Die Ära Stuart oder: Wie der Antikatholizismus zur englischen Staatsideologie wurde (Gastartikel)

Die Herrschaft der Tudors war in der Geschichte Englands eine allesverändernde, gleichzeitig aber doch relativ kurze Periode. Nach der – um es gelinde auszudrücken – eher schwierigen Herrschaft Heinrichs VIII. erlebte das Land gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine wahre Blütezeit unter den Tudors. Diese goldene Ära ist untrennbar mit Königin Elisabeth I. verbunden. In ihre Zeit fiel die beginnende koloniale Expansion Englands; unter ihr besiegte England die spanische Armada; das Land mutierte vom unbedeutenden Inselstaat zur aufkommenden Großmacht Europas. Aber trotz all dem kam es für Elisabeth letztlich, wie es kommen musste. Sie starb im Jahr 1603 ohne Nachkommen zu hinterlassen. Elisabeth hatte sich nämlich Zeit ihres Lebens geweigert, zu heiraten. Das Haus der Tudors war am englischen Thron somit Geschichte.

Die Ära Stuart oder: Wie der Antikatholizismus zur englischen Staatsideologie wurde

Der Beginn der Ära Stuart: Manchmal kennt die Geschichte Ironie

Was als Nächstes geschah, entbehrt nicht gewisser Ironie. Die Tudors waren ja durchgehend im Wickel, nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit ihren Nachbarn, allen voran Frankreich, Spanien und Schottland. Da ist es doch mehr als ein bisschen ironisch, dass sich nach Elisabeths Tod ausgerechnet ein gewisser Jakob, oder James Stuart als Erster in der englischen Thronfolge wiederfand. Der hatte mit England nämlich recht wenig am Hut. Er war zwar ein Ur-Urenkel Heinrichs VII., sein Brotberuf war aber König von Schottland! Zu allem Überfluss war Jakobs Mutter Maria, die „Queen of Scots“, dann auch noch die Ex-Monarchin Frankreichs. Mit diesem Jakob hatte sich England also wirklich alle Feinde auf einen Schlag ins Haus geladen.

Unter Jakob wurden Schottland und England ab 1603 somit zum ersten Mal von einem gemeinsamen König regiert. Freilich wurden die zwei Länder dadurch aber nicht eins. Es gab ja immer noch jeweils in Edinburgh und London ein Parlament. Mit dem englischen Parlament hatte Jakob dann auch regelmäßig seine Streitereien, da die Abgeordneten in Westminster seine Vorstellungen vom Gottesgnadentum nicht so recht teilen wollten. Aber zumindest war Jakob ein Protestant, und das war es doch, was in London wirklich zählte!

Englands Geschichte mit Religionsstreitigkeiten, die Heinrich VIII. mit seinem Bruch mit Rom begonnen hatte, war im 17. Jahrhundert ja beim besten Willen noch nicht gegessen. Selbst Elisabeth, die ach so brave „Virgin Queen“, hatte in ihrer Herrschaftszeit noch zig katholische Priester verbrennen lassen. Vor ihr hatte ihre Halbschwester Maria dasselbe getan, nur in ihrem Fall mit Protestanten. Die Katholiken Englands waren von der Thronbesteigung Jakobs nun verständlicherweise nicht übermäßig angetan, hatten sie sich doch erhofft, wieder einen katholischen Herrscher zu bekommen. Schon zwei Jahre nach Jakobs Umzug nach London kam es gar zum ersten Terroranschlag im Namen der Religion. Ein gewisser Guy Fawkes versuchte im „Gunpowder Plot“, das Parlament in Westminster in die Luft zu jagen. Aber wer weiß, so unrecht wäre das dem guten Jakob vielleicht gar nicht gewesen, bei all den Reibereien, die er mit diesem Parlament so hatte …

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Ein paar Jahre später eskalierten die Glaubensstreitigkeiten dann endgültig, allerdings diesmal ausnahmsweise nicht in England, sondern auf dem europäischen Kontinent. Im Jahr 1618 brach dort bekanntlich der Dreißigjährige Krieg aus. Jakob war nun zwar Protestant, schlug sich aber dennoch auf keine der beiden Seiten, sondern blieb im Konflikt neutral. Sein Sohn Karl I. führte diese Politik fort. Auch er war Protestant. Aber gut, das musste man in England inzwischen auch sein. Weite Teile der Bevölkerung und der einflussreichste Teil des Adels waren protestantisch oder sogar radikal-protestantisch geprägt. Vor allem die Puritaner, eine besonders strenge Gattung des Protestantismus, erlebten zu der Zeit rapiden Zuspruch. Viele von ihnen wanderten später sogar in die amerikanischen Kolonien aus, weil ihnen das Leben in England zu lasterhaft wurde. Wohlgemerkt: das protestantische Leben Englands im frühen 17. Jahrhundert!

Der Weg in den Englischen Bürgerkrieg

Das Problem bei der Geschichte war, dass Karl I. den Protestantismus selbst nicht ganz so ernst nahm. Immer wieder wurde gemunkelt, er hege Sympathien für den Katholizismus oder sei gar ein verkappter Papstanhänger. Das sorgte für anhaltende Spannung im Land, die im Jahr 1642 schließlich eskalierte. Ausgangspunkt war, dass Karl das englische Parlament um mehr Geld für die Bekämpfung eines irischen Aufstands bat. Dieses verlangte im Gegenzug aber die volle Kontrolle über die entsandte Armee. Karl versuchte daraufhin kurzerhand, einige der Abgeordneten festzunehmen, brachte damit aber das Fass endgültig zum Überlaufen.

