Die Angstschwelle

Von Verschlankomat @Verschlankomat

Im letzten Jahr habe ich zwar wenig gebloggt, dafür viel nachgedacht. An und für sich ist es mir nicht schwer gefallen meine 63,* zu halten, Probleme hat es nur gemacht, sobald ich (halbherzig, das gebe ich zu) versucht habe, drunter zu kommen. Ich hatte für sage und schreibe zwei Tage sogar die 61 vorm Komma! Weiter ging es aber nicht. Warum?

Habe ich mein Wohlfühlgewicht erreicht?

Ich glaube nicht! Es sei denn, Wohlfühlgewicht hat etwas mit Angst zu tun. Mit der Angst vor dem Neuen! Angst vor der unbekannten Person, die unter 63 Kilo auf mich wartet!

Ich hatte mich damit ja schon früher auseinandergesetzt, nämlich in den Artikeln Angst vorm Erfolg und Ich, bin ich das wirklich, der Antwort jedoch offenbar nicht näher gekommen. Den Ausgangspunkt meines Problems konnte ich aber schon mal einkreisen. Das war, als ich mit WW anfing und eigentlich nur eine Marke im Kopf hatte: 65 Kilo – auch wenn mein Wunschgewicht 59 Kilo lautete. Ehrlich gesagt, habe ich nie auch nur für eine Minute geglaubt, dass ich jemals unter 60 fallen werde. NEVER EVER! Und DAS ist das Problem!

Was trauen wir uns eigentlich zu?

Habt ihr darüber mal nachgedacht? Was glaubt ihr, könnt ihr erreichen? Ich frage nicht, was ihr erreichen möchtet, das steht nicht zur Debatte, ich möchte wissen, woran ihr ehrlich glaubt. Welches Gewicht gibt euch genug Sicherheit unter Leute zu gehen ohne ständig an euren Kleidern zu zupfen oder nach dem nächsten Spiegelbild Ausschau zu halten? Welches Gewicht erlaubt es euch auf Fotos einfach nur zu lächeln, anstatt innerlich verkrampft eine fröhlich wirken sollende Grimasse zur Schau zu tragen? Welches Gewicht kommt dem Kern dessen, wer ihr sein möchtet, am nächsten?

Bei mir, so viel konnte ich immerhin feststellen, ist das alles zwischen 62,8 kg und 63,7 kg! Im unteren Bereich mehr, im oberen weniger. Und ich meine jetzt nicht nur die Zahlen, ich meine wirklich das seelische und körperliche Gefühl, das ich innerhalb dieser Spanne aufrecht erhalten kann.

Wir mögen, was wir kennen

Innerhalb dieser Grenzen passen alle Klamotten, die mir in meinem Kleiderschrank gefallen; habe ich wenig Bauch und v.a. keinen Rettungsring überm Bündchen; fällt es mir leicht für Fotos zu posieren und – last but not least – so kenne ich mich! Das ist die kleine, dicke Jesse, die mit ihrem losen Mundwerk zwar aneckt, der man aber verzeihen kann, weil sie doch eigentlich ganz putzig ist – so klein und rund. Aber will ich tatsächlich diese Jesse sein?

Wer will ich sein?

Nun, irgendwelchen Idealen nachzuhängen ist nicht mein Ding. Ich muss nicht dringend 56 Kilo wiegen, weil XY so viel wiegt und klasse aussieht. XY ist ein Abziehbild, das durch 5 Ebenen Photoshop zu dem gemacht wird, was wir sehen (ich weiß es, ich kann das auch! Photoshop-pen meine ich). Ich bin einer der Menschen,  die einem im wahren Leben begegnen und weiß, dass es außer mir selbst keinen gibt, der mir auch dann noch helfen kann, wenn mein Jammern unerträglich wird. Das kann nur ich und darum lautet meine Antwort auf obige Frage Wer will ich sein?, ganz einfach: Ich möchte diejenige sein, die entscheidet, wann es gut ist.

Ich höre Stimmen

Um so eine Sicherheit zu erreichen, müssen wir aber aufhören, uns Sachen einzureden oder gar einreden zu lassen. Nicht von den Medien, sondern von unserem Umfeld. Es mag sein, dass es stimmt und …wir für unser Alter gut aussehen, oder … ja noch nie gertenschlank waren, oder …doch schon so viel geschafft haben, oder …langsam richtig krank aussehen, oder eine unserer Bekannten gerne mit uns teilen würde, …wenn wir „das bisschen“ tatsächlich als so großes Problem ansehen und so weiter und so fort.

Es ist völlig egal, was andere denken oder mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Wir müssen nicht aus falsch verstandener Freundschaft (o.ä.) unser Hirn mit solchen Gedanken füttern! Denn solche Sprüche sind die Punkte, die wir gar nicht zählen können! Die belasten uns! Es sind solche Worte und Gedanken, die wir aus unserem Plan streichen, auf die wir verzichten müssen! Weil sie sonst ganz offensichtlich dafür Sorge tragen, dass wir von einem bestimmten Plateau einfach nicht mehr runter kommen!

Knack die Klebemarke!

Ich jedenfalls bin fest entschlossen, mir die Unbekannte endlich einmal anzuschauen. Vielleicht ist die U60-Jesse ja eine ganz coole Socke, was meint ihr? Vielleicht tickt die total sauber, ist am Ende genau wie ich und kauft und näht sich einfach neue Klamotten, die sie mag? *

Habt ihr auch so eine Klebemarke? Wo sitzt euer persönlicher Teufel? Wovor habt ihr Angst?

Ich wünsch euch was,
Jesse (extrem rund und putzig )


* Mein Kleiderschrank, der ist  auch noch so ein Punkteherd! Die schönen Sachen! Ein paar davon kann man vielleicht noch anpassen, aber die meisten werden wohl in die Tonne auf der gegenüberliegenden Straßenseite wandern. Das macht mir ehrlich zu schaffen, denn einige dieser Klamotten besitze ich schon seit Jahren und ich war so glücklich endlich wieder hinein zu passen!

Egal, das Leben geht weiter! Ich gebe der U60-Jesse jedenfalls ihre wohlverdiente Chance!