Die blaue Zora

Heute hat es die SBB auf mich abgesehen. Gut, an die Stellwerkausfälle im Bahnhof Stadelhofen habe ich mich unterdessen gewöhnt, aber eine technische Störung und Mitten im Tunnel geht über mein tägliches Pendlerstresslevel. In einem Zug ist definitiv kein Ort zum chillen. Zum Glück scheint die Bahn ihre Stromrechnung bezahlt zu haben. Das Licht geht nicht aus. Ohne meinen Kopf zu bewegen, beginne ich meine nähere Umgebung abzuchecken. Der Geräuschpegel ist im Moment noch auf iPhone Lautstärke. Die meisten hängen ihren Gedanken nach, was für Essen sie in die Mikrowelle schmeissen werden, nur damit sie mehr Zeit haben um sich für den Ausgang zu stylen. Das Klischee wird vollends ausgelutscht als ich zwei Bierflaschentypen höre über das Fussballspiel zu diskutieren als hätten sie eine Trainerlizenz.
Als ich die Augen weiter drehe, fühle ich mich plötzlich wie gelähmt. Ähnlich wie Verbrecher die in schlechten amerikanischen Krimis getasert werden, erstarre ich. Beschossen werde ich von meiner Banknachbarin, die von ihrem Buch aufblickt. Wenn ich meinen Kopf ein wenig zur Seite neige, sieht man sicher Brandlöcher im Sitzpolster hinter mir. Ich hasse pendeln. Es ist, wie die Menschen versuchen, mir die Kehle zu zuschnüren, um mich anschliessend in einer Ecke zu zerquetschen. Darum vermeide ich aus Prinzip jeden Kontakt. Meine Zeit im Zug verbringe ich am liebsten sprachlos. Warum ich es an diesem Tag nicht getan habe, frage ich mich noch Heute.
"Wollen sie mich erschiessen?" Weiss Gott, was mich zu so einer provozierenden Frage bewogen hat. Erstaunt zieht sie ihre Augenbrauen hoch. "Die Verantwortlichen für diese Pannenserie wären wohl ein lohnenderes Ziel", meint sie mit einem abweisenden Blick und senkt ihre Augen wieder hinter ihren Buchdeckel. "Wobei sie mich sicher getroffen hätten." "Das kommt auf den Pfeil an." Diese Augen blicken mich wieder an. Was ist bloss in mich gefahren. Normalerweise frage ich nicht einmal ob der Platz noch frei ist und setze mich einfach. Nun bin ich in der Falle, kneifen geht nicht. "Ihr Augenblick reicht für eine Ewigkeit."
"Wenn sie meinen, mich auf die poetische Art anmachen zu können, vergessen sie es ganz schnell. Ein guter Text übt sicher eine gewisse Anziehungskraft auf mich aus, aber dadurch kommen wir uns höchstens literarisch näher." "Das Körperliche ist vergänglich, ein Gedicht lebt ewig. Ich kann sie beruhigen, in diesem Jahr hat mich ausser meinem Hausarzt niemand mehr wirklich berührt und ich gedenke nicht, das zu ändern." Jetzt scheine ich ihr Interesse geweckt zu haben, obschon ich eigentlich genau das nicht wollte. Sie steckt ihr Buch in die südamerikanische Umhängetasche. "Ein Mensch stirbt, wenn er keine körperliche Berührungen erfahren kann." "Dem will ich gar nicht widersprechen. Mein vierzigster Geburtstag werde ich voraussichtlich nicht erleben. Ich leide an einer unheilbaren Erbkrankheit. Meine Nervenden bilden sich langsam zurück und ich verliere schrittweise die Kontrolle über meinen Körper. Das alles erlebe ich sozusagen hautnah mit ohne etwas dagegen unternehmen zu können."
Normalerweise sehe ich danach Unverständnis oder Bedauern und manchmal auch ein paar Tränen in den Augen die mich anblicken. Nicht so bei ihr, der Blick bleibt unverändert. Ich spüre aber, dass da mehr ist als diese nachdenklichen, durchdringenden aber doch tiefgründigen Augen. "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Atem des Todes auch schon durch ihre Haare strich." Auch jetzt zeigt sie, mit Ausnahme einer hochgezogenen Augenbraue keine Reaktion.
"Ich weiss, dass sie das nicht erraten sondern gespürt haben". Ihre Stimme tönt etwas abwesend. So als ist sie mit ihren Gedanken bei den Personen, die aus ihrem Leben schieden.  "Mein Bruder zog nach 3 Tage auf dieser Erde um in den Himmel. Bitte grüssen sie ihn ganz herzlich wenn sie oben ankommen." "Warum diktieren sie mir nicht einen Brief, ich werde ihn liebend gerne mitnehmen und ihn im Himmel vorlesen."
