Die ersten Seiten aus dem zukünftigen dritten Band

1 Wintertage

Samuel verbrachte seine erste Nacht in Snyders Mill im großen Hundehaus. Er schlief lange und kam erst herunter, als im Kennel schon längst alles erledigt war. Der Junge stand plötzlich vor unserer Haustür und klopfte. Verlegen fragt er, ob er etwas zu essen haben könnte. Er errötete. „Sir, ich will ja nicht stören, aber ich weiß nicht wo ich etwas zu essen bekommen kann. Ich habe Hunger.“ „Zuerst einmal guten Morgen!“ Ich sah ihn tadelnd an. „Sir, guten Morgen, Sir!“ Ich fragte mich, wo er diese übertrieben ehrerbietige Art der Anrede gelernt hatte. „Ein einfaches Guten Morgen reicht hier völlig aus.“, ermahnte ich ihn, „Du musst hier keine Schleimspur legen.“ „Entschuldigung!“, druckste er herum. „Komm erstmal  herein. Dann sehen wir, was noch da ist.“ Ich bedeutete ihm mit einem Kopfnicken herein zu kommen und nach links in die Küche zu gehen.

Sandra war noch dabei die Küche aufzuräumen, damit unsere gute Fee, wie wir sie nannten, nicht im Chaos stände. Alysha musste jeden Moment kommen, um uns den Haushalt zu führen.  „Sandra, ist noch etwas vom Frühstück übrig. Samuel hat drüben nichts mehr gefunden.“, wandte ich mich an meine Frau. „Ich habe noch Pfannkuchen und einen Rest Bratkartoffeln.“ Sie sah den Jungen fragend an. „Danke, gern!“, antwortete er und setzte sich an den Küchentisch, ohne, dass ich ihn dazu aufgefordert hätte. Irgendetwas war seltsam an dem Jungen. Das Lumpenimage passte nicht recht zu ihm. Auch erinnerte mich seine Ausdrucksweise eher an eine Kadettenakademie, denn an ein Kind aus einfachsten Verhältnissen. Ich beschloss in den nächsten Tagen ein Auge auf ihn zu haben. Er schien mir dafür einfach zu höflich. Ich erinnerte mich an die Umgangsformen, die mir meine Eltern immer wieder eingebläut hatten.

Sandra stellte ihm eine Teller hin und ich beobachtete, wie er da saß. Er hielt sich betont aufrecht, die Ellenbogen dicht am Körper gehalten. Die linke Hand ruhte wie selbstverständlich leicht auf dem Tischtuch, während er den Teller mit der Rechten in Empfang nahm und vor sich absetzte. Zwar benutzte er keine Serviette, aber er aß mit Messer und Gabel, anstatt wie andere Jungen eine Gabel in der rechten Hand haltend, alles in sich hinein zu schaufeln. Das war definitiv nicht das Verhalten eines Jungen aus der tiefsten Unterschicht. Ich war neugierig zu erfahren, wer er in Wirklichkeit war. „Möchtest du etwas zu trinken?“, fragte Sandra. „Ja, Mam, bitte!“ Sandra stellte ihm einen Becher Kaffee hin und sah mich verstohlen an. Sie wunderte sich auch über unseren seltsamen Neuling. Ich holte mir auch noch einen Kaffee und setzte mich zu ihm. Sandra tat es mir gleich und setzte sich ihm gegenüber.

„Samuel, wir hatten noch keine Gelegenheit uns zu unterhalten. Wie alt bist du und woher kommst du?“, begann sie. „Mam, ich bin 17 und komme aus Denver, Colorado.“ Meine Frau versuchte mehr aus ihm heraus zu bekommen, aber er wiederholte genau die Geschichte, die er auch mir erzählt hatte. Es klang wie ein auswendig gelernter Text.

