Die Dummheit ist systemrelevant – oder warum Bankenrettung alternativlos sein soll

Dummheit ist deswegen systemrelevant, weil sie erhebliche Auswirkungen, überwiegend im Negativen, für unsere Gesellschaft hat. Dabei kommt der Mensch nicht dumm auf die Welt, er wird in seiner Einschätzung, Wahrnehmungsfähigket, Erkenntnisfähigkeit und Verhalten dumm gemacht oder gehalten. Oder er überschätzt seine Fähigkeiten, die Folgen eines bestimmten Handelns für sich und andere korrekt einzuschätzen.
Intelligenz hat nichts (nur bedingt) mit Dummheit zu tun, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Einstein war bekanntlich hochintelligent, dennoch beging er eine Dummheit, die als „Einsteins-Eselei“ von ihm selbst so bezeichnet und weltbekannt wurde. Die Eselei bestand in der Einführung einer „kosmischen Konstante“. Hier beschrieben.
Da sich Dummheit einer grundlegenden und umfassenden Definition entzieht, ein weiteres Beispiel. Als Margot Käßmann, erheblich alkoholisiert, eine rote Ampel überfuhr, ist ebenfalls als Dummheit zu bezeichnen. Zum Glück wurde dabei niemand verletzt. Andernfalls wäre es eine große Dummheit gewesen. Dabei ist die Frage spannend, ob Margot Käßmann auch zurückgetreten wäre, (aus persönlichen Gründen) wenn ihre Dummheit nicht öffentlich geworden wäre.
Wir alle sind vor Dummheiten nicht gefeit. Dummheit gehört zum Menschsein.
Dummheit manifestiert sich in unseren Handlungen. Bevor ich zu dem Punkt kommen, was die Bankenrettung mit Dummheit zu tun hat, möchte ich acht Ursachen für dummes Handeln aus Reutterers Buch, „„Die globale Verdummung – Zum Untergang verurteilt?““ zitieren:
Es gibt zahlreiche Ursachen, warum wir dumm handeln. Wir handeln dumm, weil
- der im Verlauf der Hominisation entstandene angeborene Teil unserer Intelligenz nicht ausreicht, wir einen angeborenen Intelligenz„mangel“ haben, d.h. verschiedene – zum Teil auch geschlechtsgebundene – Begabungen nicht in dem Maße ausreichend vorhanden sind, um uns zweckmäßig und situationsangemessen handeln zu lassen. (Freilich erhebt sich die Frage nach einem Maßstab für menschliche Intelligenz. Wo liegen die Grenzen einer optimalen oder maximalen Intelligenz?) unsere Intelligenz (v.a. die Fantasie) in unserer Kindheit und Jugend in Erziehung und Ausbildung zu wenig oder falsch gefördert wurde
- wir durch Erziehung und geheime Miterzieher (Freunde, weltanschauliche Institutionen und Medien, Traditionen) indoktriniert und künstlich verblödet werden
- es in den Schulen an Aufklärung und wissenschaftlicher Ausbildung mangelt und auch die Medien ihrer Bildungsaufgabe nicht gerecht werden
- wir nicht imstande sind, sehr komplexe Zusammenhänge zu erfassen und langfristige Folgen unseres Handelns vorauszusehen
- wir zu wenig Fantasie haben, um uns die Folgen dummen Tuns auszumalen
- unsere Emotionen und Motivationen uns entgegen besserem Wissen längerfristig gesehen unangemessen, eben dumm, handeln lassen
- wir unbewusst verschiedensten kognitiven Täuschungen unterliegen, die häufig zu dummen Fehlentscheidungen führen
- wir (vor allem bei diffizilen philosophischen Problemen) der „Verhexung des Verstandes durch die Mittel der Sprache“ (Wittgenstein) unterliegen und dadurch „falsch“ denken – mit oft haarsträubenden Resultaten, etwa in der Annahme „geistiger Wesenheiten“.