Bereits vor meiner tödlichen Diagnose hatte ich ein besonderes Verhältnis zum Tod. Vorher war er mein Nachbar, doch jetzt habe ich ihn eingeladen, bei mir zu wohnen, dass er schnell einschreiten kann, wenn es so weit ist. Oft habe ich mit dieser Einstellung mein Umfeld vor den Kopf gestossen aber nicht sie. Wie sie wohl heisst?
"Übrigens, ich bin Markus, wie darf ich sie nennen? Menschen die ich einlade, meine Seelenwohnung zu erkunden spreche ich gerne mit Namen an." "Ich bin Zora." Eigentlich habe ich damit gerechnet wieder eine Abfuhr zu erhalten. Sich vorstellen, steht auf der Rangliste der plumpsten Anmachvarianten ganz hoch oben. Doch sie scheint mir zu glauben, dass ich wirklich nichts anderes will als reden. "Die Krankheit wurde bei mir mit 18 Jahren diagnostiziert. Sozusagen als Geschenk zu meiner Volljährigkeit erhielt ich mein voraussichtliches Todesurteil. Sagt dir der Name friedreichsche Atataxie etwas?" "Ja, das tut er, ich arbeite in der Pflege." "Oh, Entschuldigung, dann langweile ich dich zu Tode." "Nein es geht schon, ich werde mich vor dem Ableben melden."
"OK, dann bin ich beruhigt. Irgendjemand irgendwo hat beschlossen, mir eine weitere Gnadenfrist zu gewähren. Bis jetzt hatte ich erst einen Schub. Mit der Gehhilfe überhole mein Patenkind nicht mehr, aber ich bin froh geht es überhaupt noch. In der Schule wurde ich wegen meinem Gang nur der Pinguin genannt. Als nächstes werde ich wohl aber für immer im Rollstuhl Platz nehmen."
Mir scheint als habe jemand ein Licht in ihr angezündet. Ähnlich wie in SCIFI Filmen Drohnen aus dem Schlafmodus geholt werden, bewegen sich ihre Augen um ein vielfaches mehr und ich werde von oben bis unten gescannt. Doch nicht nur oberflächlich, ihr Blick dringt tief in mein Inneres. Sie öffnet sogar mein Erinnerungssafe, den ich ganz hinten in meinem Leben versteckt habe. Normalerweise versetzen mich solche Menschen in Panik, es läuten alle Alarmglocken und der Sicherheitsvorhang geht runter. Aber nichts von all dem. Obschon ich Zora überhaupt nicht kenne, fühle ich einen Respekt von mir und meiner Geschichte wie noch nie zuvor.
"Das Leben kannst du nicht festhalten. Ich habe es versucht, und dabei kläglich versagt. Mein Bruder und auch meine Mutter haben nicht auf mich gehört und sind einfach gegangen. Auch wenn man noch so sehr hofft und bittet, genützt hat es nichts. Sie sind beide nicht mehr da. Manchmal, wenn ich der Thur entlang wandere fühle ich ihre Nähe. Dann drehe ich mich bewusst nicht um und stelle mir vor sie gehen mit mir spazieren."
Ich weiss nicht ob das Stellwerk die Therapiesitzung erfolgreich hinter sich gebracht und plötzlich nicht mehr gestört ist. Möglich auch, dass der böse Tunnelgeist vom Bahnhof Stadelhofen beschlossen hat, uns nicht mehr zu quälen. Der Lautsprecher faselte etwas von Entschuldigung, die jeder erwartet aber niemand wirklich befriedigt. Auf jeden Fall setzt sich der Zug wieder in Bewegung in Richtung Tunnelausgang.
Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir, dass ich noch länger in der S-Bahn zu sitzen. Dafür nähme ich sogar eine längere Störung in Kauf. Gerade als das Gespräch an Tiefgang gewinnt und wir wie zwei Taucher auf den Grund unserer Seelen abtauchen, werden wir wieder an die Oberfläche gezogen. Sie verschliesst ihre Seele wieder mit diesem Blick, den mich am Anfang so fasziniert hatte. "Ich bewahre ihn auf und nehme ihn erst wieder in die Hand wenn wir uns das nächste Mal über den Weg laufen." "Nein, du hast den Schlüssel zu meiner Seele nicht gefunden. Ich habe die Türe freiwillig geöffnet." Sie steht auf, packt ihre Sachen zusammen und drückt sich in die Menschenmasse vor dem Ausgang. Das letzte was ich von ihr sehe ist ihr blauer Schal.
Die Geschichte widme ich meinem Freund Daniel Messerli, der kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag an der Friedreich Ataxie starb und @zoradebrunner die mich dazu inspirierte.

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