Einen Moment später klopfte es an der Haustür. Ich stand auf, um Alysha herein zu lassen. „Guten Morgen, George!“ „Morgen, Alysha!“, antwortete ich, „Wir sind noch nicht mit dem Frühstück fertig. Willst du auch noch einen Kaffee?“ Gemeinsam gingen wir in die Küche. „Guten Morgen, Sandra! Habt ihr Besuch?“ „Nein!”, antwortete meine Frau, „Das ist Samuel, er wohnt jetzt bei den Freiwilligen.“ „Hallo! Ich bin Alysha und ich mache hier den Haushalt. Außerdem arbeite ich in der Kantine.“ Samuel wollte sich erheben, aber sie stoppte ihn mit einer Geste. „Bleib ruhig sitzen, Junge!“ Alysha schenkte sich selbst eine Tasse Kaffee ein und setzte sich dann zu uns. Wir unterhielten uns eine kurze Zeit über den Alltag in Snyders Mill. Dann setzte Alysha die Tasse ab und stand auf. „Ich fange schon Mal oben an.“, meinte sie, nahm die Tasse vom Tisch und stellte sie in der Spüle ab. Sandra schob ebenfalls ihren Stuhl zurück. Samuel aß schneller. Als er fertig war, nahm er seinen Teller und sah mich fragend an. „Stell es in die Spüle.“, beantwortete ich die unausgesprochene Frage. „Komm mit! Ich erkläre dir den Kennel. Du wirst ab heute Abend mithelfen.“

Gemeinsam mit dem Jungen ging ich zum Hundehaus hinüber. „Zuerst zeige ich dir die Futterküche.“, erklärte ich und schob ihn vor mir durch die Tür. „Wir füttern die Hunde zweimal am Tag. Nach einer halben Stunde sammeln wir die leeren Näpfe wieder ein und die werden dann hier geschrubbt. Wenn ein Hund nicht alles gefressen hat, notieren wir das in seiner Mappe. Du musst also immer ein Stück Papier und einen Stift mitnehmen damit du es nicht vergisst. Die Hütten haben alle Namensschilder. Falls ein Hund gar nicht frisst, bekommt seine Mappe einen roten Sticker und wird nicht zurückgelegt.“ „Woher weiß ich welcher Hund wie viel bekommt?“ „Die erwachsenen Hunde bekommen alle gleich viel. Das ändert sich nur für die Rennteams. Welche Hunde dazu gehören lernst du noch.“ Der Junge sah mich ein wenig verwirrt an. „Heute kannst Du einfach den anderen zusehen und ihnen helfen. Ab morgen bekommst du Aufgaben zugeteilt.“

Nachdem ich mit ihm eine Runde durch das Hundehaus gemacht hatte, schickte ich ihn wieder nach oben und sagte ihm, er solle sein Bett machen und seine Sachen aufräumen. Ich wollte sehen, ob er sich in seinem neuen Leben zurecht fand, oder ob er wie eine Klette an mir hängen würde. Ich hoffte, dass er ersteres täte. Einen tüchtigen Arbeiter, der schnell lernte konnten wir immer gebrauchen. Vielleicht würde er auch eines Tages ein Rennteam übernehmen. Aber die Zeit würde es zeigen.

Gerade, als ich das Hundehaus verlassen wollte, kam mir Gredda entgegen. Sie war mit der Fütterung und dem Protokolieren fertig. Sie wohnte schon eine ganze Weile bei uns. Ich erinnerte mich, dass sie als 18-jährige gekommen war und seit dem bei uns lebte. Sie war eines jener Mädchen, die aus ihren Familien geflohen waren und auf der Straße gelebt hatten. Das Jugendamt hatte sie nach einer Serie von kleinen Diebstählen aufgelesen und sie vor die Wahl gestellt entweder eine Haftstrafe abzusitzen oder unser Programm in Snyders Mill zu absolvieren. Sie hatte sich für uns entschieden und wie alle von uns ein neues Leben begonnen. Gredda war Jacks rechte Hand, was das Kennelmanagement betraf. Sie war allein verantwortlich dafür, dass immer ausreichend Futter und andere benötigte Dinge vorhanden waren und zum günstigsten Preis eingekauft wurden. „Gredda, behalt den Neuen im Auge! Ich glaube, Samuel könnte noch Ärger machen.“ „Wieso? Was ist mit ihm?“ „Ich weiß es auch noch nicht. Achte Mal darauf, wie er spricht. Der kommt nicht aus dem Ghetto.“ „Gut, ich lasse ihn nicht aus den Augen. Er ist aber gut mit den Hunden.“ „Das habe ich auch gesehen. Sein Hund Duke ist gut erzogen. Warten wir es ab!“ “Soll ich ihn ab morgen mitarbeiten lassen?“ „Ja, lass ihn den Kennel säubern bevor ihr füttert.“ „Wird gemacht. Ich gehe jetzt zu ihm und fühle ihm auf den Zahn.“ „Mach das, Gredda. Bis später!“

Als ich wieder nach Hause kam, war Alysha gerade mit ihrer Arbeit bei uns fertig. Ich sah sie noch zur Kantine gehen. Sie würde bald mit den Vorbereitungen für ein einfaches Lunch beginnen. Die Hauptmahlzeit gab es erst am Abend.