Auch wenn man bei der ein oder anderen Ursache anderer Meinung ist und sein kann, im Groben und Ganzen wird man sich entdeckt haben.
Bankenrettung
Großbanken mit Bürgschaften und Barmitteln zu retten sei, so Merkel, alternativlos, da diese Banken systemrelevant seien. Ließe man diese Banken pleite gehen, so würde eine unübersichtliche und in den Auswirkungen nicht absehbare Kettenreaktion in Gang gesetzt werden, so die Argumentation. Am Ende dieser Kettenreaktion würde es auch den kleinen Sparer treffen. Da es ja Aufgabe der Kanzlerin ist, Schaden vom Volk abzuwenden, hat sie sofort persönlich für die Sparguthaben garantiert. Die Sparguthaben seien sicher. Mit dieser Garantie um eine breite Zustimmung in der Bevölkerung „werbend“, wurden die Rettungspakete geschnürrt.
Betrachten wir die Argumentation näher. In der Tat sind Großbanken systemrelevant. Doch für welches System? Wenn Großbanken im wahrsten Sinne des Wortes pleite gehen, ist der Geldfluß und die Geldversorgung erheblich gestört. Auch die Sparguthaben sind gefährdet. Doch war die Bankenrettung in der praktizierten Form wirklich alternativlos?
Alternative Bankenrettung
Hunderte Milliarden sind in die Rettung von Banken eingesetzt worden. Ein Ende ist noch nicht absehbar. Hätte es eine Alternative gegeben? Ein klares Ja. Dies hätte so aussehen können. Alle Verpflichtungen der zu rettenden Bank in Form von Krediten, Guthaben, Beteiligungen etc. hätten in eine neu zu gründende genossenschaftlich organisierte Bank ausgelagert werden können. Die Geldversorgung und der Geldfluß wären gesichert gewesen. Dies hätte nur einen Bruchteil dessen gekostet, was für die Rettungspakete eingesetzt worden ist und noch werden wird. Die Gesamtsumme dieser Rettung hätte in gleichen Teilen als Genossenschaftsanteile an alle BürgerInnen unseres Landes ausgegeben werden können. Eine „Bürgerbank“ wäre entstanden.
Der Unterschied
Der Unterschied zwischen der alternativlosen Bankenrettung und der Alternative besteht in der Tatsache, das die Zocker, Spekulanten, Aktionäre und Manager bei der Alternative „leer“ ausgegangen wären. Wer Risiken eingeht, muß sie auch tragen. Volkswirtschaftlich wäre kein Schaden entstanden. Im Gegenteil. Jetzt wird auch deutlich, was die Kanzlerin mit systemrelevant gemeint hat. Systemrelevant im Sinne der Zocker, Spekulanten, Aktionäre und Manager und im Sinne einer weiteren Umverteilung von unten nach oben. Diese Dummheit wird Folgen haben.
Dies ist nur ein Beispiel von zahlreichen Dummheiten die gegenwärtig passieren. Sei es aus Kalkül, Unwissenheit oder Unfähigkeit, spielt dabei keine Rolle. Die Folgen sind die selben.
Neues Denken
Oft kann man es lesen oder hören. Wir bräuchten ein „neues Denken“ um die Problem zu lösen, da das „alte Denken“ die Probleme mitverursacht hat, ist dieses ungeeignet, um Lösungen zu liefern.
Im Prinzip ist das richtig. Doch wie soll das „neue Denken“ aussehen? Es kann schon helfen, den Wahrnehmungsfilter zu lösen. Andere Sichtweisen einzunehmen und die Phantasie spielen zu lassen. Dogmen und Paradigmen zu erkennen und dialogfähig zu werden. Eigene Überzeugungen in Frage zu stellen, ja, das eigene Weltbild zu zertrümmern.
Denk- und Sprachvermögen hängen unmittelbar zusammen. Beides kann erweitert werden, wenn das „Brett vorm Kopf“ entfernt wird. Doch zuerst muß man sich des Brettes bewußt werden.
Ein typisches Beispiel für das „Brett vorm Kopf“ ist die Rechthaberei. Diese ist besonders in politischen Diskussionen anzutreffen. Man hört sich einander gar nicht mehr zu, sondern vertritt eine Meinung mit missionarischem bis fanatischen Eifer. So werden keine Lösungen gefunden, sondern verhindert.
"Wer hat in einer leidenschaftlichen Diskussion nicht gerne Recht und verteidigt seine Ansicht mit Vehemenz und Leidenschaft? Wie oft verstehen wir nicht, wenn unser Gegenüber unsere Meinung überhaupt nicht teilen will, obwohl wir doch so gute Argumente haben? Eine vertrackte Situation, aus der es aber einen Ausweg gibt."
Diesen Ausweg zeigt Klaus-Michael Kodalle in dem nachfolgenden Podcast, in dem er für eine neue Nach-Sichtigkeit plädiert.

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by aristo1

Abschließend möchte ich noch ein Zitat aus dem oben erwähnten Buch bringen:
Trotz aller Bemühungen wird die Dummheit auch weiterhin ein treuer Begleiter des Menschen durch die Geschichte bleiben. Da sie uns aber zugrunde zu richten droht, ist es überlebensnotwendig, sie wo immer möglich bloßzustellen. Nur was man kennt, kann in seiner Bedeutung angemessen eingeschätzt und eventuell bekämpft werden, wo und wenn dies sinnvoll erscheint. Sinnvoll aber ist dies deshalb, weil damit auch viel Leid erspart werden kann, denn dumm zu handeln, zieht häufig auch negative Folgen nach sich. Dummheit nicht zu bekämpfen oder gar zu fördern, weil die Dummheit der vielen einigen auch Vorteile bringt, ist ein egoistisches Motiv und aus ethischer Sicht abzulehnen. Wir müssen immer wieder versuchen, die eigene Dummheit ein wenig besser zu durchschauen, denn es ist ja schier unglaublich, was wir alles gegen jede Vernunft zu denken und tun bereit und in der Lage sind. Als ultima ratio hilft hier nur der Humor, der uns erlaubt, die Dinge nicht immer so ernst zu nehmen, etwas über ihnen zu stehen und über unsere eigene Dummheit und diese törichte Menschenwelt zu lachen.

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