Die andere Apotheke

Samstag Nachmittag. Im Moment läuft viel, dieses Jahr ist die Grippe früher gekommen und wer nicht die Grippe hat, hat im Moment den Norovirus. Ich bin an der Kasse dabei mit einem Kunden den Verkauf abzuschliessen.

Drogist Urs übergibt mir sehr kurz seine Kundin: „Pharmama, könntest Du bei ihr schauen, ich übernehme deinen Kunden.“

Das … ist kein Problem – bei meinem muss ich sowieso nur noch einkassieren, trotzdem wundert mich die doch sehr knappe Übergabe. Sehr untypisch für Urs.

Seine Kundin verzieht schon bevor sie etwas sagt das Gesicht. Dann legt sie los, als ich sie fragend anschaue.

„Sie sind die Apothekerin? Na gut. Ich bin Ärztin. Ich würde gerne das hier für mein Kind haben!“ (hält mir einen freiverkäulichen, homöopathischen Hustensirup unter die Nase) …

Ich: „Oh, gut. Wenn sie Ärztin sind, bekommen sie bei uns auch dafür 10% …“

(deshalb hat sie Urs aber nicht abgegeben, oder …?)

Frau: „Ich will das aber nicht zahlen. Bei den anderen Apotheken geht das so, dass ich das bekomme und sie dann dem Kinderarzt faxen, um ein Rezept zu bekommen.“

Ah. Sie will also einen Vorbezug machen. Für einen Sirup, der gerade mal 15 Franken kostet. Weniger für sie als Ärztin.

Ich: „Hmm. Ich mache das gelegentlich. Bei bekannten Kunden. Waren Sie oder das Kind schon einmal hier und haben etwas auf Rezept bekommen?“

Jetzt verzieht sie wirklich das Gesicht: „Wenn das nicht geht, gehe ich in eine andere Apotheke!“

Oh. Bitte. Ist das eine Drohung? Dann verliere ich den Wahnsinnsumsatz für den ich auch noch extra herumtelefonieren darf? Ruhig bleiben, Pharmama.

Freundlich lächelnd: „Wie ist denn der Name?“

Sie gibt mir eine Krankenkassenkarte (aus dem übrigens gut gefüllten Portemone) und ich schaue im Computer nach. Sie war noch nie hier mit einem Rezept. Weder das Kind (für das sie die Karte nicht dabei hat), noch sie selber.

Zum Rekapitulieren – Praktisch ist es das was sie will: Nicht zahlen, Sirup nehmen und einfach gehen. Für uns bedeutet das aber das: Ich muss das Kind neu im Computer als Patient aufnehmen. Ich muss die Deckung kontrollieren – kann ich auch erst am Montag, da sie die Karte nicht hat und die Kasse jetzt am Wochenende nicht erreichbar ist. Dann muss ichdas Rezept vom Arzt verlangen – und hoffen, dass der das Rezept auch wirklich schickt. Ich muss das Mittel dann der Krankenkasse einschicken zum abrechnen. Die Krankenkasse wird ihr dann (weil die Franchise wahrscheinlich noch nicht erreicht ist) die Rechnung für die 15 Franken schicken.

Ich treffe eine Entscheidung.

Pharmama: „Tut mir leid, aber sie habe ich noch nicht drin. Wie gesagt, mache ich das bei bekannten Kunden, aber so … Nein. Sie können das haben – mit einem Rabatt von 10%, aber sie müssten es jetzt bezahlen.“

Frau: „Dann halt nicht! Dann gehe ich in die andere Apotheke, dort geht das!“

Pharmama: „Sicher. Schönes Wochenende!“ wünsche ich noch – und denke bei mir: viel Spass dabei, jetzt am Samstag nachmittag ist die Chance noch gross, dass „die andere Apotheke“ schon zu hat.

Aber speziell schön fand ich ihre Aussage/Behauptung, dass sie Ärztin ist. Ich bin ziemlich sicher, sie hätte als solche (mit Praxis) keine grosse Freude, wenn ihre Patient(inn)en einfach so in allen Apotheken Vorbezüge verlangen gehen. Für Sachen, die man auch ohne Rezept bekommen kann.

Ich nachher so zu Urs in einer ruhigen Minute: „Du, Urs … Ich muss dir leider sagen … sie hat das auch von mir nicht so bekommen.“

Urs: „Finde ich super.“

Ja. Die andere Apotheke ist aber besser – oder?