Die armen syrischen Kinder und die Verlogenheit der Demokratiefreunde

Vorhin im Weltspiegel lief der Beitrag von Jörg Armbruster über die tatsächlichen Verlierer des Bürgerkriegs in Syrien: Die syrischen Kinder. Eigentlich sollte man annehmen, dass ein solcher Bericht über das Leid und das Elend, in dem die Menschen in einer von mittlerweile zwei Jahren Krieg zerstörten Region leben müssen, dazu beitragen müsste, das ganze Gefasel von Menschenrechten, Demokratie und Selbstbestimmung endlich mal zu überdenken. Denn den Leuten geht es derzeit einfach sehr viel schlechter als zuvor: Es gibt kein Wasser, keinen Strom, wenige und wenn dann teure Lebensmittel, unzureichende medizinische Versorgung, überhaupt mangelt es an allem, dafür gibt es aber ständige Lebensgefahr. Die Kinder haben nichts mehr – sie gehen nicht mal mehr zur Schule – entweder weil sie ihren Familien dabei helfen müssen, irgendwie zu überleben, oder weil die Schulen zerstört wurden.

Selbst die Einheimischen steigen nicht mehr durch, wer gerade wen beschießt, wer gerade wieder Raketen und Granaten abfeuert – die Geschosse fordern Opfer, ganz gleich, ob sie von den so genannten Freiheitskämpfern oder den Regierungstruppen abgefeuert wurden. Es ist ja nicht so, dass die Welt das noch nie erlebt hätte. In Afghanistan herrscht seit mehr als drei Jahrzehnten Krieg, der längst nicht vorbei ist. Irak wurde nach dem ersten und dem zweiten Golfkrieg vorsichtshalber komplett zerstört, damit auch kein Nachfolger von Saddam Hussein auf die Idee kommen könnte, ohne die Amis Regionalmacht zu spielen. Libyen musste nicht komplett zerschossen werden, weil eine relevante Anzahl von Libyern die Nase voll von Gaddafi hatte, aber der Bürgerkrieg hat auch hier mindestens 10.000 Tote gefordert und laut Auswärtigem Amt ist die Sicherheitsheitslage “weiterhin unübersichtlich”. Auch vor Reisen nach Libyen wird wegen bewaffneter Auseinandersetzungen, Anschlägen und Entführungen gewarnt.

Total unübersichtlich ist die Lage auch im Sinai – nach dem die Menschenrechts- und Demokratiefreunde Mubarak aus dem Amt gejagt haben, ist die Sinai-Halbinsel eine gesetzlose Zone, in der kriminelle Banden übelste Formen des Menschenhandels mit Flüchtlingen aus Afrika betreiben. Mit den armen Geiseln, die ja nicht aus ihrer Heimat fortgegangen sind, weil es ihnen da zu gut ginge, gehen die Erpresser besonders grausam um, damit ihre Familien noch das letzte Hab und Gut verkaufen, um ihren Angehörigen wenigstens das Leben zu retten. Wer das Pech hat, zu arme Verwandte zu haben, wird zu Tode gequält. Keine westliche Regierung kommt auf die Idee, irgendetwas gegen die hier begangenen Menschenrechtsverletzungen der allerschlimmsten Sorte zu tun – Freiheit ist nur wichtig, wenn man wirtschaftlich etwas davon hat. Die Freiheit und Menschenrechte von schwarzafrikanischen Armutsflüchtlingen sind den westlichen Demokratiefaschisten scheißegal, Hauptsache die Leute kommen nicht lebendig übers Mittelmeer.

Und genau deshalb regt mich diese rührselige Berichterstattung über die armen syrischen Kinder so auf, die zweifellos arm dran sind. Vor allem, weil auch sie den Unsinn glauben, den man ihnen und uns immer wieder erzählt: Dass es sich lohnen würde, für Freiheit und Demokratie jedes Opfer zu bringen.

In Syrien geht es vor allem darum, mit der Eskalation des Bürgerkriegs den wichtigsten Verbündeten des Iran in der Region zu schwächen – egal wie viele syrische Kinder dabei drauf gehen. Ja, der Iran ist auch kein Hort von Freiheit und Menschenrechten, aber erstaunlicherweise doch eine Demokratie. Nur halt leider eine mit nicht so wirklich westlichen Werten, also irgendwie doch keine richtige Demokratie, auch wenn das Volk seine Führer selbst wählt, was ja das Geile an der Demokratie sein soll. So wie man sie den Syrern jetzt noch bei bringen will. Aber am Ende wählen auch die dann die Falschen. In Tunesien, Algerien und Ägypten haben die Leute das mit dem Wählen ja auch noch nicht so richtig drauf. Aber was solls. Unsere demokratisch gewählte Regierung fragt ja auch nicht, was das Volk gern hätte, sondern regiert. Gern auch gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen. Und deshalb werden vor allem Waffen und Munition nach Syrien transportiert und eben nicht Lebensmittel, Verbandsmaterial und was die Leute da sonst noch wirklich brauchen könnten.

Ach hört doch auf mit dieser verlogenen Scheiße.



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