Das Parlament und die puritanischen Kräfte um den Abgeordneten Oliver Cromwell stellten eine Armee auf, der Englische Bürgerkrieg nahm seinen Lauf. In den nächsten sieben Jahren massakrierten sich die Parlaments- und Königstruppen gegenseitig, bis die Parlamentsarmee unter Oliver Cromwell, die New Model Army, siegreich aus dem Bürgerkrieg hervorging. Karl I. wurde hingerichtet und England zur Republik. Oder so nannte sich die diktatorische Alleinregierung Oliver Cromwells zumindest.

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Lange halten sollte das alles nicht. Das englische Experiment mit der Republik scheiterte sogar in atemberaubend kurzer Zeit. Nachdem der Diktator Oliver Cromwell 1658, keine zehn Jahre nach Ende des englischen Bürgerkriegs, gestorben war und sein Sohn das ihm übertragene Amt schneller wieder abgegeben hatte als David Cameron den Premierministerposten nach dem Brexit-Referendum, holten die Abgeordneten in Westminster Karls Sohn Karl II. wieder ins Land zurück. Man war von den radikal-protestantischen Allüren Cromwells dann wohl doch nicht so angetan. Da blieb man dann doch lieber bei den Stuarts.

Die glorreiche Revolution

Der Frieden mit dem Herrscherhaus hielt auch nach dem englischen Bürgerkrieg und dem Ende der Ära Oliver Cromwell nicht lange. Die alten Religionsstreitigkeiten waren mit dem Bürgerkrieg ja keineswegs aus der Welt geschaffen worden. Als König Karl II. dann im Jahr 1685 starb und sein Bruder Jakob II., ein bekennender Katholik, die Krone übernahm, schrillten bei den protestantischen Adeligen wieder alle Alarmglocken. Drei Jahre nach seiner Thronbesteigung wurde Jakob dann auch noch ein weiteres Mal Vater und zeugte seinen ersten Sohn. Seine bis dahin eher belächelten Versuche, den Katholizismus in England wieder zu stärken, schienen plötzlich bitterer Ernst.

In dieser Situation hatten einige Barone und Parlamentsabgeordnete die zündende Idee: Laden wir doch einfach einen Ausländer ein, in England einzumarschieren und die Ordnung wiederherzustellen! Sie schrieben also dem Statthalter der Niederlande, Wilhelm von Oranien, und luden ihn zur Invasion ein. Das hatte mehrere Gründe. Einerseits – und ganz wichtig – war Wilhelm im Gegensatz zu Jakob Protestant. Andererseits war er aber auch Jakobs Schwiegersohn, was nicht gerade unbedeutend war. Man wollte so einen Putsch schließlich auch dynastisch legitimieren können. Im November 1688 landete Wilhelm also mit einer Armee in England und begann, in Richtung London zu ziehen. Nachdem weite Teile des Adels zu Wilhelm übergelaufen waren, warf Jakob II. das Handtuch und floh in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Frankreich.

Die Ära Stuart oder: Wie der Antikatholizismus zur englischen Staatsideologie wurdeDamit war die sogenannte glorreiche Revolution dann auch schon wieder vorbei, zumindest in England. Irland ist ein anderes Thema … Jakob versuchte über die nächsten Jahre zwar immer wieder, die Macht in England wieder an sich zu reißen, was aber stets vereitelt wurde. Wilhelm und seine Frau Maria, die Tochter Jakobs, wurden währenddessen schon im Frühling 1689 gleichberechtigt zu König und Königin Englands gekrönt. Weitere zwölf Jahre später „löste“ England sein Religionsproblem dann ein für alle Mal. Mit dem Act of Settlement wurde Katholiken im Jahr 1701 schlichtweg verboten, jemals König von England zu werden. Sogar einen Katholiken zu heiraten, schloss ein Mitglied der königlichen Familie bis vor kurzem noch vom Erbrecht aus.

Die Auswirkungen dieses Acts of Settlement können gar nicht hoch genug geschätzt werden. Dabei handelt es sich wirklich um ein Gesetz, das weltweit seinesgleichen sucht. Große Teile des englischen Adels waren doch immer noch katholisch, noch mehr waren mit Katholiken verheiratet. Alle wurden sie nun über Nacht von der Thronfolge ausgeschlossen. Schon nach wenigen Jahren zeigte das auch politisch seine Folgen.

Die Stuarts starben in ihrer protestantischen Linie schon im Jahr 1714 aus. Nachfolger auf dem Thron Englands wurde damit ein gewisser Georg, Kurfürst von Hannover. Dank des Acts of Settlement rückte er von der doch eher hoffnungslosen Stelle 58 in der Thronfolge auf Platz 1 vor! Seine Krönung leitete für England, beziehungsweise seit 1707 vielmehr das Vereinigte Königreich von Großbritannien, eine ganz neue Phase ein: Die merkwürdige Personalunion zwischen der Weltmacht in London und dem mittelgroßen deutschen Staat Hannover. Mit dem Katholizismus verband das neue Großbritannien noch lange Zeit eine komplizierte Beziehung. Ich sagte es ja bereits: Irland ist ein anderes Thema.

Zum Autor

Ralf Grabuschnig ist Historiker und Autor und betreibt den Geschichte-Blog und Podcast „Déjà-vu“, auf dem er wöchentlich spannende Episoden aus der Geschichte erzählt – immer mit Blick auf das Hier und Jetzt und mit einer gesunden Portion Augenzwinkern. Dieser Artikel basiert auf seinem neuen Buch „Endstation Brexit“. In insgesamt neun lustig erzählten Episoden aus der Geschichte zeigt er darin: England und Europa kamen sich schon immer in die Haare, nur um sich wieder in die Arme zu fallen. Der Brexit soll sich mal nicht so aufspielen.

Endstation Brexit Endstation Brexit Preis: EUR 18,95


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