Die ausgebeuteten Säulen des Himmels

oder Über ein Manifest reicher Leute.
Just an dem Tag, da ich eine Abhandlung über den Anarchismus und wie ich ihn sehe, in den Raum stellte, übergab mir der Postbote eine Buchsendung. Das ist zwischenzeitlich viele Wochen her. Im Karton enthalten war Das libertäre Manifest Blankertz'. Geschickt hatte es mir jemand, ein Libertärer, den ich schon länger kenne - er hatte mir schon vorab angekündigt, mir ein Exemplar zur Beurteilung zu schicken. Mit Zur Neubestimmung der Klassentheorie war das Manifest vielversprechend untertitelt. Indes eine solche Neubestimmung vermochte ich dann doch nicht zu finden. Schnell war mir klar, dass meine Gedanken zum Anarchismus grundsätzlich nicht mit diesem Manifest vereinbar sind, auch wenn die Libertären und die Anarchisten irgendwo mal zusammen in einer Ecke gestanden haben mochten. Beides passt heute unter keinen Umständen mehr zusammen.

Das libertäre Manifest strotzt vor Ekel vor dem Staat. Er - der Staat - ist darin ein Konstrukt der Gier, der Gewaltbereitschaft, der Unterdrückung und der Einschränkung. Vieles davon stimmt manchmal oder in homöopathischen Dosen - anderes ist einfach nur übertrieben und ideologisch konstruiert. Es ist ein Manifest des unterdrückten Kapitalismus und die unterdrückte Klasse scheint für Blankertz der Kapitalist zu sein. Der wird von allen Seiten ausgesaugt, seine Antriebskraft von überall her gedämpft. Das erinnert fatal an Ayn Rands haarsträubenden Roman von 1957, Atlas wirft die Welt ab hieß der, in dem sich die kapitalistischen Unternehmer in die Berge zurückzogen, weil sie sich stetig von Staat und Gesellschaft bevormundet und in ihrer Schaffenskraft behindert fühlten und weil sie dabei zusehen wollten, wie die Welt ohne Unternehmer an den Abrgund taumelt. Rand ordnete den Unternehmern die Rolle des mythologischen Riesen Atlas zu, der das Himmelsgewölbe schulterte und der nun seinen Dienst versagte. Die Unternehmerklasse war also nach Rand diejenige, die die Menschheit vorantreibe.
Möge uns also nicht der Himmel auf den Kopf fallen, weil Herr Atlas eine Schnute zieht, weil wir unsere Kapitalisten zu sehr in "sozialistisches" Bürokratentum hineinleiten, ihnen Zaumzeug anlegen. Blankertz' wie Rands Bestreben ist letztlich die Ideologie eines freien Marktes, in dem der Stärkere den Schwächeren erdrückt. Ist dieser nicht dergestaltet frei von staatlichen Eingriffen, so können die Mitspieler auf dem Markt nicht regellos frei handeln, so fällt uns der Himmel auf den Schädel, den die Kapitalisten auf ihren Schultern ruhen haben. Sie sind das Gewölbe einer für sie freien, einer für sie guten Welt. Zwar ziehen sie sich nicht wie in jenem Roman in eine Parallelwelt des Selbstmitleides zurück, aber ihre Reglementierung schade uns immens, will Blankertz sagen. Selbstmitleid schwingt freilich trotzdem mit. Denn es sei der teuflische Etatismus, die okkulte Lehre vom Staat, die die Befreiung des Kapitalisten nicht zulasse.
Natürlich ist diese Anschauung nicht mehr als ein Gag reicher Leute. Was Blankertz an Reichtümern hat, steht dabei nicht zur Debatte. Es interessiert mich auch nicht. Bloß wenn er nicht reich ist, so macht er sich zum Hausneger reicher Leute, um es mit Malcolm X zu sagen.
Andersherum gäbe alles Sinn, denn der Himmel fällt uns deswegen nicht auf den Kopf, weil es Regeln und Staatlichkeit gibt. Fielen die jedoch weg, bliebe denen, die nicht stark genug sind, nur ein flehender Blick hochwärts zum Himmel - denn der wäre kostenlos. Mehr bliebe jedoch nicht, denn alles andere wäre unerreichbar und unerschwinglich und von den Dominatoren des Systems der vermeintlichen Systemlosigkeit behindert. Natürlich wäre all das keine Systemlosigkeit, sondern hätte System. Es handelte sich in dieser marktkonformen Demokratie ohne etatistische Regelsetzungen um eine systematische Exklusionsgesellschaft, um ein System des gnadenlosen Missbrauchs von Eigentum und Produktionsmitteln und Machtstellungen. Und was ist das überhaupt für eine Metapher, den Himmel Säulen zu unterstellen? Das dünkt ja mittelalterlich!
So mittelalterlich, wie die Aussicht auf eine Gesellschaft, in denen kraftvolle Raubritter in den Reihen der Leibeigenen plündern und brandschatzen dürften. Man kann ja an der Staatlichkeit viel Kritik üben. Die einfachste Sorte Kritik ist die, dass er die Schuld für Kriege trage, weil er sich in seiner nationalistischen Ausformung nicht anders artikulieren könne. Der Zugriff des Staates auf seine Bürger im Kriegsfall ist das dramatische Paradebeispiel für einen Etatismus, der skrupellos und menschenverachtend seinen Selbstzweck erfüllt. Wer wollte dem etwas entgegensetzen? Gleichwohl ist der Staat Regelsetzer, schafft Rechtsgrundlagen und -ansprüche, in seiner leider ins Hintertreffen geratenen sozialstaatlichen Variante, versucht er Gleichstellung und rudimentären Wohlstand zu sichern. Fiele der Staat, in welcher Weise auch immer, plötzlich weg, werden zwar Gewaltakte wie Kriege nicht verschwinden, die Überwachung und der Vollzug von Regeln für ein akzeptables Zusammenleben jedoch wären verloren - was wiederum Gewalt nach sich zöge. Trotz Staat und auch weil der schöne Traum vom freien Markt immer mehr verwirklicht wurde und der Staat sich selbst deregulierte, was heißt: seine ureigenste Aufgabe abgab, gibt es heute Ungleichverteilung in exorbitantem Ausmaß. Ginge diese ungleiche Partizipation am Wohlstand der gesamten Menschheit eins zu eins in eine allgemeine Staatenlosigkeit über, so wartete für die meisten Menschen die Knechtschaft am Ende aller Träumerei.
Der Klassenkampf sei nicht vorbei, schreibt Blankertz. Und damit hat er natürlich recht. Die Theorie vom Ende aller Klasseninteressen hat sich als Einlullungstaktik erwiesen. Es ist aber nicht das, was Blankertz vorgibt. Er macht Kapitalisten zu den Opfern des unterdrückten Klassenkampfes. Man stelle sich mal Warren Buffett als unterdrückten Klassenkämpfer vor - und all die marktradikalen Mantras repetierenden Kapitalisten gleich dazu!
Kurzum, es ist ein Abgesang auf den Staat, wie ihn nur reiche Leute anstimmen können. Oder wie ihn nur Leute anstimmen, die reicher Leute Dogmen wiederkäuen. Das libertäre Manifest ist allerdings für diejenigen, die einen starken Mitspieler benötigen, leider kein erhellender Beitrag. Es vernebelt und dient der Sache einer Freiheit, die Knechtschaft bedeutet.

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