiken und somit die Haftungsfragen jederzeit und eindeutig den Mitgliedsländern zugeordnet werden können. In Wahrheit ist das ein nicht aufzulösendes Dilemma.

Die Finanzmärkte übernahmen bereitwillig das Risiko, Staaten und Geschäftsbanken mussten sich wie gewohnt an den Finanzmärkten finanzieren. Jedoch hat sich aufgrund der Währungsunion die Stellung der nationalen Notenbanken und der Staaten fundamental geändert. Beiden wurden durch die Regeln der Währungsunion Fesseln auferlegt, die vergleichbar mit einem Korsett eines Goldstandards sind. Die nationalen Notenbanken müssen sich bei der Geldschöpfung den Regeln der Währungsunion unterwerfen. Für den Staat ist der Beitritt zur Währungsunion ein weitreichenderer Schritt, als er auf den ersten Blick erscheint. Bei seinem Eintritt gibt er seine Souveränität über die eigene Währung ab, er verliert die Kontrolle über die eigene Notenbank und, dieser Fakt wird meist übersehen, er tritt die Verfügungsgewalt über seine Altschulden an die Währungsunion ab. Denn mit der Umwandlung der Schulden in eine Fremdwährung - nichts anderes ist die Gemeinschaftswährung für seine eigenen Mitglieder - sind sie außerhalb seiner Wirkungsspähre. Normalerweise kann ein Land seine Neu- und Altschulden, die er in seiner Währung hat oder aufnehmen muss, immer bezahlen, da er sie im Notfall mit selbst gedrucktem Geld begleichen kann. In einer Währungsunion ist dieser Notfallmechanismus nicht mehr möglich.
Den Nachteilen des Beitritt, der Souveränitätsverlust und das Korsett der Währungsunion, stehen nur marginale Verbesserungen gegenüber. Vor allem der Staatsfinanzierungsmechanismus der Währungsunion steht auf wackeligen Beinen, da er nun alleinig auf einem funktionierenden Finanzmarkt fußt - ohne Sicherheitsnetz wie zuvor.
Die Euro-Währungsunion hatte einen guten Start. Weichwährungsländer nutzen den Vorteil einer vergleichsweisen harten Währung und bekamen vom Markt das Signal: das ist gut so, macht weiter! Ja-ha, so war das, so begann der ganze Irrsinn! Die entscheidenden Fehlentwicklungen ereigneten sich bereits weit vor Ausbruch der Finanzkrise. Während alle auf die Staatsverschuldungsquote schauten, konnten sich riesige Ungleichgewichte im Privatsektor aufbauen. Sie versteckten sich unbemerkt in den Finanzmärkten. Das war ja auch das erklärte Ziel, was soll denn daran das Problem sein? Die Krise hat unbarmherzig den Fehler der Märkte offen gelegt, sie haben die Bewertung der Risiken auf der Grundlage einer falschen Vorstellung über die Haftungsfragen der Währungsunion vorgenommen. Die Risiken wurden als vernachlässigbar angesehen, da die Finanzakteure eine gemeinschaftliche Haftung an nahmen, jedoch sind Implikationen der komplexen Struktur der Währungsunion eine ganz andere, die Ausfallwahrscheinlichkeit ist daher weitaus höher.

Lehmann kollabierte und die Finanzkrise brach aus, Griechenland geriet in Schieflage und die No-Bailout-Klausel der Währungsunion wurde heftig in der Öffentlichkeit diskutiert. Alles schien noch normal zu sein, zwei Stresstests kamen zu aus heutiger Sicht erstaunlich beruhigenden Ergebnissen. Wie kam es zu dieser offenkundigen Fehldiagnose? Die Tests schauten zwar auf den richtigen Sektor, die Banken, hatten jedoch einen blinden Fleck: die Zentralbanken. Erst Hans Werner Sinn gebührt die Ehre, die Fieberkurve der Währungsunion entdeckt, aber nicht verstanden zu haben: auf dem Target2 System der nationalen Notenbanken bildeten sich beunruhigende Ungleichgewichte. Sie lassen zwar keinerlei Rückschlüsse auf die eingegangenen Risiken zu, zeigen jedoch indirekt den Stress des jeweiligen Bankensystems an. Die Traget2 Salden liefern den entscheidenden Hinweis, was mit Ausbruch der Krise geschehen ist: als den Finanzmarktakteuren ihr eigenes Versagen klar wurde - ihre komplett falsche Risikoeinschätzung - stießen sie die Risiken ab und nutzten das sichere Target2 System als letzte Zuflucht. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: in der Euro-Zone ist der Finanzmarkt für innereuropäische Transaktionen zusammen gebrochen und in dessen Folge brach zugleich die Basis der europäischen Staatsfinanzierung weg. Er wird nur noch über einen künstlich absurden Kreislauf am Leben erhalten. Die Notenbanken finanzieren den Ankauf der Staatsanleihen der Banken und diese deponieren sie im Target2 System.

Die Währungsunion sollte die finanziellen Risiken von den europäischen Wirtschaftsunternehmen auf die Finanzmärkte übertragen. Dies ist eine Zeit lang nur vordergründig gelungen. Mehr als zehn Jahre lang konnte sich unbemerkt das Unheil aufstauen, auch jetzt wird die Ursache der Krise falsch gedeutet. Die Mechanismen der Euro-Währungsunion wurden weder von ihren Konstrukteuren, den „unfehlbaren“ Finanzmärkten, noch den Troikas der Krisenrettern richtig verstanden. Die überkomplexe Gestaltung der Haftungsfragen der Währungsunion führte zu katastrophal falschen Bewertungen der Risiken, die sich im Finanzsystem befanden und noch befinden. Innerhalb der Währungsunion floss die Liquidität ungehindert und aufgrund der Fehlbewertungen fanden auch unsichere Zahlungen statt, die niemals hätten erfolgen dürfen. Es kam schon seit Bestehen der Währungsunion zu Fehlallokationen, deren Schaden heute keiner vernünftig beziffern kann. Eine Umkehrung dieser schädlichen Entwicklung ist nicht mehr möglich.
Das Korsett der Währungsunion wird für die Krisenstaaten zur tödlichen Falle. Die Finanzströme innerhalb eines Landes, die bei einer eigenen Währung theoretisch niemals gefährdet sind, drohen aufgrund des Konstruktionsfehlers der Währungsunion zum Erliegen zu kommen. Die No-Bailout-Klausel wird zu einem ökonomischen und gesellschaftlichen Todesurteil. Das Dilemma der Krise der Gemeinschaftswährung ist, dass die Zahlungsströme innerhalb der jeweiligen Krisenstaaten nur noch auf Kosten der anderen Mitglieder sichergestellt werden können.
Griechenland ist nur das Schwächste Glied in dieser langen Kette an Unfähigkeit und Versagen. Griechenland ist nicht Täter, sondern Opfer. Wieso sollte eines der kleinsten Länder der Währungsunion die ganze Gemeinschaft gefährden können? Das ist nur möglich, wenn es einen Systemfehler in der Währungsunion gibt.
Im Alltag haben wir sehr wohl verstanden, dass wir, wenn es um Fragen des Geldes geht, Gefühl und Moral unter allen Umständen ausblenden müssen. In der Euro-Krise können wir das nicht, warum ist das nur so?


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