Sandra saß im Wohnzimmer. Sie hatte einen Karton mit alten Fotos auf dem Schoß und sortierte sie. „Was wird das?“, fragte ich sie. „Ich suche Fotos für die Osterausstellung. Der Portland Chronical hat angerufen und uns eine Ausstellung zugesagt. Dafür brauchen wir Fotos. Ich suche Bilder aus dem Jahr, als wir hier endgültig eingezogen sind.“ „Sind die nicht oben im alten Kinderzimmer?“ „Ja, dachte ich auch, aber ich finde sie nicht.“ „Vielleicht kann Jenny nachher Mal nachsehen, wenn sie kommt.“ Jenny war beinahe pedantisch ordentlich. Wenn sie die Bilder nicht fand, dann waren sie eben weg. Vielleicht waren sie aber auch in ihrem Appartement in Portland, denn sie hatte einige Erinnerungsstücke mitgenommen, als sie mit Ihrem Mann Jalal dort einzog.

Sandra seufzte hörbar, als sie den Deckel wieder auf den Karton drückte. Sie stand auf und stellte ihn wieder in den Wohnzimmerschrank. „Weißt Du noch wie wir mit den Kindern hier angekommen sind?“, fragte sie mich. „Wie alt waren die Zwillinge noch? Vier oder schon fünf  Monate, glaube ich.“ „Ja, die waren noch ganz klein.“ Wir sahen uns an und grinsten beide. „Heute Abend erzähle ich weiter.“, verkündete ich.

Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass es erst kurz nach elf Uhr war. Der Tag hatte gerade erst angefangen. Es waren noch gut zwei Stunden bis zum Lunch und dann war der Nachmittag zu füllen. Ich beschloss den Vormittag damit zu verbringen die Nachrichten der letzten Tage zu lesen. Tatsächlich hatte ich im Weihnachtstrubel keine Minute Zeit dafür gehabt. Mein Tablett lag noch auf dem Couchtisch und ich setzte mich in den Ohrensessel. Die Nachrichten waren deprimierend wie immer und ich verlor schnell das Interesse. Anstatt mich weiter mit Unruhen und politischen Themen zu beschäftigen, begann ich mir ein Video anzusehen, das meine Nichte geschickt hatte. Es zeigte sie in einem noblen Wintersportressort in der Schweiz. Sie genoss den Luxus und hatte offensichtlich viel Spaß auf der Skipiste. Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr getroffen, da ihr unser Dorf einfach zu unsicher schien. Sie lebte umgeben von einem Rudel Bodyguards, das sie rund um die Uhr von allem abschirmte. Auch auf dem Video waren sie zu sehen.

Ich sah aus dem Fenster und stellte fest, dass es leicht zu schneien begonnen hatte. In diesem Winter war der Winter erst spät gekommen und wir hatte  schon gedacht, dass wir auf verschneite Trails verzichten mussten. Aber nun entluden dicke Wolken ihre weiße Fracht. Es sah so aus, als ob der Schneeschauer anhalten würde. Vielleicht würde ich die Gelegenheit haben noch eine Runde im Schlitten mitzufahren. Dazu musste jedoch erst eine stabile Schneedecke liegen. Aufregung machte sich in mir breit. Ich fühlte mich in jene Zeit zurückversetzt vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren, in der ich noch selbst Rennen fuhr.

„George? Träumst du?“, fragte Sandra plötzlich. „Was? Nein, ähm…“, stotterte ich. „Wo sind Phillip und die anderen?“, fragte ich, um mich selbst aus den Gedanken zu befreien. „Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie schon im Saloon.“ „Nach dem Lunch gehe ich Mal gucken wo die stecken.“ Sandra wirkte ein wenig gereizt. Sie war immer so, wenn ich Langeweile hatte. Seit ich nicht mehr aktiv mitarbeitete kam das öfter vor. Ich atmete einmal tief ein und aus und gab mir einen Ruck. Draußen schneite es nun noch heftiger. Man konnte kaum noch bis zur nächsten Hütte sehen.

Ich hatte mich noch nicht hingesetzt, als der Strom ausfiel.


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